Die Sonne ist finster jetzt, Ariadne


Die Schultertasche, dein Zeughaus, der Mikrokosmos der Eitelkeit, es passt nicht zusammen, wenn sie an deine unsichtbare Hüfte schlägt.

Sie schlägt an den Chlamys, in dem du stöckelst, der kleinen Lichtmaschine hinterher, mit der du dein Lächeln in jeden toten Winkel der Labyrinthe zu Grabe trägst, mit zuschnappendem, erloschenem Auge.

Und spinne mir, darum bitte ich dich, nie rote Fäden, wenn du mit ihnen nur tote Schmetterlinge an tote Wände heften willst, anstatt die Welt hell aufzufädeln.

Ariadne, die Sonne geht finster jetzt, du feilschst mit dem Dunkel um deinen Schoß.

Der gefräßige Bildfaden der kleinen Maschine aus Licht ist das Mikroskop auf das Nichts, der versteinernde Blick der Medusa.

Kategorien:Allgemein

23 Kommentare

  1. Puh, Achim, schwere Lyrik. Ariadne half Theseus den Minotaurus auszutricksen und ihr Haarschmuck steht als nördliche Krone in den Sternen. Um den Schoß einer Frau ist schlecht feilschen – ist es doch immer nur ihrer allein. Die Gorgo, bat sie wohl darum grauenerregend sein zu müssen? Das alles muss ich mehrmals lesen. Gedichte wirken so anders als Geschichten und Deines hier muss ich noch ein paar Mal lesen, es steckt so viel darin.
    Liebe Grüße von Amélie

  2. Und sie war die Tochter des Helos, Frau des Dionysos.Die Tochter des Sonnengottes. Die Frau des dunklen Rausches, des Ekstatischen .

  3. Die kleine Lichtmaschine: eine Kamera

  4. …ja…das alles…Dionysos fand sie schlafend und verlassen am Strand…und sie war die Göttin der Labyrinthe und der Leidenschaft….klingt doch prima…?

  5. Hm…eine Kamera…?
    Das wird immer rätselhafter…

    • Heutzutage trägt die Kamera der Selfies jedes aufklärende Licht zu Grabe, sie erhellt nichts mehr, sie ist eben kein roter Faden mehr. Das Licht sollte die Dinge erhellen, wie unter einem Mikroskop. Heutzutage erhellt das Mikroskop nichts mehr. Die Kamera zielt auf die Dinge und macht sie zu Stein. Das ist jetzt die Erklärung meines Gedichts am offenen Herzen 😊

      • Huch, ja wer weiß was mein Krauskopp sich da wieder zusammen gereimt hätte….allerdings darf er das bei einem Gedicht…Deine regen mich immer zum Nachdenken an…danke für die Erklärung…
        Gedichte dürfen aber ruhig rätselhaft sein. Dann bringen sie die kleinen Grauen auf Trab. Gedichte funktionieren nur am offenen Herzen…Hauptsache, sie fungieren nicht als Herzausreißer…

  6. Licht der Kamera, die nur die Eitelkeit befriedigt, nichts mehr erhellt, wie der rote Faden ja im übertragenen Sinne Theseus den Weg zurück aus dem Labyrinth ermöglichte, sozusagen das Licht war für ihn heraus

  7. Lieber Achim, mich beschäftigt dies Gedicht immer noch, ich versuche den roten Faden zwischen dem Labyrinth damals und der Selfie-Manie heute zu finden. Vielleicht interessiert dich mein Ikaros-Beitrag, der eine andere missglückte Flucht aus dem Labyrinth thematisiert. https://gerdakazakou.com/2015/07/20/ikaros/
    Übrigens ist die oben von mir gegebene Übersetzung von Pasiphae falsch. Richtig ist: die-alles-Überstrahlende, die sie alls Tochter von Helios ausweist. Die Ähnlichkeit zwischen phao – essen und phaio – leuchten hat mich in die Irre geführt. dazu auch der Charakter, der der Pasiphae zugeschrieben wird.
    Der Mythos hat vermutlich mit dem Übergang des Frühlingspunktes vom Tierkreiszeichen „Stier“ zum nachfolgenden Widder zu tun, der politisch-kullturell mit der Verlagerung des Herrschaftszentrums von Kreta nach Athen (durch Theseus) einhergeht.
    Verzeih, wenn ich mehr auf den alten Mythos als auf dein Gedicht eingehe. Gedichte interpretiere ich ungern, ich lasse sie wirken. Liebe Grüße.

  8. Liebe Gerda,

    Ich versuche es einmal mit dem roten Faden. Obwohl man die eigenen, auch lyrischen Kopfgeburten ja eher ruhen lassen sollte. Zu viel der Erklärung nimmt ihnen die Wirkung, sofern sie in diesem Fall überhaupt eine haben. Die moderne „Ariadne“, die der eitlen Selfies, die zu nichts weiter führen als zur Eigenbespiegelung, diese moderne Frau also und ihr moderner Umgang mit dem Licht, das nichts mehr erhellt (die Lichtmaschine = Kamera), nur verdunkelt,
    Diese moderne Variante gibt sich irgendwie auch der Dunkelheit hin, die nichts erklärt (deswegen das Bild des roten Faden, der aus den Labyrinthen der modernen Welt nicht mehr hinaus führt, allenthalben nur noch in die narzisstische, dionysische, rauschhafte Innenwelt führt, die nichts mehr wesentliches zu sagen hat). Die überhaupt nichts zu sagen hat (hier benannt als das Mikroskop, dass nichts erhellt außer dem Nichts selbst). Die Ariadne der Mythologie war ja in gewisser Hinsicht apollinisch unterwegs, weil sie dem Theseus mit dem roten Faden (steht in dem Gedicht stellvertretend für „aufklärerisches“, welterklärendes Licht) den Weg aus dem tödlichen Labyrinth gewiesen hat. Licht Liebe, Aufklärung, Erhellung, Offenheit apollinisch gegen Narzissmus, Eitelkeit, Dunkelheit, Labyrinth und dionysisch. Das waren die Gegensatzpaare, die in meinem Kopf anfänglich herumschwirrten. Ich hoffe nur, dass diese Erklärungen etwas Licht geworfen und die Sache nicht weiter verdunkelt haben.

    Grüße nach Griechenland

    Achim

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