Das Meer, das Meer


Powerscourt Estate and Gardens - Ireland 081

Dieser Beitrag wurde überarbeitet aus Anlass der Blogparade des Deutschen Historischen Museums „Europa und das Meer. – Was bedeutet mir das Meer?“ #dhmmeer

Macht mit! http://www.dhm.de/blog/2018/06/20/blogparade-europa-und-das-meer-was-bedeutet-mir-das-meer-dhmmeer/


„Wenn sich etwas aus den Tiefen der Vergangenheit lebendig und unversehrt den Weg nach oben bricht, hat man immer etwas den Eindruck, als rieche es ganz schwach nach Feuer und Schwefel.“ (Iris Murdoch, aus: The Sea, the Sea)

Das Meer ist die stoffliche Repräsentation eines  Gefühls, welches sich zur Freiheit bekennt. Eine sedierte, ausgedehnte und schwärmerische Freiheit, wenn sie sich an briselosen Tagen in der schieren Schönheit der glatten, glänzenden Oberfläche des Meeres spiegelt. Oder auftretend als monströser, barbarischer Freiheitsakt, nachempfunden dem revoltierenden Kampf der See gegen die Sturmbesessenheit und das Berserkertum der Winde.

Wir sitzen am Ufer einer halluzinierten Wartehalle,  zwischen den Stühlen der Tatsachenberichte vom Leben an Land und den Verheißungen der prinzipiellen Offenheit des eigenen Schicksals.  Und doch ist das Meer als  seelenheilende Trutz- und Fluchtburg nur wenig tauglich. Denn die See verhindert nicht die  Wiederkehr traumatischer Vergangenheit. An dieses Leben davor knüpft sofort die Erinnerungswut an.
Alle  Desaster des Liebeslebens, alle Traumfiguren rachegetriebener Geliebter und Geliebten, der Verrat an der Idee der Liebe selbst und all die Intrigen, die man spinnt, um den Liebespartnerwechsel zu befeuern und sakrosankt zu machen vor sich selbst. Geben wir es doch zu, dies sind die Füllhörner unserer Erinnerungen, mit diesen speisen wir am reichgedeckten Picknicktisch, wenn wir am Strand oder geduckt in den Dünen Lebensbilanz ziehen, mit dem sehnsüchtigen Blick hin zum Meer.
Als könne dieses unser Beichtbedürfnis entgegen nehmen und uns die Illusion schenken, dass es sich an seinem Gestade von nun an sündenbefreit leben lässt. Ein bißchen Todesehnsucht spielt da hinein und die Erleichterung darüber, dass die See dem Tod vielleicht den Stachel rauben kann.
Das Verhältnis zur See ist unbedingt vergleichbar mit der Paarbeziehung zwischen Proband und Psychoanalyse. Ich frage und bin gehalten, mir die Antworten darauf selbst zu geben, bis sich die traum-magische Maschinerie der Verdrängungen von selbst erhellt. „Die Meditierer, die den psychologisierenden Städten den Rücken kehren, wissen um so besser, warum sie hinaus wollen aufs Meer oder in die Wüste.“ (aus Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage).

Dublin

Dublin

Das Meer und die Einsamkeit. Ein weiterer Topos, der meine innere Disposition beschreibt. Mathematiker haben ermittelt, dass zwei beliebig voneinander entfernt Lebende auf der Erde über maximal sechs Zwischenschritte einen gemeinsamen Bekannten entdecken könnten. Mit diesem Umstand, den ich als statistischen Anschlag auf mein Ruhebedürfnis empfinde, lässt es sich in der Sichtweite des Meeres entspannt leben.

Das Meer ist die Horizontgrenze. Weiter hinaus ist eine Flucht vor den moralischen Dilemmata und Untiefen unmöglich. Doch fehlt mir die Chuzpe, mich als Anna Karenina  zu gebärden. Was als Empfindung wässriger Freiheit zum Tode sich dünkt, schlägt schnell um und ist bei Licht betrachtet eine Herausforderung, sich einmal mit der Vorstellung des Übergangs alles Fleischlichen in den Status einer gerichtsmedizinisch  festgestellten Wasserleiche zu beschäftigen. Insofern ich es nämlich wagen sollte, die friedlich schimmernde Verheißungsoberfläche des Meeres nach unten zu durchbrechen. Nach dorthin aufzubrechen, wo man glaubt, noch mehr Entgrenzung, noch mehr Verzauberung und noch mehr Mystik des Ineinsfallen mit der Biosphäre aufzufinden. Fest an der Seite der Freiheit gebiert die See auch Ungeheuer, die sich als Grenzerfahrung manifestieren, sei es durch die  Hoffnung auf ewiges Lebens, sei es als medusagleiche Wiederkehr gewisser mythischer Relikte des kollektiven Unbewußten. Das Meer und das Unterbewußte gebären solche Monster. Und hierbei ist die Rationalität, die denkerische Entzauberung der mystischen Schreckensparanoia, keine große Hilfe. Ganz bei sich selbst zu sein, aus dem Blickwinkel dieser Sehnsucht  betrachtet, sind das Meer und das Unterbewußte Geschwister, die über meine Existenz den Stab der Wahrheit brechen.

Dem Meer entstammte die Idee des materiellen Menschseins. Die Idee vom Menschen lag auf dem Meeresboden und diesem Ursprung huldigen wir mit den 70 Prozent unseres Erbguts, das wir mit Meeresschwämmen gemeinsam haben. Seherisch begabte Zungen behaupten überdies, dass Platon väterlicherseits von Poseidon abstammte. Ein passgenaues Bild, zeigt es doch, im weiteren Verlauf der Philosophiegeschichte, den Übergang von der reinen Ideenlehre zur Beschäftigung mit dem materialistischen Daseinskampf. In diesem halten wir uns, talentiert wie triebgesteuert, bis heute über Wasser. Und doch wollen wir zurück zu diesen Wassern, zurück zur Ursuppe unserer Existenz. Wir sind subbewußt besessen von der Umkehrung der Ontogenese. Im Meer liegt der Ursprung der Phylogenese. Wir werden mit den Meeresschwämmen schwimmen, irgendwann.

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Aber noch bleibe ich gerne in den Mysterien der Ufer gefangen, als mich dem auszusetzen, was man das existentielle Oder nennen könnte: Schwimmen oder Untergehen. Da sitze ich lieber am Ufer und sinne und doppele das Rauschen des Meeres im Ohrgang einer Muschel. Das Meer als Urbild der Anfang-Ende Szenerien. Paläontologisch sowieso und als schönes Triptychon des Ontologischen erst recht: Werden-Sein-Vergehen. Es spendet aber auch den Trost imaginierter Ewigkeit, da sich mit ihm alles zeitlos verbindet, sofern man es denn schafft, zeitig wieder zurück am Ufer zu sein. Und dies in anderer Form als auf gestrandeten und zur Seite gekippten Kreuzfahrtschiffen. Denn die Reise auf diesen geht allenfalls als postmoderne Satire der Liebe zum Meer durch.

Wir haben immer eine Wahl. Der Circe in die verwandelnden Hände zu fallen oder der Sirene, vornehmlich in ihren lautmalerischen Auftritten als Nebelhorn. Das Meer ist der Sack, in den wir im Zuge eines Ablasshandels unsere Sünden stopfen und eins erhoffen: Über allen Wellenkämmen ist Ruh‘.

Kategorien:Allgemein

9 Kommentare

  1. „Somewhere beyond the sea
    somewhere waiting for me …“

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  2. Liebe Achim,

    wow – was für ein Tiefgang! Denkstoff für länger. Folgender Passus sprang mich als Kunsthistorikerin an: „Das Meer als Urbild der Anfang-Ende Szenerien. Paläontologisch sowieso und als schönes Triptychon des Ontologischen erst recht: Werden-Sein-Vergehen.“

    Danke dir fürs Mitmachen bei der Blogparade #DHMMeer!

    Herzlich,
    Tanja von KULTUR – MUSEUM – TALK

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    • Sehr gerne geschehen, liebe Tanja. Ein schönes Thema für eine Blogparade. Wobei ich konzedieren muss, dass das Meer in aktuellem Zusammenhang mit Europa und der sog. Flüchtlingskrise Anlass gäbe zu einer gänzlich neuen Betrachtung.

      Liebe Grüße

      Achim

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