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Kleines Etwas zum Traum


Die Übermüdung ist der Triebaufschub des Traums. Die Grübeleien zwischen blauen Stunden, die lange Nacht und der Abdruck von Fischbeingräten auf der Haut am frühen Morgen und den zerplatzenden Seifenblasen des Pseudofaktischen. Fallenstellersätze, la grande illusion, der Traum als Unwillkürlichkeit, ähnlich der des Tourette Syndroms. Was der Splitter im hellichten Auge ist, ist der Balken im Auge des Traums, er wagt die größeren Sünden, die nicht abzugelten sind mit einer ehrlosen Beichte. Der Traum kommt nicht im Kleid des festzurrenden Haikus daher, er fabuliert  mit Milton`schen Ausmaßen, da auch der Teufel seine Gastauftritte in ihm hat. Wir sitzen in Platons Höhle, vor den weißen Projektionsflächen unseres Geistes und fiebern nach Erlösung und vor allem nach der See, während du uns  Meile um Meile in die Aussichtslosigkeit der Gebirgstäler führst, in ein Habitat des Inzestiösen. Du bist das Aufziehmännchen des Geifers und der Wut und des Neids, du bist der Futtertrog verdrängten, manischen Spiels. Wir sind die fiktiven Figuren deinerselbst und nicht beauftragt, uns realer zu gebärden als es die Herrlichkeit deiner Ideenwelt gebietet.  Bis wir mit geerdetem Ernst deine Höhle zum  Erschnuppern frischer Brisen der Vernünftigkeit verlassen. Und vom hohen Turm  begehrenswerter Lieblichkeit der Blick auf Stacheldraht und Minenfelder fällt, die Friedhöfe unserer träumenden Sinnlichkeit. Whatever you say, say nothing (1).

 

Anmerkung:
(1): Seamus Heaney, der große verstorbene irische Lyriker pflegte jede seiner Lesungen mit dieser Phrase zu beginnen, die er in seiner Kindheit aufschnappte.

 

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Kategorien:Allgemein

3 Kommentare

  1. Lieber Achim,

    Dein „kleines Etwas“ grübelt unter einem Lächeln, denn es weiß genau, dass es etwas Großes ist.
    Ich knöpfte mir heut Morgen jeden einzelnen Deiner sorgfälitigen und geschliffenen Sätze vor, schrieb einen Text darüber.
    Zeterte über Minenfeldern und Grabenkämpfen zwischen Geschlechtern umher, meckerte über hoffnungslos verstaubte Kirchendogmen und nannte Gott einen androgynen Geschlechtslosen.
    Er hatte wie immer eimerweise Verständnis dafür, denn er liebt mich und kennt meinen Humor.
    Dauernd habe ich nur noch diese Haikugedanken im Kopf.
    Ist es vielleicht die Vorfreude auf das roaa Sakura, meine sonnenspleißende Silbenschwärmerei?

    Wer weiß…wenn nicht der gewaltige John Milton, also fragte ich ihn und er anwortete mir:
    „Der Geist ist eine Welt für sich, in der der Himmel zur Hölle
    und die Hölle zum Himmel werden kann.“

    Oh, hat er Recht…

    Liebe Sonntagsgrüße sendet Dir

    Amélie

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Amelie,

      das wäre sicher packend, deinen Text zu lesen zu meinem Text. Text und Gegentext, Anregung und Inspiration. Oft ist der eigene Kopf auch gleichzeitig der Gegenpart, der im inneren Dialog Stichwörter liefern muss. Und manchmal ist er in der dialogischen Struktur einfach überfordert. Dann wirds zäh und ungemütlich. Sich die Bälle hin- und herwerfen, das wäre es doch.

      Gott ist nur eine menschliche Idee, nichts weiter. Der androgyne Geschlechtslose wäre ja immer noch etwas Materielles. Ich muss mich „gottlob“ (:-) nicht mit ihm auseinandersetzen, natürlich geht mir dann seine virtuelle Liebe verloren, aber sei es drum.

      Mit der Sakura rennst du bei mir offene Türen ein. Schließlich kommt meine Schwiegertochter aus Japan, Sohnemann und sie haben mir vor einigen Jahren u.a. schöne Bilder von der Kirchblüte aus Kyoto mitgebracht. Eine wahre Pracht.

      Haiku und Miltons Versepos, dazwischen liegen so ziemlich alle Welten des Poetischen. Ursprünglich sollte Dantes Inferno im Text eine kleine Rolle spielen, aber ich dachte, dass Miltons Luzifer die Qualitäten hat, deren Imaginationen in (meinen) Träumen eine erhebliche Rolle spielen: Seine Rachsucht als gefallener Engel, seine verführerischen Potentiale, seine philosophisch hoch relevante Anklage Gottes, etcpp.

      So wird nicht nur aus dem Himmel die Hölle und umgekehrt, sondern der Engel zum Teufel. Eine Rückwandlung des Teufels zum Engel, diese Gegenbewegung ist mir literarisch noch nicht untergekommen.

      Liebe Grüße an dich

      Achim

      Gefällt 1 Person

  2. Lieber Achim,
    Alles zu schreiben, was mir beim Lesen Deines Textes durch den Kopf pfiff, würde den Kommentarkasten zum Platzen bringen, den Kommentierrahmen sprengen, denn ich nahm mir jeden Deiner Sätze einzeln vor und ließ den Gedanken freien Lauf. Kunst und Philosophie erinnern mich an Ping-Pong: Hier fang den Ball und spiel zurück oder mache etwas Eigenes draus…?. Wenn immer nur der eigene Kopf im Dialog antwortet, reisen die Gedanken nur in die Runde und darum ist es so wichtig, sich auszutauschen und die Bälle aufzuschlagen und zu werfen. Sich gedanklich packen zu lassen- wunderbar. Kann Gott nicht nur eine menschliche Idee sein? Er hat Lieblinge und Lieblinge zu haben, ist menschlich, oder? Lieblingsengel, Lieblingsmenschen. Was ist das für ein Gott? Luzifer wurde größenwahnsinnig, weil er Gottes Liebling war, der Morgenstern, der Lichtbringer. Die Frage lautet: Wäre Luzifer ebenfalls größenwahnsinnig geworden, wenn Gott alle Engel gleich geliebt hätte als seine Geschöpfe? Und später Engel und Menschen gleich geliebt hätte und nicht die Menschen mehr als die Engel? Das sind für mich mit Göttlichkeit unvereinbare Widersprüche und Fragen.
    Kirschblüte in Kyoto – ein Traum!
    Ein Haiku ist wohl so ziemlich die konzentrierteste und dichteste Gedichtform, die ich mir gerade vorstellen kann, eine Art Essenz der Poesie. Es folgt strengen Vorgaben und Regeln, Milton hingegen beschrieb das verlorene Paradies in ungereimten Jamben und in zwölf Büchern. Um Luzifer zu verstehen, müsste man sich in ihn hineinversetzen und findet ein enttäuschtes und wütendes Kind. Interessant wäre eine Auseinandersetzung zwischen Gottvater und seinem Lieblingsengel. Es wäre eine menschliche und vermutlich höchst emotionale Auseinandersetzung, spekuliere ich…
    Die Rückverwandlung von Luzifer in einen Engel beschäftigt mich thematisch sehr, treibt mich um und hat mich schon Texte schreiben lassen, in denen ich Wege suchte, wie so eine Rückverwandlung vonstatten gehen könnte. Und nein, mir ist dieses Thema auch noch nicht in der Literatur begegnet, vielleicht denke ich deshalb so viel darüber nach. Es könnte ein Schlüssel sein, eine Vision, ein Aufzeigen von Wegen, sich besser zu arrangieren mit dem eigenen Größenwahn, den Verführungen, den Listigkeiten. Für mehr Akzeptanz…
    Doch wäre der Teufel nicht zu blass, zu vergeistigt und langweilig, wenn er plötzlich wieder ein Engel ist?
    Ein geläuterter Luzifer, nur ohne die Blässe der Heiligkeit, dafür patiniert mit jeder Menge fleischlicher Lebenserfahrung?
    Hat irgendwie was, oder?
    Ich bleibe gerne am Ball und wünsche Dir einen schönen Sonntag,
    Liebe Grüße von
    Amélie

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