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Kleines Etwas zum Traum


Die Übermüdung ist der Triebaufschub des Traums. Die Grübeleien zwischen blauen Stunden, die lange Nacht und der Abdruck von Fischbeingräten auf der Haut am frühen Morgen und den zerplatzenden Seifenblasen des Pseudofaktischen. Fallenstellersätze, la grande illusion, der Traum als Unwillkürlichkeit, ähnlich der des Tourette Syndroms. Was der Splitter im hellichten Auge ist, ist der Balken im Auge des Traums, er wagt die größeren Sünden, die nicht abzugelten sind mit einer ehrlosen Beichte. Der Traum kommt nicht im Kleid des festzurrenden Haikus daher, er fabuliert  mit Milton`schen Ausmaßen, da auch der Teufel seine Gastauftritte in ihm hat. Wir sitzen in Platons Höhle, vor den weißen Projektionsflächen unseres Geistes und fiebern nach Erlösung und vor allem nach der See, während du uns  Meile um Meile in die Aussichtslosigkeit der Gebirgstäler führst, in ein Habitat des Inzestiösen. Du bist das Aufziehmännchen des Geifers und der Wut und des Neids, du bist der Futtertrog verdrängten, manischen Spiels. Wir sind die fiktiven Figuren deinerselbst und nicht beauftragt, uns realer zu gebärden als es die Herrlichkeit deiner Ideenwelt gebietet.  Bis wir mit geerdetem Ernst deine Höhle zum  Erschnuppern frischer Brisen der Vernünftigkeit verlassen. Und vom hohen Turm  begehrenswerter Lieblichkeit der Blick auf Stacheldraht und Minenfelder fällt, die Friedhöfe unserer träumenden Sinnlichkeit. Whatever you say, say nothing (1).

 

Anmerkung:
(1): Seamus Heaney, der große verstorbene irische Lyriker pflegte jede seiner Lesungen mit dieser Phrase zu beginnen, die er in seiner Kindheit aufschnappte.

 

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Kategorien:Allgemein

9 Kommentare

  1. Lieber Achim,

    Dein „kleines Etwas“ grübelt unter einem Lächeln, denn es weiß genau, dass es etwas Großes ist.
    Ich knöpfte mir heut Morgen jeden einzelnen Deiner sorgfälitigen und geschliffenen Sätze vor, schrieb einen Text darüber.
    Zeterte über Minenfeldern und Grabenkämpfen zwischen Geschlechtern umher, meckerte über hoffnungslos verstaubte Kirchendogmen und nannte Gott einen androgynen Geschlechtslosen.
    Er hatte wie immer eimerweise Verständnis dafür, denn er liebt mich und kennt meinen Humor.
    Dauernd habe ich nur noch diese Haikugedanken im Kopf.
    Ist es vielleicht die Vorfreude auf das roaa Sakura, meine sonnenspleißende Silbenschwärmerei?

    Wer weiß…wenn nicht der gewaltige John Milton, also fragte ich ihn und er anwortete mir:
    „Der Geist ist eine Welt für sich, in der der Himmel zur Hölle
    und die Hölle zum Himmel werden kann.“

    Oh, hat er Recht…

    Liebe Sonntagsgrüße sendet Dir

    Amélie

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    • Liebe Amelie,

      das wäre sicher packend, deinen Text zu lesen zu meinem Text. Text und Gegentext, Anregung und Inspiration. Oft ist der eigene Kopf auch gleichzeitig der Gegenpart, der im inneren Dialog Stichwörter liefern muss. Und manchmal ist er in der dialogischen Struktur einfach überfordert. Dann wirds zäh und ungemütlich. Sich die Bälle hin- und herwerfen, das wäre es doch.

      Gott ist nur eine menschliche Idee, nichts weiter. Der androgyne Geschlechtslose wäre ja immer noch etwas Materielles. Ich muss mich „gottlob“ (:-) nicht mit ihm auseinandersetzen, natürlich geht mir dann seine virtuelle Liebe verloren, aber sei es drum.

      Mit der Sakura rennst du bei mir offene Türen ein. Schließlich kommt meine Schwiegertochter aus Japan, Sohnemann und sie haben mir vor einigen Jahren u.a. schöne Bilder von der Kirchblüte aus Kyoto mitgebracht. Eine wahre Pracht.

      Haiku und Miltons Versepos, dazwischen liegen so ziemlich alle Welten des Poetischen. Ursprünglich sollte Dantes Inferno im Text eine kleine Rolle spielen, aber ich dachte, dass Miltons Luzifer die Qualitäten hat, deren Imaginationen in (meinen) Träumen eine erhebliche Rolle spielen: Seine Rachsucht als gefallener Engel, seine verführerischen Potentiale, seine philosophisch hoch relevante Anklage Gottes, etcpp.

      So wird nicht nur aus dem Himmel die Hölle und umgekehrt, sondern der Engel zum Teufel. Eine Rückwandlung des Teufels zum Engel, diese Gegenbewegung ist mir literarisch noch nicht untergekommen.

      Liebe Grüße an dich

      Achim

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  2. Lieber Achim,
    Alles zu schreiben, was mir beim Lesen Deines Textes durch den Kopf pfiff, würde den Kommentarkasten zum Platzen bringen, den Kommentierrahmen sprengen, denn ich nahm mir jeden Deiner Sätze einzeln vor und ließ den Gedanken freien Lauf. Kunst und Philosophie erinnern mich an Ping-Pong: Hier fang den Ball und spiel zurück oder mache etwas Eigenes draus…?. Wenn immer nur der eigene Kopf im Dialog antwortet, reisen die Gedanken nur in die Runde und darum ist es so wichtig, sich auszutauschen und die Bälle aufzuschlagen und zu werfen. Sich gedanklich packen zu lassen- wunderbar. Kann Gott nicht nur eine menschliche Idee sein? Er hat Lieblinge und Lieblinge zu haben, ist menschlich, oder? Lieblingsengel, Lieblingsmenschen. Was ist das für ein Gott? Luzifer wurde größenwahnsinnig, weil er Gottes Liebling war, der Morgenstern, der Lichtbringer. Die Frage lautet: Wäre Luzifer ebenfalls größenwahnsinnig geworden, wenn Gott alle Engel gleich geliebt hätte als seine Geschöpfe? Und später Engel und Menschen gleich geliebt hätte und nicht die Menschen mehr als die Engel? Das sind für mich mit Göttlichkeit unvereinbare Widersprüche und Fragen.
    Kirschblüte in Kyoto – ein Traum!
    Ein Haiku ist wohl so ziemlich die konzentrierteste und dichteste Gedichtform, die ich mir gerade vorstellen kann, eine Art Essenz der Poesie. Es folgt strengen Vorgaben und Regeln, Milton hingegen beschrieb das verlorene Paradies in ungereimten Jamben und in zwölf Büchern. Um Luzifer zu verstehen, müsste man sich in ihn hineinversetzen und findet ein enttäuschtes und wütendes Kind. Interessant wäre eine Auseinandersetzung zwischen Gottvater und seinem Lieblingsengel. Es wäre eine menschliche und vermutlich höchst emotionale Auseinandersetzung, spekuliere ich…
    Die Rückverwandlung von Luzifer in einen Engel beschäftigt mich thematisch sehr, treibt mich um und hat mich schon Texte schreiben lassen, in denen ich Wege suchte, wie so eine Rückverwandlung vonstatten gehen könnte. Und nein, mir ist dieses Thema auch noch nicht in der Literatur begegnet, vielleicht denke ich deshalb so viel darüber nach. Es könnte ein Schlüssel sein, eine Vision, ein Aufzeigen von Wegen, sich besser zu arrangieren mit dem eigenen Größenwahn, den Verführungen, den Listigkeiten. Für mehr Akzeptanz…
    Doch wäre der Teufel nicht zu blass, zu vergeistigt und langweilig, wenn er plötzlich wieder ein Engel ist?
    Ein geläuterter Luzifer, nur ohne die Blässe der Heiligkeit, dafür patiniert mit jeder Menge fleischlicher Lebenserfahrung?
    Hat irgendwie was, oder?
    Ich bleibe gerne am Ball und wünsche Dir einen schönen Sonntag,
    Liebe Grüße von
    Amélie

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    • Liebe Amelie,

      mich würde sehr interessieren, wie du die die Rückverwandlung Luzifers in ein wiederum vollwertiges Mitglied der göttlichen Engelsschar vorstellst.
      Sein Fall kommt nach seinem Aufstand gegen Gottes diktatorisches Regime. Aus der griechischen Mythologie kennen wir, wie solches Aufbegehren endet.
      Luzifer bringt die Neugierde in die Welt, die Erkenntnis. Das Vertreiben aus dem Paradies erst hat uns menschlich gemacht. Gott hätte dies sehen kommen MÜSSEN. Der Schöpfer, der das Heft des Handelns aus der Hand gibt und diesen Makel nie mehr tilgte.

      Liebe Grüße

      Achim

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      • Lieber Achim,

        Leider gefällt es dem abtrünnigen und desertierten Lichtbringer in seiner Hölle so gut, das ist sozusagen das Kernproblem des Pudels.
        Und Gott – vergleicht ein Gott, vor dessen Augen alles gleich geliebt sein will? Oder musste Gott lernen wie ein Mensch? Dass man sich mit Lieblingen nur Ärger und Fiesematenten, Machtgerangel und Querelen einhandelt?
        Luzifer – ist wie Du sagst, die Herausforderung, die Versuchung, die Neugier, auch das Fleisch, die Lust. Oder das Unmaß davon…?
        In der Genesis finde ich so einiges Ungereimtes. Bei den alten Griechen waren die Götter ein unsterblicher Spiegel der Menschen. Sie wiesen alle Menschlichkeiten auf, mit denen sich auch die Sterblichen herumplagten.
        Der Schöpfer in der Bibel erschien mir noch nie makellos.
        Annähernd makellos wäre ein Gott gewaltfreier Gleichheit, Liebe, Achtung…
        Wieviel angstfreier wäre einem solchen Schöpfer zu begegnen?
        Danke für Deine anregenden Ideengänge, ein schöner Austausch.
        Liebe Grüße,

        Amélie

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        • Gott stattete die Menschen mit einem freien Willen aus, um ihren Gehorsam auf die Probe zu stellen. Ein psychologischer Kniff, und später der Kern der Rechtfertigung Gottes angesichts des Bösen, das durch den Sündenfall des Menschen in die Welt kam. Eigentlich eine Lappalie und für Gott locker wieder geradezubiegen, sollte man annehmen. Den ganzen späteren philosophischen Auseinandersetzungen über die Theodizee hätte er aus dem Weg gehen können, aber nein. Er sitzt sicher einmal am Tag in seinem Heimkino und schaut sich an, wie wir uns abstrampeln, ihm das Grauen auf Erden zu vergeben.
          Bei Milton kommt Luzifer erstaunlich gut weg. Er erinnert mich ein wenig an Kain oder auch an Hektor in der Schlacht um Troja. Beide standen ihrem Bruder resp. ihrem Gegner bei der Verteilung von Edelmut und Gutmenschentum resp. Kampfeskraft auf verlorenem Posten. Gegen die Bevorzugung der Götter ist kein Kraut gewachsen. Ein Lob auf die Renitenz, die Widerborstigkeit, die Unbotmäßigkeit, den freud’schen Vatermord,

          Liebe Grüße

          Achim

          Gefällt 1 Person

      • P.S. Lieber Achim noch eins: Ich arbeite bereits am Gott-Luzifer-Dialog. Wie ich es schon ahnte, wird diese Überzeugungsarbeit ziemlich schwierig, denn mein Höllenfürst ist ein eloquenter gut aussehender Lümmel und Gott sieht dagegen bislang etwas blässlich aus. Allein die Vorstellung, dass es das literarisch noch nicht so gibt, reizt mich geradezu teuflisch – wenn ich darf und Teile fertig habe, würde ich sie dir schicken. Als amuse-gueule und um zu erfahren, was du davon hältst. Ich finde die Sache nämlich ganz schön spannend. Besonders spannend fände ich es, wenn Gott charmant sein könnte und über Humor verfügt.
        Könnte er Luzifer damit überraschen?
        Schließlich: Was stellen Schöpfer und Eltern nicht alles an, um ihren Nachwuchs zurück zu gewinnen und von ihrer Elternliebe zu überzeugen? Wäre Gott da eine Ausnahme?

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        • Holla, da bin ich aber gespannt, wie sich der bärtige Zottelbart da herausreden will. Kitzele mir nur den Gaumen 🙂 Wenn Gott einen Arsch in der Hose hätte, wäre es ihm wurscht, was der Nachwuchs vorzubringen hätte. Dem Nachwuchs wäre zu wünschen, sein Ding zu machen, anstatt rumzuheulen. Allerdings gibt es da eine Ausnahme und das wäre gewiss das von dir angedeutete Szenario: Beide voller Eloquenz, beide als Vertreter von Prinzipien, die weit über Familien- oder Generationsstreitigkeiten hinaus gehen.

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          • I will do my very best…
            (Freddie Frinton, Dinner for one)

            Allerdings kann ich nicht dafür garantieren, dass Gott

            a) keinen Damenbart hat, dafür jedoch einen nennenswerten Arsch vorzuweisen hat

            b) nicht etwas von Lustgenüssen, dramatischen Inszenierungen und Lichtinstallationen versteht,

            c) nicht (natürlich rein zufällige) Ähnlichkeiten mit Buddha, Allah, Venus, Janet Leigh oder anderen Vertretern seiner göttlichen Zunft aufweist oder dass er nicht sogar gänzlich uneitel ist.
            Dafür wäre er ein wahrer Ausbund an Liebenswürdigkeit und heiter gelassener Duldsamkeit. Was ihm als Eigenschaften der Liebe in der Bibel einst der heilige Paulus zudichtete.
            Weswegen Gott logischerweise jede Menge Geduld und Humor haben MUSS. Wie sollte er sonst diese verlotterten Weltzustände überhaupt aushalten können?
            Und ich denke gerade, wie oft Prinzipien verdächtig viel Ähnlichkeit mit den Todsünden Trägheit und Hochmut aufweisen. Das sind beides Todsünden…
            Eltern verzeihen ihrem Nachwuchs ja jeden möglichen und unmöglichen Quatsch – wenn sie ihre Geschöpfe genug lieben. Was aber, wenn eins die anderen quält und ihnen schadet? Ihnen die Seelen stiehlt um damit die Bude zu heizen?
            Na, dann – fein; ich arbeite daran.
            Mal schauen was meinen beiden Fürsten einfällt. Der Teufel ist ja ein Medienliebling, ein richtiger Sympathieträger, eine echte Rampensau.

            Lieber Achim,
            Glaube mir, nichts lieber täte ich als Gott endlich in die Hölle zu schicken um sich da mal umzusehen und seinen ehemaligen Wonneproppen davon zu überzeugen, dass er ein Lichtgeschöpf ist, so Nomen est Omen.
            Es könnte eine heitere philosophische Übung werden, ein Versuch der Verständigung zwischen Hell und Dunkel, eine Kontrastkommunikation, eine Kompromissfindung am Ende mit einem Gott, der erkennt, was er schuf?
            Beide voller Eloquenz, beide Prinzipienreiter wie sie in der Bibel stehen.
            Der Gedanke streunert in meinen Momentmorgengedanken und kommt immer wieder zwischendurch nachschauen ob ein frisches Schüsselchen Schleckmilch zu ergattern ist.
            Es bleibt hoffentlich spannend.
            Liebe Kommentargrüße und Inspirationsdank mit Knickschen im Sauseschritt,
            Amélie

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