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We will never surrender


Boris Johnson als Politclown zu belächeln , das ist die eine Seite seines Kalküls, seiner grandios inszenierten Rolle als Politikhasardeur den kritischen Stachel zu nehmen. Die gravierendste Folge der Verächtlichmachung seiner Person ist jedoch die Neuwahlfalle, in die seine politischen Gegner hineintappten wie eine Herde Schafe.

Johnson der Cäsaropapist, der im Gewand des Volkstribuns daherschlendert und der am Ende eines Schachers, eines shakespearesken Bubenstücks, das bekommen wird, was er von Anbeginn an, hinter dem Schleier seiner Harlekiniaden, begehrte: Es darf neu gewählt werden. Diese Wahlen werden ihm am kommenden Montag, am Ende des parlamentarischen Gesetzgebungsverfahrens für einen No-No-Deal-Brexit, wie reife Früchte in den Schoß fallen. We will never surrender.

Johnson kann es vollkommen Schnuppe sein, ob sich die EU der beantragten Verlängerung der Ausstiegsfrist beugt oder nicht. No-Deal-Brexit oder den Ausstieg zu seinen von ihm diktierten Bedingungen (ohne Backstop etc.). Beides ist für ihn vollkommen tolerabel. Heute oder 5 Monate später.

Alle wollten ihn malen als Monster-Missgeburt auf Jahrmarktstafeln, mit der Schrift dazu: „Hier zeigt man den Tyrannen“.

Könnte man mit Shakespeare einmal von ihm behaupten „Viel, was er wagt, und noch zum unerschrocknen Geist dazu, da hat er Weisheit, die den Mut ihm lenkt, stets vorsichtig zu handeln“?

Oder kommt es für ihn wie Lady Macbeth es konstatierte? Nichts ist gewonnen, alles ist vertan, fehlt uns Zufriedenheit am End der Bahn“.

Am Ende der Bahn leuchtet aber auch Johnsons mögliche, alles vertuende Wahlniederlage. Sein eigener Bruder Jo ist ihm von der Fahne gegangen und die Anträge zur Registrierung junger Neuwähler schießen ins massenhafte Kraut. Es ist noch lange nicht gesichert, ob Johnson erhebliche Stimmenumfänge von Nigel Farages neuer Brexitpartei zurückgewinnen kann.

Dieses Land, es muss sich ja kaum noch erkennen, so aus dem Lot geraten, so instabil. Wenn es zu sich selbst nur reden könnte. In etwa so: „Fast bang, im Spiegel sich zu schauen. Man kann’s nicht Mutter nennen, nur noch Grab; wo niemand als der, der nichts weiß, noch ein Lächeln trägt; wo Seufzen, Stöhnen, Schrein die Luft zerreißt, und keinen kümmert’s mehr; wo wildes Leid wie Alltagsstimmung scheint „.

Und am Ende mag kein wenig Wasser reinigen von der Tat. Das gilt auf Sicht bei einer Wahlniederlage der Tories. Demnächst mehr in Her Majesty’s theatre.

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Kategorien:Allgemein

7 Kommentare

  1. Hallo Achim,
    dazu habe ich gerade heute einen Artikel [ob in der „Welt“ oder „Zeit“, das weiss ich nicht mehr] ueber den Mann im Hintergrund, Dominic Cummings, gelesen. Hier ein paar Auszuege:
    – Viele Beobachter glauben, im knallharten Brexit-Kurs des Premiers die Handschrift von Dominic Cummings zu erkennen. Er ist Johnsons wohl wichtigster Berater – und gilt als skrupelloser Stratege mit Umsturz-Fantasien.
    – der 47-Jährige gilt als skrupellos.
    – Überhaupt macht Johnsons Mann keinen Hehl daraus, dass er auf die vorhandenen politischen Institutionen nicht viel gibt, sondern das System gehörig umkrempeln möchte.
    – „Das ist, warum ich und ein paar andere auf das Referendum gesetzt haben – wir wussten, dass die systemische Dysfunktionalität unserer Institutionen und der Einfluss der grotesk Inkompetenten uns die Gelegenheit für extreme Hebelwirkung bot“, schreibt er auf seinem Blog unumwunden. Dort ist auch zu lesen, dass er die innenpolitische Krise im Zusammenhang mit dem Brexit nutzen will: „Solche Krisen sind auch die Wellen, auf denen man surfen kann, um normalerweise unveränderliche Dinge zu verändern.“
    – Cummings ist ein Verehrer des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarcks. Wie sein Vorbild hat er wenig übrig für die Parlamentarische Demokratie. Womit er sie verbessern oder gar ersetzen will, bleibt aber diffus.
    Er erinnert mich ganz fatal an Stephen Miller, den rechtsradikalen Berater Donald Trumps, auf den die absolut fremden-/immigrationsfeidnliche Politik hierzulande zurueckgeht.
    Liebe Gruesse,
    Pit

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  2. Lieber Achim,
    Danke, dass Du mir Brexit oder B. Johnson in den Zusammenhängen verständlicher machst.
    Wie gut wäre es, wenn England einfach in der EU bleiben könnte. …Wünsche mir immer noch ein Wunder oder sowas…
    Ok. Ist weltfremd, weiß ich…
    Leider sind inzwischen die Groteske, die grundsätzliche Radikalbereitschaft zum Herumrüpeln sowie die Angst Agenda so vieler Mächtiger und das Wort ‚Diplomatie‘ klingt gegen so eine Schlägerphysiognomie wie ein brandneues und leider allzu schwer zu erlernendes Fremdwort…

    Liebe Grüße,
    Amélie

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Amelie,

      Ob ich selbst die ganzen Spitz- und Feinheiten dieses Theaters erfasst habe, ist dahingestellt. Allerdings versuchte ich in den letzten Tagen mich mehr und mehr einzulesen über die Besonderheiten des parlamentarischen Systems des Vereinigten Königreichs. So gibt es dort keine Verfassung als zusammenhängendes Dokument, sondern sie besteht aus historischen Dokumenten, ungeschriebenen Vereinbarungen, aus Gesetzestexten und dem auf Tradition bestehenden Gewohnheitsrecht und dem an Präzedenzfällen ausgebildetem Fallrecht. Spannend, sehr spannend, sag ich dir. Inzwischen meine ich, bei aller Demonstration dessen, wie lebendig parlamentarische Demokratie sich dort gerade aufführt, dass es zu einem Ende kommen muss, für alle Beteiligten. Ein Ausscheiden aus der EU muss ja nicht das letzte dort gewesen sein.

      Gefällt 2 Personen

      • Heiliger Bimbam, das klingt so kompliziert wie das Geheimnis echter Worcestersoße…ich befürchtete so etwas in dieser Art schon…
        Und solange Demokratie so lebendig ist, ist sie aber ein Vorbild…Wenn nur das Volk neu abstimmen könnte…inzwischen haben viele Engländer bemerkt, dass der Brexit zwar dem elitären Insulanerego ungemein schmeichelt, doch in Wirklichkeit einen Riesenhaufen von Gefahren und Problemen mit sich bringt…allem voran den empfindlichen Irlandfrieden mit den sich anbahnenden Zollabfertigungsproblem…
        Nein, ich hoffe auch noch, dass es eine andere Lösung geben könnte. Brexit light, Brexit-to-go, No-Go-Brexit oder Perückenzwang für das komplette EU-Parlament – Hauptsache, das Schlimmste könnte irgendwie verhindert werden…

        Gefällt 1 Person

    • Ich kann Dir nur zustimmen: wie schoen waere es, wenn die Briten in der EU blieben und die Chance nutzten, diese von innen heraus zu verbessern. Aber wie Du auch sagst, das bleibt wohl ein Wunschtraum.
      Liebe Gruesse,
      Pit

      Gefällt 1 Person

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