Zugegeben, ich tue mich schwer mit selbsternannten Welterklärern und ErklärbärInnen, die aus der Perspektive des Tendenziösen sich aufmachen, um dem tumben deutschen Michel die Welt zu erklären. In noch schlimmeren Fällen  prahlen solche Propagandisten der Ein-Eindeutigkeit der Welt von der Objektivität von Sachlagen, die eigentlich jedem mündigen und informierten Bürger ins Auge springen müssten.
Es liegt in der Natur meiner Sache, dass sie sich gerne mit Fakten beschäftigt, nicht mit Vermutungen, hahnebüchenen Argumentationen, Verschwörungstheorien, Tatsachenleugnungen und vor allem nicht mit informatorischer Unredlichkeit, die sich auf dubiose Info-Quellen beruft, um diese dann, mit einer öligen Portion  Eigenlob  geschmückt, zur Untermauerung der eigenen Nachdenklichkeit zu rekrutieren.

Man könnte darüber schmunzeln, dass sich so manche auf dem Weg  ihrer pseudopädagogischen Aufklärungkampagnen zu Sätzen grotesk-lächerlicher Hybris hinreißen lässt, ich zitiere: „An dieser Stelle kommt mein berühmter harter Schnitt. Ich hole tief Luft und erkläre einmal mehr die Welt. Mit Informationen, die sich jeder selbst hätte beschaffen können.“ Im gleichen Beitrag: Dumm geboren und nichts dazu gelernt!“, ist ein Satz, der bei hitzigen Auseinandersetzungen gern fällt und den ich so für den Westen, für Deutschland übernehmen muss.“

Wenn man sich die Struktur, den Inhalt und die Rhetorik solcher Beiträge anschaut, so fallen sofort die Mittel ins Auge, mit denen populistische Politik gemacht wird. Es herrscht da ein gewisser Jargon der Eigentlichkeit. Da haben wir zum Einen den exkludierenden Anspruch auf Wahrheit, mit der die eigene Perspektive auf die Weltläufte ausgestattet wird. Man kann das als beabsichtigten Tabubruch bezeichnen, der die eigene Meinung mit den Insignien einer Heilsprophetie religiös auflädt. Aus der Warte des aufklärerischen Fluchtpunktes wird die  Erleuchtung wie Manna über die Unmündigen ausgeschüttet. Geschenkt, wird man sagen, wer tut das nicht in jenen Diskursen, deren Charakteristik bestimmt ist vom Willen, den Feind intellektuell mundtot zu machen.

Nicht geschenkt ist diese Kritik, wenn man sich Chantal Mouffes  sogenanntes agonistisches Demokratiemodell zu eigen macht, welches sich politische Auseinandersetzung nicht als die zwischen Feinden wünscht, sondern maximal zwischen Kontrahenten. Dahinter steht der antiessentialistische Ansatz, dass es zwar immer wieder zur Bildung von hegemonialen Machtkonstellationen oder Meinungsdeutungshochheiten im Politischen kommt, diese sich aber immer Bündnissen von Subjektpositionen gegenüber sehen, die die bestehenden hegemonialen politischen Ordnungen durch andere Ordnungen jederzeit abzulösen in der Lage sind.

Das agonistische Demokratiemodell ist als Grundlage demokratischer Auseinandersetzungen zwischen hegemonialen Projekten (Parteiprogrammen, Ideologien, Think Tanks, Politphilosophien) gedacht, das in der Lage sei, den „potenziellen Antagonismus zu entschärfen, der menschlichen Beziehungen innewohnt, um menschliche Koexistenz zu ermöglichen.“ Dabei geht es Mouffe nicht darum, Konsens zwischen den politischen Gegnern herzustellen, da die „Konstitution eines WIR stets die Abgrenzung von einem SIE voraussetzt.“ Wichtig für alle im Politik- und Demokratiebetrieb ausgelebten Ideologien ist die Forderung nach Anerkennung des Pluralismus, in dem diese sich ereignen, und der die Grundlage des Erhalts demokratischer Systeme ist, bevor es zum Abgleiten in diktatorische Verhältnisse kommt. (Chantal Mouffe: Für einen linken Populismus)

Wenn man sich weiter mit der Rhetorik besagter Beiträge beschäftigt, erkennt man deren Appell an die Emotionen der Leser. Als da wären Ärger, Wut, Verunsicherung und Enttäuschung. Diese Emotionen werden gekonnt bespielt. Da ist z.B. das Bashing des politischen Gegners, seine Diabolisierung oder seine höhnische Verniedlichung. Auch Argumente ad hominem sind vertreten. Soziale Etikettierung wie zum Beispiel die Stigmatisierung des Gegners als „Social Justice Warrior“ oder anderen abwertenden Memen. Nachzulesen wieder auf  Thoughts of a beast“.

Was finden wir dort noch? Die Spekulation, die sich als noch weniger als eine Annäherung an die kolportierte  Wahrheit entpuppt. Und die hinter einem wohldrapierten Schleier aus Vermutungen jeden Beleg auf Stichhaltigkeit schuldig bleibt. Allenfalls wird sich wie bei einer Rosinenpickerei eine Statistik oder eine Umfrage herausgeklaubt, die als Kronzeuge für den Wahrheitsgehalt der Spekulation und der Andeutung herhalten müssen.

Auch gehört das metaphysische Raunen über unsichtbare Eliten und anonym bleibende Hintergrundakteure dazu, in deren Sold das individuelle  politische Aufbegehren stehe oder als Marionette von  Unternehmen diene, welche sich goldene Nasen an ihr verdienen.    Als Beispiele hierfür werden der Blogger Rezo oder die Umweltaktionistin Greta Thunberg aufgeführt. Man desavouiert das Individuum, singt das Lied seiner Heuchelei, und etabliert den Popanz der Verschwörung wirtschaftlicher Eliten   und ihrer, von der Politik, der nationalen und der internationalen, nicht einzuhegenden Macht.

Weitere rhetorische Stilmittel sind die Bespielung existentieller Ängste (Untergang des Abendlandes). Abwertende Sprachbilder (die Hysterie der Umweltaktivisten, die Umweltschutzmafia, die Globalisierungskrake, der naiven Schreiberling, der sich selbst inszenierende  Politdarsteller, der systemtreue Journalist etc.) Von den kolportierten Verschwörungstheorien  ganz zu schweigen (der Klimawandel als Erfindung bigotter Unternehmen, die sich an Umwelttechnologie dämlich verdienen;  die Leugnung der Machenschaften der Russland Connection im amerikanischen Präsidentenwahlkampf; die Liste kann fortgesetzt werden).

Alles in allem ist es der Feind, dem heimgeleuchtet werden soll. Es geht nicht um den  Kontrahenten, mit dem man sich in der Arena der Ideen misst.  Mit dem man für den Fortbestand des Geistes der Demokratie kämpft. Jeder auf seine Weise, aber mit dem gleichen Ziel. Ohne sich seine Eliminierung zu  wünschen, weder im übertragenen oder im eigentlichen physischen Sinne.

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