Möwe, Tau und Nebel


Heute Morgen in der Ferne ein Vogelschrei, dem einer Möwe ähnlich. Er entzündet die Raserei der Sehnsucht nach dem Meer, mindestens aber nach einem Bild von ihm. Nach dem in Grauschattierungen changierenden Horizont, von dem ich nie weiß, ob er nur die lähmende Melancholie widerspiegelt oder die Gefahr eines Aufbruchs, oder die Aufforderung nach Entladung jedweden Gefühls. Geronnene Gefühle sind das Kleid, in welchem die Verantwortungslosigkeit daherschlurft, die seelenlosen Begriffe, das verrätselte Verständnis von …. irgendetwas.

Wenn ich nahe genug an diese Sehnsucht herantrete, zeigt sich darin die Fratze gescheiterter Kommunikation. Das Für-sich-sein ist nur die Metapher von nicht mittendrin-sein-können. Ich vermag es nicht, Gefühl und Überzeugungen waschecht erscheinen zu lassen. Hinter jeder Äußerung steht ein Menetekel: Das Ja-Ja, mit dem es abgetan wird und belächelt.

Etwas an mir erinnert wohl an Schein. Den Stein den Berg von Vorurteilen hinauf zu rollen  ist entwürdigend und macht agressiv. Wüste Beschimpfung ist das Echo meiner wüsten Beschimpfungen.

Jemanden lange genug zu kennen ist ein unüberwindliches Dilemma. Niemand möchte den auf sich gerichteten Finger des So-bist-Du. Bleibe bei deinen Leisten, Schuster. Es ist doch so: Festgestellt zu sein im Lichtkegel eines Urteils wirft in mir die Frage auf, die an Rilke erinnert: Du musst dein Leben ändern. Und das genau will ich nicht. Es hätte nichts mehr mit mir zu tun. Ich würde mich verflüchtigen wie morgendlicher Tau und Nebel.

Kategorien:Allgemein

4 Kommentare

  1. Aaaaaaaach – das Problem kommt mir bekannt vor. Ging nicht nur Rilke so. Wie sagte Gottfried Benn einst (sinngemäß zitiert): „Dumm sein und Arbeit haben – das ist das Glück.“ dann juckt dich wirklich nichts mehr.
    Oder etwas schiefer, weil physikalisch falsch, aber in herzergreifender Musik eingehüllt:

    „Ein Kieselstein übersteht, woran der Diamant zugrunde geht.“ (Peter Cornelius)

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