Notate 23


Ich weiß nicht ob Resignation eine der Alterserscheinungen ist. Oder das Ende eines Anstiegs, der aus optimistischen Niederungen nur seiner eigentlichen Bestimmung folgt. Es fällt schwer, Haltung zu bewahren, wenn man den Wirkungen der zirkulär verlaufenden Geschichte nachspürt, den aktuellen Zeiten, die langsam in den Sog einer zweiten Weimarer Republik gelangen.

*
Cassirer, Heidegger, Wittgenstein und Benjamin äußerten einen Verdacht:

„Das emphatische Freiheitsbewußtsein des modernen Subjekts verdankt sich gerade dort, wo es sich in seinem Selbstbestimmungsstreben ganz und gar frei wähnt, Prozessen der Verdrängung und Verdunkelung, die, sofern nicht aufgearbeitet, letztlich in die Misere, wenn nicht den gesellschaftlichen Untergang führen müssen.“ (aus: Wolfang Eilenberger: Zeit der Zauberer; Klett-Cotta, 2018)

Kategorien:Allgemein

12 Kommentare

  1. Optimistische Niederungen? Ich glaube nicht, dass man auf dem Weg zum Berg der Erkenntnis von einem Felsbrocken überrollt wird, der Wiederholung heißt. Ähnlichkeit liegt im Wesen unseres Erkennens. Ob die Geschichte zirkulär ist? Könnte man glauben, vielleicht ist sie nur ähnlich. Weil sie nicht anders sein kann. Grüße, Peggi

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  2. Ich teile deine Bedenken und verstehe dich sehr gut!

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  3. Nun ja, eine interessante Schwurbelei der zitierten Herren, die ihren Beitrag leisteten, damals in den 20ern in Sachen Destabilisierung. (Siehe die sehenswerte Filmreihe des BR „Vom Reich zur Republik“ (Vor allem die Teile, die Weimar betreffen halte ich für sehr gut.)

    Mir fallen dieser Tage immer mehr Ähnlichkeiten mit dem alten Rom in Zeiten der Völkerwanderung, mit dem Wackelgebilde Wei’Rep und der Agonie der DDR auf. Also Zirkuläre Abläufe sind das schon. Oder eben im Leninschen Sinne die „Negation der Negation“, dergestalt jede Epoche erst wieder hinunter in die Scheiße muss, bevor ein kleines Schrittchen weiter gegangen werden kann in Richtung gesellschaftlicher Fortschritt.

    I

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  4. Ich kann nicht beurteilen, ob diese Herren tatsächlich einen Beitrag zur Destabilisierung der Weimarer Republik leisteten. Am ehesten wohl noch Heidegger. Bei Cassirer ist es für mich schlichtweg unvorstellbar.

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  5. Lieber Achim,

    Ob Resignation eine Alterserscheinung ist, hängt immer auch von den Lebensumständen ab und inwieweit man in der Lage ist, sie den Bedürfnissen anzupassen.
    Wäre Resignation eine logische Folge des Alterungsprozesses muss ich mich fragen, warum es Menschen gibt, die neunzig Jahre alt und älter sind und behaupten, dass sie immer noch gerne leben und es vollauf genießen.
    Allerdings rückt im Älterwerden das Vergängliche mehr in den Fokus und überall bemerke ich neuerdings im neuen Frühlingsgrün Verwelktes, kaum dass es erblüht war, war es schon wieder alt. Da hilft nur „Hedonismus für Kurzentschlossene“, einen Frühlingsstecken breche ich ihm um der Resignation Einhalt zu gebieten.

    Kann eigentlich eine Demokratie altern, so wie ein Mensch?
    In der Weimarer Republik war die Demokratie nach dem verlorenen ersten Weltkrieg eine junge und instabile. Dann folgten Zeiten, in denen es „friedlich“ im Lande war. Ich bezeichne mich als ein Kind des Friedens, doch als Nachkriegs- und Flüchtlingsnachwuchs sitzt mir der Schrecken noch tief in den Knochen. Beobachte ich meine Kinder, erscheinen sie mir schon wieder ein Stück weiter weg von diesem letzten Krieg, der so viele Opfer forderte. Dieser Krieg ist für sie so unwirklich wie für mich der erste Weltkrieg, von dem die Großeltern, die zwei Kriege miterlebten, noch erzählen konnten, genauso wie von der Kaiserzeit.

    Kassierer, Heidegger und Wittgensteins Verdacht äußert sich mir so, dass man sich frei fühlt, weil man glaubt es zu sein, doch die Prozesse der Verdrängung, der Verdunkelung (ergänzend: der Resignation?) wirken im Hintergrund wie eine latente Entzündung zersetzend weiter und irgendwann tritt das Kranke, das Verdrängte, das Verdunkelte dann doch zutage, weil es sich nicht verstecken lässt, genauso wenig, wie ein krankes Auge.

    Dies sei die wahrste aller Demokratien, sagt Kurt Tucholsky: die Demokratie des Todes.

    Das ist mir aber zu pessimistisch gedacht, ich wollte nur den Zirkelschluss zum Alter ziehen und immer noch bewegt mein Denken die Vorstellung einer Demokratie, die in ihren Werten, Anschauungen und Gesetzen einem zirkulären Alterungsprozess ausgesetzt ist – fatal wäre nur, wenn am Ende der Tod der Demokratie stände und hier schließe ich mit Albert Einstein:
    „Ich bekenne mich zum Ideal der Demokratie“.

    Liebe Morgengrüße von Stefanie

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    • P.S. Ergänzung: Die Weimarer Republik gebar das Hitlermonster. Das Antonym des Friedens. Als ich von „friedlichen Zeiten“ sprach, meine ich damit die rückblickenden fünfzig Jahre, die ich in diesem Land nur den Frieden kenne. Das bitte ich mit zu vermerken. Es könnte sonst beim Lesen ein falscher Eindruck entstehen. Herr Gauland bezeichnete die NS-Zeit als Vogelschiss. Eine Aussage, die mir die Ruhe raubt. Vogelschisse bringen obendrein nämlich Glück. Was für ein grauenhafter und tief symbolischer Vergleich und doppelt schlimm – bewusst oder unbewusst unglücklich gewählt???, so dachte ich und mein Schauder ging mir tief in die Knochen, wie man so einen Vergleich bringen kann. Sorry. Das musste hier noch mit hin, weil es mich im Moment umtreibt.

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    • Liebe Stefanie,

      Eine gelebte Demokratie kann altern. Die Geschichte erzählt davon. Wenn sich Regierungsgewalt und repräsentatives Parteienwesen immer mehr von den Bedürfnissen großer Teile ihrer Wählerschaften entfernen und wenn die Legitimität ihrer Ansprüche auf Interessensvertretung großer Teile der Bürgerschaft schrumpft, so können wir von einer Krise der Demokratie sprechen und wir nehmen gerade Teil an einem sie betreffenden Erosionsprozeß. Alterungsprozesse und Resignation, das gehört für mich zusammen. Nachlassende Spannkräfte des Körperlichen und das Erschlaffen einer die Tagesaktualität transzendierenden Ideenwelt, das hat gewissermaßen beides biologische Gründe.Wenn es an der frischen Blutzufuhr demokratischen Denkens und Lebens fehlt, dann steht das demokratische Gebäude irgendwann unter Denkmalschutz, als Fußnote anderer Regierungsformen, z.B. des Autokratismus, Despotismus und der Tyrannis. Putin, Trump, Erdogan und andere lassen schön grüßen. Und wenn ich an die Politik des Iliberalismus in den Visegradstaaten denke, so steht nicht nur im Inneren unseres Gemeinwesens der Feind in den Startlöchern.

      Ungezügelter Individualismus, so erleben wir es gerade, verliert schleichend die Erinnerung an das, was sein Aufkommen zuallererst ermöglicht hat: soziale Sicherheit, rechtlicher Schutz und wirtschaftliche Stabilität. Vielleicht stehen wir schon vor dem nächsten Sündenfall: Dass die Perpetuierung des individualistischen Hedonismus nur möglich ist durch die Zerstörung aller anderen Individuen daneben. Eines langen Tages Reise in die Nacht.

      Und doch: Liebe Grüße

      Achim

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      • Das Älterwerden wird für mich am spürbarsten an der Entschleunigung der Träume. Einer Resignation verwehre ich mich noch – vielleicht, weil mir so viele alte Menschen begegnen, die einen glücklichen Eindruck machen. Es sind wenige im Vergleich zu den vielen, die ihr Älterwerden einsam oder krank erleben müssen. Doch diese Wenigen sind mir Grund genug, ein Vorbild sein zu können. Zu einem nicht geringen Teil halten wir es selbst in der Hand, ob es Resignation bedeutet, älter zu werden, dem Vergehen mehr Bedeutung zuzumessen, weil es einen unmittelbareren und auch konkreteren Bezug zu sich selbst herstellt. Der Feind der Jugend ist die Unbeweglichkeit. Darum altern Demokratien und darum brauchen sie immer wieder frisches Blut in jungen Leuten und Meinungen.
        Meine Überlegungen gehen oft in die Richtung, dass ich mich frage, wer nun derzeit regiert? Es sind zum überwiegenden Teil schon die Enkel und Urenkel der Kriegskinder. Wie nah kommt ihnen der Schrecken des letzten Krieges noch? Erlebten sie sie noch so unmittelbar wie ich zum Beispiel aus Erzählungen meiner Großeltern und Eltern, die Furchtbares erlebten. So Schlimmes, dass es unvergessen weiterlebt als ein Teil. Wie sensibel ist die derzeitige Regierung für die Möglichkeit von Gewalt und Krieg? Wenn ich in die Welt schaue, in Richtung der Autokraten, der Despoten, der Tyrannen, sehe ich sehr viel Gekungele und einen blühenden Waffenhandel. Sehe ich wie gespielt wird mit Atomkriegphantasien wie Spielkinder im Sandkasten und dann finde ich diesen Planeten wieder so klein und zerbrechlich wie ein Fabergé-Ei, juwelenbesetzt, eine unwiederbringliche Kostbarkeit. Und diese Leute erheben sich über alles und die Welt schaut stumm zu und erkennt an, dass sie Präsidenten sind, die so etwas dann dürfen?

        Die soziale Sicherheit, die die Gemeinschaft gibt, ist noch auf Dörfern zu finden, in denen die Leute auf einander angewiesen sind. Doch wie soll so eine Mentalität und so ein Sinn entstehen in anonymen Nachbarschaften, in Hochhäusern, in den urbanen Welten lauter Häuserklötze mit Hunderten von Wohnwaben?
        Die Vorurteile erwachsen im nahen Miteinanderleben, im Nichtmiteinandersprechenkönnen und beeinflusst von Medien, die das Individuum in die Mitte zweckoptimieren. Das alles ist so oberflächlich, dass es stinkt, vor allem die Heileweltfamilienwerbung, die mir ab und zu unter die Augen driftet, wenn ich mal aus Versehen bei jemandem Fernsehen gucken muss.
        Der Hedonismus an sich kann ein heilendes Potential entfalten, ein Eskapismus sein im fragwürdigen Hamsterrad der Daueraktivitäten. Doch wie jede Medizin ist zu viel davon giftig. Der kontrollierte Rausch hingegen birgt Vorteile, doch nur den Tagträumern, die noch an Visionen glauben und das sogar unabhängig vom Altern. Menschen brauchen Anerkennung. Was eine Überanerkennung imstande anzurichten ist, belegen die Selbstmorde depressiver Kultkünstler wie dem Sänger von Linkin‘ Park oder Avicii….Es war das Zuviel, die Überreizung. Dem Hedonismus entgegen steht die Sicherheit in der Mäßigkeit, die Askese, die Genügsamkeit aber auch…das Risiko einer selbst verleugnenden Haltung…

        Eine Studentin sagte gestern zu mir: „Wir jungen Leute, die Berufe lernen, die studieren, die dabei sind, ihre Lebensziele zu festigen, gehören in den Mittelpunkt der Gesellschaft.“
        Ja…das finde ich auch.
        Solange es Kinder gibt, gibt es Hoffnung.

        Ja, und dennoch:
        liebe Grüße

        Stefanie

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