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Von H.G. Wells lernen oder auch nicht


 

H.G. Wells (1866-1946) machte die Möglichkeit der Vervollkommnung, zuerst der Gesellschaft, dann ihrer Individuen, im Rahmen der Naturforschung und des Sozialismus von fünf Prinzipien der Freiheit abhängig, ohne die er eine Zivilisation undenkbar fand:

–  Recht auf Privatheit
–  Bewegungsfreiheit
–  unbegrenzter Zugang zum Wissen
–  Wahrhaftigkeit
–  Recht auf Debatte und Kritik
–  freie wissenschaftliche Forschung

Vom aktiven und passiven Recht auf Privatheit sind wir Facebook_weit entfernt. Die Bewegungsfreiheit wird von Booking.com und Konsorten gekapert. Der unbegrenzte Zugang zum Wissen ist durch den Anstrich von Wissen, den sich Fake News, Verschwörungstheorien und dilletierendes Halbwissen geben, wenigstens erschwert. Wahrhaftigkeit gibt es nur noch in Zoten. Von Debatte und Kritik machen wir freiwillig ungern Gebrauch. Zu anstrengend. Zu komplex. Ohne jeden Grenznutzen.

*

Nach Wells ist der Gottglaube eine Idee, die sich nicht der widersprüchlichen Absurdität einer unbelehrbar anthropomorphen Theologie bewusst ist.

*

Wells über Stalin, den er während seines letzten Besuchs in Moskaus 1934 zu einem Interview traf:

„Ich habe noch nie einen offeneren, gerechteren und ehrlicheren Menschen getroffen, und diesen Qualitäten, nichts Okkultem und Unheimlichem, verdankt er seine ungeheure, unbestrittene Führungsposition in Russland. Bevor ich ihn sah, hatte ich gedacht, dass er an die Spitze der Macht kam, weil die Männer sich vor ihm fürchteten, doch ich merkte, dass er seine Position der Tatsache verdankte, dass sich niemand vor ihm fürchtete und ihm jeder vertraute.“

 

 

 

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12 Kommentare

  1. Outch! Da hat einer aber mal mächtig daneben gelegen.

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    • … und, wie mir scheint, nicht nur bei Stalin. Den Gottglaubenden ist sehr wohl bewusst, wie absurd ihr Glaube ist. Zumindest könnten sie es schon bei Paulus nachlesen: „Denn das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit; uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft.“ (1. Korinther 1,18) Und seit alter Zeit kursiert das Wort (Tertullian zugeschrieben): Credo, quia absurdum est.

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      • Wells, in diesem Fall lerne ich von ihm, prangert den Anthropomorphismus der Theologie an, nicht den Glauben, nicht den Gottglauben per se. Und Paulus, als das Einfallstor des späteren Cäsaropapismus, als der erste religiös durchtränkte Antifeminist und Judenhasser, auf diesen Herren verzichte ich gerne als Leumund eines verharmlosten Wahnsinns, der Millionen Menschen anderen Glaubens das Leben gekostet hat.

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        • Mit unserer persönlichen Abneigung gegen Paulus sind wir uns, denke ich, recht einig. Er war misogyn, homophob und autoritätsfixiert. Judenfeindlich? Nicht unbedingt. Zumindest hat er versucht, sich mit seiner eigenen Vergangenheit konstruktiv auseinanderzusetzen.
          Und er hat auch tiefe religiöse Weisheiten formuliert. Das gibt es – nicht immer sagen „die Guten“ auch Gutes und umgekehrt. Bernhard von Clairvaux zum Beispiel hat wunderbare spirituelle und psychologische Gedanken formuliert („Gönne dich dir selbst…“) – und zu Kreuzzügen aufgerufen.
          Petrus finde ich, im Gegensatz zu Paulus, persönlich sehr sympathisch – theologisch etwas naiv.

          Den Anthropomorphismus sehe ich als Hilfskonstruktion. Der Glaube zu Gott ist ein Beziehungsgeschehen. Etwa wie der Glaube an das Leben. Ich kann viel über das Leben (wie über Gott) reden und komme dabei, je nach Wetterlage, zu unterschiedlichen Urteilen: Ganz toll („die beste aller Welten“) oder total deprimierend Wenn ich aber eine Beziehung aufnehme, werden objektive Urteile unwichtig. Ein Satz wie Schlingensiefs „So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein“ ist kein objektives Urteil, sondern eine Hommage, ein Lobpreis, eine quasi religiöse Aussage. Und wenn ich eine Beziehung habe – zum Leben, zu meinem Körper, zu Gott, dann rede ich mit ihm. Die Chemo-Medikamente stelle ich mir z.B. als Höllenhunde vor, denen ich täglich sage, dass sie sich nicht nur über meine Schleimhäute hermachen, sondern die Tumore aufstöbern sollen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass sie nicht hören wollen. Wie Gott.

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          • Lieber Herr Thiesen,

            Zitat Paulus: “ (Die Juden) haben sogar Jesus, den Herrn, und die Propheten getötet; auch uns haben sie verfolgt. Sie missfallen Gott und sind Feinde aller Menschen; (…) (1.Thess 2,15). Als hätte er die sprachliche Klaviatur aufgelegt, auf der seitdem der Antisemitismus spielt. Im Übrigen glaube ich, dass das Judäo-Christentum erst durch den Antisemitismus zum Christentum wurde. Jede Ideologie benötigt nun einmal ihr Negativ.

            In der Zeit schwerster Krankheit ist es für mich müßig, über Gründe dieser und über Verantwortlichkeit für diese zu spekulieren. Dazu fehlt mir in der Tat ein Beziehungsgeschehen zu einem personalen oder institutionellen Gott. Ich muss mit meinen Ängsten leben und mit der Natur, und nur mit ihr allein, deren genuiner Zweck es unter anderem ist, uns ans Leben zu wollen. Ich wünsche Ihnen Kraft, Zuversicht und eine Zwiesprache mit Ihrem Körper, der uns alles ist und manchmal weniger als nichts.

            Liebe Grüße nach Hamburg

            Achim Spengler

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            • Lieber Herr Spengler,

              das Zitat ist mir bekannt. Und ich halte Paulus für zwanghaft und jähzornig und wundere mich immer wieder, wie er solchen Erfolg hat haben können. In vielen Kapiteln hat er sich aber differenziert mit dem Judentum auseinandergesetzt (z.B. Röm. 9-11). In Saloniki – wie auch anderswo – hatte er Ärger mit der jüdischen Gemeinde. Es ging um gesellschaftliche Anerkennung, Konkurrenz – und für die im Entstehen begriffene christliche Linie ums Überleben bzw. die Identität. Abgrenzung ja, aber Antisemitismus? Wie ich finde, ein vielschichtiges Thema.

              Und zur Gottesvorstellung: Genau darum geht es mir ja, um die persönliche Auseinandersetzung – mit der Natur, mit dem Leben, mit dem, was mir geschieht, Der „Dank an das Leben“, die „Klage über das Schicksal“ gehören doch in den Bereich der Imagination. Und je stärker die Imagination, desto stärker kann die Rückwirkung sein. Objektiv gesehen sind die Imaginations- bzw. Glaubensinhalte wohl austauschbar. Das kann ein Gott sein oder der Schuh des Messias („Das Leben des Brian“) – sie müssen nur für den Glaubenden plausibel sein. Ich bin selbst im kirchlich-religiösen Kontext zuhause. Das halten einige für Pech, ich empfinde es als Privileg. Denn diese Tradition stellt mir eine Menge differenzierter Bilder, Rituale und Geschichten zur Verfügung, mit deren Hilfe ich mich mit meinem Leben auseinandersetzen kann.

              Welcher „Realität“ dann ein Gott, „das Schicksal“ oder „das Leben“ zukommt, ist eine Frage von Theologie und Philosophie, mithin der Theoriebildung. Und ich glaube und bin damit vielleicht nahe bei Wells: Wer den Gottesbegriff allzu materialistisch versteht (Es gibt einen Gott, der sich in der objektiven Welt materialisiert), der hat hat ein Problem.

              Wenn die Praxis dann mit Macht um die Ecke kommt – wie eben bei einer schweren Krankheit -, dann werden solche Fragen zweitrangig. Obwohl sie für mich als Theologen ausgesprochen interessant bleiben.

              Herzliche Grüße nach Freiburg
              Erik Thiesen

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              • Lieber Herr Thiesen,

                Noch etwas zu Paulus: Sexualität als Sünde zu transzedieren, obwohl es biografische Facetten sind, die dazu führten, notegdrungen der Enthaltsamkeit zu frönen, die Abwertung der heidnischen Vielfalt toleranter Götter. Jesus wird marginalisiert durch die Inthronisation Gottes, dem man sich zu unterwerfen hat. Das markiert den Einstieg in die späteren Institutionen des Christentums, samt seines Sektierertums.

                Wenn es Ihnen so sehr um die Imagination von Leben und Schicksal, um Traditionen samt differender Bilder, Rituale und Geschehen geht, so scheint es mir fast unbegreiflich, dass Sie dabei die Literatur aller Epochen unerwähnt lassen. Stellt man die Bibel als Narration sich vor, so sollte doch die dramatische Kunst eines Shakespeare wenigstens nebenbei Gehör finden. Aber was weiß ich schon über Ihre Liebe zur Literatur 🙂

                Mir ist es unbegreiflich, wie aus einer kleinen Esoterik-Clique die größte monotheistische Religion werden konnte. Oder anders, mir ist sehr wohl bewußt, warum es dazu kam. Schuldgefühle, durch Angst induzierte Ohnmacht, Zorn, das intuitive Erkennen der enormen Machtpotentiale, die in der Schaffung von Narrativen liegt.

                Es ist schön zu wissen, dass sie sich nicht vom Überbau der Transzendenz allein ernähren. Leben ist Leben, bis es bricht. Das, zu leben, against all odds, ist grossartig, sympathisch und ist gelebte, treueste Freundschaft der Hoffnung.

                Liebe Grüße nach Hamburg

                Achim Spengler

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                • Lieber Herr Spengler,

                  ich kann’s nicht lassen, eine Antwort reizt mich doch. Die Bewertung der Sexualität im Christentum hat m.E. ihre Wurzeln nicht so sehr in der Bibel, dem Alten Testament, sondern vielmehr in der Auseinandersetzung mit Gnosis und Neuplatonismus und der dortigen Abwertung des „Fleisches“ im Gegensatz zum „Geist“. Und die Ausbreitung des Christentums ist wohl eher ein komplexes Zusammenspiel von kulturellen und politischen Entwicklungen (beginnender Zusammenbruch des röm. Reiches, ein neues Narrativ wurde gebraucht, Konstantin wählte das Christentum – und hatte ja auch Erfolg). Aber das sind akademische Fragen.

                  Interessanter finde ich Ihre Frage: Warum nicht Shakespeare. Oder Goethe. Max Frisch. Alle viel besser geeignet als die Bibel, weil näher an uns dran. Wahrscheinlich hat es eben genau mit der Beziehung zu tun. Ich habe mich auch schon mal gefragt: Warum diese Frau? Weil ich sie liebe, aber was heißt das? Wir sind einen langen Weg miteinander gegangen, haben uns gut getan und tun es gerade in dieser Zeit. Wir sind uns vertraut, sie ist das, was ich will und brauche. Natürlich kann ich Schönheit, Intelligenz, Unabhängigkeit, Persönlichkeit anderer Frauen genießen. Aber diese meine Beziehung beansprucht Exklusivität und ermöglicht mir eine besondere Tiefe. Natürlich gab und gibt es Streit, Verletzungen und alles, was dazu gehört. Aber das ist unwichtig geworden.

                  Und so ist es auch mit der biblischen Tradition. Ich bin in ihr zuhause, habe mich auseinandergesetzt, sie hat mich verletzt und eingeengt, aber wir haben uns voneinander befreit, und ich entdecke mit ihrer Hilfe immer wieder neue Aspekte am Leben.

                  Das Objekt des Glaubens ist, so zeigt die Geschichte, ziemlich austauschbar. Es muss nur für das Subjekt überzeugend sein. Wenn es aber überzeugt hat, wenn die Wahl getroffen ist, dann sind ist es nicht mehr beliebig.

                  Herzliche Grüße aus der Sonne 🙂
                  Erik Thiesen

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                  • Lieber Herr Thiesen,

                    so wie Shakespeare für mich nicht mehr der Beliebige ist, und einige wenige Andere auch. In Ihren letzten Sätzen bin ich ganz bei Ihnen. Und so berührend fest kann man die Liebe kaum beschreiben, so wie Sie es tun.

                    Ich danke Ihnen sehr für Ihre sehr persönlichen Kommentare und Ihre erhellende Sicht auf Teilsaspkete der Kirchengeschichte.

                    Sonnenblaue Grüße nach HH

                    Achim Spengler

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  2. …H.G. Wells war Anhänger der Eugenik und plädierte für die Ausrottung, in seinen Augen ‚uneffizienter ‚ brauner oder gelber Völker. Gott hielt er für Unfug. Na ja, er schaut nicht gerade glücklich aus der Wäsche auf diesem Bild. Und unsere Gegenwart der immer stärker zunehmenden Kontrolle würde ihn in seiner Auffassung bestätigen, dass die Menschheit sich selbst mit den Dingen die sie geschaffen hat, zugrunde richtet.
    Wie soll ich von einem derart unempathischen Charakter lernen, der zwar durchaus geniale Geistkonstrukte entwarf -doch sich von Stalins Charisma der Macht lobotomieren ließ?
    Eine okkulte Geschichte ist das.
    Stalins Augen waren brutal.
    Auf alten Stalin-Bildern springt mich dieser Ausdruck zuerst an…
    Liebe Feengrüße ✨

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    • Liebe Amélie,

      ja, das ist entsetzlich, nicht zu rechtfertigen und auch nicht als unmoralische Petitesse klein zu reden. Kopfgeburt eines Kulturpessimismus, dem es nicht genügt, des Menschen Untergang vorherzusagen, sondern diesen auf die „Entartung“ Einzelner und ganzer Rassen zurückführt. Der Sozialdarwinismus (wobei die Eugenik eine seiner perfidesten Ausgeburten war) war zu seiner Zeit unter vielen britischen Intellektuellen en vogue. In gewisser Hinsicht bereiteten diese Verfechter der reinen Rasse den Boden für Hitler und Konsorten.

      Liebe Grüße

      Achim

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