Bin einer
des Sporadischen,
ein widerrufener Glücksgriff nach zwei Drittel Leben,
das wölfische Grinsen der Unhöflichkeit.

Bin
eine Unmöglichkeit,
schwarze Tulpen von Sissinghurst.

Bin kein
Tropfen Regen auf die ausgezehrten Schollen
der unsolidarischen Moderne.

Kein Wort, das alles ändert,
kein Ruf, der die  Regatta am Saum der Horizonte
in einen Glückstakt zwänge.
War.

(© Achim Spengler, 2019)

11 Antworten auf „Bin

  1. Lieber Achim,

    „Während Harold formale, ja akkurate Strukturen liebte, war Vita freier, ja fast chaotisch und opulent geprägt. “
    Eben las ich etwas über Sissinghurst und seine Geschichte. Einer der berühmtesten Gärten Englands.
    Ein Garten der Kontraste.
    Vom Bin in ein War resümiert sich Dein Gedicht.
    Am Ende frage ich mich: was war der Dichter außerdem noch?
    Wenn am Ende eines Gedichtes Fragen offen bleiben,
    hat es für mein Empfinden genau das getan was es soll:
    inspiriert.

    Lieben Dank und Gruß

    von Amélie

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    1. Liebe Amelie,

      Die Sätze urteilen härter über meine eigene Existenz als es womöglich angebracht wäre. Lausige Zeiten des Altwerdens, mit ihrem Hang zum Konservatismus, der in meinem Fall nicht politisch geprägt ist, sondern eher durch das Herbeisehnen von Kindheit und Jugend. Gegen diese Idealisierung stinkt die Tagesaktualität nachlassender geistiger und körperlicher Kräfte gewaltig ab. Ich wollte einfach wissen, wie es sich anfühlt in den Tropen der Resignation, der mangelnden Risikobereitschaft, der mouches volantes, des schwärzenden Pessimismus.

      Liebe Grüße

      Achim

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      1. Lieber Achim,

        Ach Nein, urteilen diese Sätze oder zeigen sie nicht eher Facetten? Ich las, negative Gefühle seien auch wichtig und gesund. Nur Narren verdrängen und glauben, es sei gesund. Mehr Betrachtung, weniger Urteil finde ich in Deiner Lyrik, dunkle Romantik feinstes Nachtschwarz, etwas schaurig, es ist ein Gedicht wie es Baldur in Niflheim geschrieben haben könnte. Das Älterwerden ist eine Lebensphase und Leben ist Anpassung und auch Annahme und das ist manchmal so schwer. Die Resignation empfindest Du tropisch? Mir ist sie wie ein kalter Totengeist, ein ewig Wandernder, der sich längst aufgab. Mein Pessimismus kennt keine Volants. Er ist ein schwarzer Kratzestoff, ein härener Sack, in dem sich meine Demut einwickelt wie ein frierendes Opfer ihrer Scheinheiligkeit. Oh nein, meinen Pessimismus kenne ich. Ein Grottenolm, der am liebsten fliegen können will und der leider ohne Flügel zur Welt kam.
        Die mangelnde Risikobereitschaft nenne ich die Vorsicht vor dem Unbekannten, vielleicht ist es auch ein Vertrauen, das sich verlaufen hat.

        Ich wünsche Dir freundlich gesonnene Ostertage und viele gute Gründe zu einem Lächeln.

        Liebe Grüße,
        Amélie 🌸

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        1. Liebe Amelie,

          einige Erklärungen zu Begriffen in meinem Kommentar: mit Tropen meine ich nicht ein Gebiet mit bestimmter Wärme und Luftfeuchtiigkeit, sondern eine Klasse sprachlicher Mittel der Rhetorik. Ich hätte seine Einzahl nehmen sollen, den Tropus, um trennschärfer zu sein.

          Mit mouches volantes meine ich keine Volants. Damit „sind dunkle Punkte, Flecken oder fadenartige Strukturen im Gesichtsfeld bezeichnet, die sich in charakteristisch huschender Weise gemeinsam mit der Blickrichtung verschieben, wobei sie um eine Grundposition herum langsam schwingende Bewegungen ausführen.“ (Wikipedia). Bei mir sind diese Dinger sehr ausgeprägt, und nerven insbesondere beim Lesen.

          Das „Bin“ im Gedicht ist ja ein Zuschreibung oder Festschreibung, insofern auch immer ein Urteil über das So-Sein. Wie es sich für Literarisches gehört, kommt diese Zuschreibung in fiktivem Gewand daher. Übertrieben, zugespitzt etc.

          Jener Baldur, von dem du sprichst, sagt mir gerade nichts, außer, wie ich lese, dass er ein Sohn Odins war?

          Ich glaube, dass ein resignativer Zug ganz zwangsläufig, oder sogar ganz natürlich zum Älterwerden gehört. Niemand kann sich dem Gedanken entziehen, dass das Geschenk des Lebens „die auf Widerruf gestundete Zeit“ ist (Ingeborg Bachmann). Ich finde das nicht sonderlich schmerzlich, nehme es hin als eine Krise der Existenz, die es in jeder Lebensphase gibt. Auch die mangelnde Risikobereitschaft fühlt sich ganz natürlich an. Niemand sollte körperliche Risiken eingehen, die zu Verletzungen führen, niemand sollte geistige Höhenflüge wagen und sich dabei verheben. Mit meinen Gedichten verhebe ich mich sicherlich, aber noch bin ich in einem zeitlichen Zwischenstadium, wo mir mein Wagnis wichtiger erscheint als das Echo der Leser.

          Liebe osterliche Grüße an Dich.

          Achim

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          1. Lieber Achim,

            Meine Bildungslücken bezüglich einiger fachlicher Bezeichnungen geraten mir manchmal leider zum Fluch. Gestern las ich nach, was alles genau eine Allegorie ausmacht und fand dabei unter anderem auch den Begriff des Tropus als literarisches Stilmittel um etwas zu sagen, etwas anderes zu meinen. Bei den „Mouches Volantes“ staunte ich über mein Unvermögen einer korrekten Übersetzung. Da hätte ich besser mal das Wort nachschlagen sollen, was durchaus mein erster Impuls war, da ich dahinter etwas anderes vermutete, gehört hatte ich ihn jedoch noch nie und konnte ihn nirgendwo richtig verorten.
            Am Ende saß ich entsetzt vor meinem Kommentar und hätte ihn am liebsten ersatzlos gelöscht.

            Die mouches volantes werden auch „Glaskörperflocken“ genannt. Dass sie störend beim Lesen sind, kann ich mir sehr gut vorstellen. Das Wort allerdings ist ein poetisches und es klingt schöner als es sich auf Betroffene auswirkt.

            Baldur war der Sohn Odins und Frey’jas, der frühlingshafte Sonnengott, die Lichtgestalt der nordischen Mythologie und Niflheim ist ein Ort im Totenreich, an dem es nur Nebel und Frost gibt. Baldur litt unter Alpträumen und starb durch eine Tücke des listigen und ihm feindlich gesonnen Gottes Loki, der ihn mit einem Mistelpfeil erschoss, das einzige Kraut, dem der ansonsten unverletzbare Baldur nicht gewachsen war. Er litt unter heftigen Alpträumen und niemand konnte sie entschlüsseln.

            Die Resignation ist das Negativ der Hoffnung und sie gehört zum Älterwerden, dem Begreifen eigener Vergänglichkeit auch mit dazu, das betrachte ich genauso wie Du und Ingeborg Bachmann fasste die Fassungslosigkeit in die Worte, in einen Rahmen, der sie sprengte.

            Kann man sich an einem Gedicht verheben? So habe ich das noch nie betrachtet. Gedichte transportieren die Wahrheit des Dichters. Sie sind.
            Als ich im vergangenen Jahr meinen blog bis auf weniger Leser im Off versenkte, insgesamt viel stiller wurde, war mir klar, dass ich meine Gedichte noch nie für Leser schrieb. Das wollte ich auch gerne herausfinden, nun weiß ich es. Du führst mich an Fragen, was Gedichte überhaupt sind? Sie sind einfach da, weil ich sie schreibe und wenn jemand etwas damit anfangen kann, sie vielleicht sogar mag, freue ich mich, frei von einer Erwartung. Lyrik ist etwas Spezielles.

            Falls etwas, das ich geschrieben habe, vielleicht missverständlich war oder ankam, möchte ich mich offen entschuldigen. Es wäre das Gegenteil von dem, was ich beabsichtigt habe. Deine Lyrik begeistert mich und manchmal stehen mir meine Bildungslücken im Weg herum. Die gilt es mit Wissen zu füllen, darum danke ich Dir für Deine Erklärungen des „tropus“ oder“ mouches volantes“.

            Freundlich,

            Amélie

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            1. Liebe Amelie,

              ich wollte nur zum Verständnis meines Kommentars etwas beitragen. Diese Dinge nicht zu kennen ist keine Bildungslücke, haben sie doch nur etwas mit meiner Situation allein zu tun, und können niemals vorausgesetzt werden als Bestandteil der sogenannten Allgemeinbildung. Alles ist gut, Amelie. Dein Kommentar ist ungeachtet dieser Petitessen wie immer aufschlußreich für mich, weil ich in ihm deine aufrichtige Auseinandersetzung mit meinem Schreiben erkenne und die Blöße, die du dir in der Hingabe dieser Auseinandersetzung an fremdes Schreiben gibst. Das ist ungewöhnlich in der Welt des Bloggens und immer auch Ansporn, für mich im Schreiben mein „Bestes“ zu geben.
              Lyrik für mich hat ein doppeltes Gesicht. Fremde Lyrik spornt mich an, sie entschlüsseln zu wollen, wo es vielleicht nichts zu entschlüsseln gibt. Vieles von dem was ich an fremder Lyrik mag, erinnert mich an Écriture automatique oder an das Nacherzählen von Traumsequenzen. Sich syntaktisch und semantisch treiben zu lassen und dabei den einen oder anderen Wegweiser zum Verständnis zu hinterlassen, so würde ich mein Schreiben beschreiben wollen.

              Liebe Grüße hinauf in den Norden

              Achim

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              1. Lieber Achim,

                Lieben Dank für Deine Erklärung für das bessere Verständnis. Bin noch verhuscht, muss ich gestehen. Wie oft schon habe ich es mir durch Unachtsamkeit mit Sympathien anderer ungewollt verscherzt.
                Nur ausgesucht wenig Lyrik vermag es, mich derart zu „packen“, dass mein Gehirn in eine Art Rauschzustand versetzt wird, mit dem Verstand als Verbündetem. Je älter ich werde um so deutlicher wird mir bewusst, wie wenig ich weiß. Doch ich lerne sehr gerne. Indem andere mir meine Bildungslücken nachsehen können, ermöglichen sie mir, dass ich sie mit Wissen füllen kann. Hm, ist es jetzt eine „Blöße“ oder eine „Offenheit“, wenn ich mich auf ein Gedicht, ein Bild, Gedankengänge eines anderen Menschen einlasse? Ja, es gehört auch Vertrauen dazu, das ist richtig. Und es macht auch verletzlich. Doch Ungewöhnlichkeit kann auch bärenstark machen…
                Nicht immer mag ich Lyrik entschlüsseln. Mancher Lyrik Zauber entfaltet sich vor mir erst dadurch ganz, dass er ein ungelöstes Rätsel bleiben darf, ein Lächeln auf eine Frage ohne Antwort. Auch mit manchem Bild ergeht es mir ähnlich.
                Bashos Haiku über den Frosch, der in das raunende Wasser des Teiches springt, verursacht mir jederzeit Gänsehäute, weil es mich verzaubert. Es ist ein Rätsel und ich trage den Schlüssel dazu im Herzen. Darum aber verstehe ich Basho und seine tatsächliche Intention des Haikus noch immer nicht, denn wer weiß welche er hatte als er es aufschrieb? (I know nothing about you…)Darum könnte ich sein Haiku niemals so entschlüsseln wie es dem Ist-Zustand der Aufzeichnung entsprechen würde, oder? Entschlüsselt ist Kunst für mich immer dann, wenn ihre Aussage in mir Fragen oder Erkenntnisse aufwirft oder mir gar antwortet. Damit beziehe ich sie aber nur auf mich. Nun gibt es jedoch Kunst, vor der ich mich tief verbeuge und die ich als genial erachte, doch dennoch vermag ich sie nicht in mir zu entschlüsseln und sie verzaubert mich auch nicht. Sie bleibt eine mir fremde Frequenz und babelsch.

                Deine Lyrik wirkt auf mich rätselhaft und geheimnisvoll. Sie reizt auf vielen Ebenen gleichzeitig, das macht sie so schön komplex und tief. Gut, ich kann mich mit der Verortung eines Bildes im Ausdruck schwer vorantun. Doch das Gedicht bleibt was es ist, weil es wie ein Gefühlstransmitter oder ein Klangkörper wirkt, weil es Schwingungen produziert. Darüber könnte ich noch mehr schreiben, doch es würde viel zu lang, ist es jetzt schon wieder.

                In meinem Lang schwingt Erleichterung.

                Hab es gut im Süden,

                Amélie
                (übrigens im wilden, jedoch raulieblichen Nordwesten des Landes zu finden) 😉

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  2. Schönen Dank für die trefflichen Strophen.

    Sissinghurst Castle gardens und Leonardslee´s woodland gardens waren meine beeindruckendsten Garten- beziehungsweise Landschaftsparkerlebnisse in Südengland. Auf fast jedem Weg, in nahezu jeder Blickachse lauern poetische Kompositionen.

    Ostergrüsse aus dem Bembelland,
    Herr Ärmel

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    1. Ich habe zu danken. Ich gestehe, ich kenne weder den einen noch den anderen Garten. Es ging mir um eine schwarze Tulpe und ich stieß auf Sissinghurst. Meine Schwestern kennen Sissinghurst und ich werde es in den nächsten Jahren besuchen.

      Liebe Grüße vom sonnigen Oberrhein.

      Achim

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