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Kleine Fluchten


Ich werde immer wieder einmal gefragt, warum ich nicht verheiratet bin.  Gute Frage, nächste Frage. Eine Antwort fällt mir schwer. Nicht schwer, weil ich aus einem Füllhorn von Gründen den stichhaltigsten  benennnen müsste, um die Frage zur vollsten Zufriedenheit zu beantworten. Dabei handet es sich natürlich um meine eigene Zufriedenheit,  die aufkäme, wenn es mir gelänge, der Lust auf weitere Fragen zu meinen Privatleben einen Riegel vorzuschieben. Nein, schwer fällt es mir, weil ich mir diese Frage nie selbst gestellt habe. Wenigstens nicht in einem Sinne, der mir ein intensiveres Nachdenken über mein beschämendes  Single Dasein abverlangt hätte. Ich lebe vermutlich schon zu lange und zu intensiv in bewußter Abschottung, dass mir Splitting Tabelle, weißes Brautkleid, Hochzeitsbalz und Hochzeitstanz, Ehevertrag und Ehepflichten als langweilige Symbole bürgerlicher Lebensverhältnisse daherkommen. Betrachtet aus der Perspektive von Nora’s Puppenheim. Ohne Belang und ohne tiefere Bedeutung für das ansonsten stabile Seelenheil eines Alleinstehenden. Natürlich gibt es auch ganz profane Gründe für meine Hochzeitsflucht. Da wäre zum Beispiel der Junggesellenabschied zu nennen. Der ja nichts anderes ist als die Vorstufe des Verglimmens persönlicher Freiheit. Der Freiheit, die an der ehelichen  Zimmergarderobe abgegeben wird und die mehr sein will   als die Aussicht auf ehelichen Sex, Treue und das verblassende Bild vom außerehelichen Sex. Hätte man mich pseudophilosophisch gefragt, warum ich nicht heirate, hätte ich wohl pseudophilosophisch geantwortet. In etwa so:  Ich suche das Leben, will es in den Brennpunkten äußerlicher Erfahrung spüren und schmecken. Um es dann nach innen zu wälzen, wo ich es reflektiere, wiederkäue und genieße. Dann rufe ich mich selbst zu einer Art Diktat und fordere mich auf, über die Affekte Auskunft zu geben, die mir durch Erfahrungen widerfahren sind. In diesen Sessions der Selbstbesinnung komme ich stets zum gleichen Urteil. Dass mir nämlich die Fäden freier Selbstbestimmung aus der Hand gleiten, wenn es sich nicht um Sachen sondern um Menschen handelt, die mich affizieren. Insbesondere wenn es weibliche Menschen sind, die mich tief berühren.
Bei den Damen fühle ich mich auf Dauer wie ein Gefäß, in dem sich allein ihr fremdes Denken sammelt und überdauert. Ich also nur gedacht werde. Da kann mein eigenes Denken so hoch hinaus wollen wie es irgend möglich ist. Auf Dauer liegt die Freiheit meines Denkens nur dort, wo meine Affiziertheit  durch das Weib endet oder garnicht erst beginnt. Hochzeit also ausgeschlossen. Nice spoken.
Im Umkehrschluß wäre jetzt zu bedenken, ob es nicht Sinn macht, mich mit einem sagen wir, Stuhlbein zu vermählen. Wegen der Gefäßhaftigkeit meines Seins, in das das Bein dann seine Gedanken legt … und immer so weiter.
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Kategorien:Allgemein

23 Kommentare

  1. Ich glaube Achim,du hast eine falsche Vorstellung von einer guten Ehe. Sich gegenseitig wertschätzen,respektieren und vor allem sich gegenseitig seine Freiheit lassen, dass stelle ich mir unter einer guten Ehe vor. Aber das sind nur Vorstellungen von einer, die schon zweimal geschieden ist. Das letzte mal vor 13 Jahren.

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    • Liebe Susanne,

      Ich habe keine Vorstellung von der Ehe. Die kann man haben, wenn man verheiratet ist. Oder mehrmals verheiratet ist 🙂 Respekt, Wertschätzung sind mir nicht fremd. Auch außerhalb einer Ehe. Ich hege die größte Wertschätzung für die Ehen, die meine drei Schwestern führen. Dort scheint ein gewisses Ideal auf. Vielleicht zum Trost all derjenigen, die in diesem Post eine Art von Egomanie aufleuchten sehen: Das was ich hier beschreibe, ironisch überspitzt, ist eine Mischung aus resignativer, aber auch befreiender Einsicht, dass man ein gutes, auf gegenseitigen Respekt und Wertschätzung gründendes Leben auch außerhalb einer Ehe führen kann. Obwohl ich zugeben muss, dass man diese Haltung im Text kaum aufscheinen sieht.

      Liebe Grüße

      Achim

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  2. Ich habe ein paar Verständnisfragen, wenn das erlaubt ist:
    Zitat aus dem Text: Ich also nur gedacht werde.
    Wie ist das gemeint? Dass Du nur gedacht wirst vom Gegenüber (aber nicht gesehen, erkannt?) Oder: Dass Du der Denker für die Frau bist (weil Du schreibst: Gefäß ihrer Gedanken).
    Affiziertheit, was soll das bedeuten?

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    • Dass ich nur gedacht werde vom Gegenüber, nicht gesehen, nicht erkannt. Wir alle haben bisweilen diesen Eindruck. Was nicht verwunderlich ist, da eine Symbiose emotionaler oder gedanklicher Art in der Liebe nicht möglich ist, oder in jederlei Art von zwischenmenschlichen Beziehungen. Das Gefäß fremder Gedanken zu sein bedeutet hier, gefüllt zu werden, ganz passiv, von der Wucht, der Brillianz externer Gedanken, die eine gewisse Ohnmacht hervorrufen. Und auch Angst, dass eigenes Denken, Fühlen und Lieben keine Wertschätzung erfährt. Der Begriff „Affiziertheit“ (ich gebe zu, der klingt abgehoben) meint: Erregbarkeit, Beeinflussbarkeit, Beeindruckbarkeit.

      Danke für deinen Kommentar

      Achim

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  3. Lieber Achim,
    Ich schick mal eine Geschichte, kleine Fluchten hieß. Sie war eine Reise ans Ende der Nacht mit Céline, den ich zu dieser Zeit gerade las als eins der besten Bücher, die mir bislang begegneten. Noch nie fragte mich irgend jemand warum ich nicht verheiratet sei. Anscheinend ist es allen schon von vornherein klar, warum das nicht so sein kann. Was mir natürlich eine Menge rotohrige Überlegungen, Erklärungen und kopfgesenkte Ausflüchte erspart. Wenn mich jemand fragen würde, könnte ich erzählen, dass ich einmal verheiratet war. Mit dem passenden Menschen an der Seite kann das sicher sehr erfüllend sein. Mit dem unpassenden Menschen an der Seite kann es allerdings auch die Hölle sein. Es liegt daran, wie gut sich die Temperamente vertragen und gut beide in der Lage sind, aufeinander einzugehen. Bei aller Liebe darf man nie vergessen: jeder Mensch Brauch zu seinem Glück eine so spezielle Mischung, das ist wirklich Glück ist wenn diese Mischung zufällig zur Messung eines anderen passt wie Verwandte chemische Stoffe, denn aus der Chemie erinnere ich mich an das Wort Affizität. Aus der Affizität verwandter Stoffe entsteht eine kovalente Paar-Bindung, Weil die verwandten Stoffe miteinander chemisch reagieren. (ich musste jetzt hier bei Wiki auffrischen gehen)
    Obwohl ich nie gefragt werde warum ich nicht verheiratet bin und auch nicht mit einer solchen Frage Rechne, da mir anscheinend meine Freiheit Nr. 7auf die Stirn tätowiert jedem entgegen leuchtet, verdamme ich die Ehe dennoch nicht. Es ist nur ein Modell in einem System zur besseren Verwaltung von Paarschaften. Ich wollte nicht kirchlich heiraten. Alles wehrte sich in mir dagegen. Und doch kann ich sehr gut verstehen, warum manche Menschen sich das Ja-Wort geben wollen. Ich las vor einer Weile einen schönen Spruch, der so viel Kompliziertes in einer schlichtguten Weise sagt: Glück ist, wenn dein verrücktes Leben zu meinem verrückten Leben passt.
    Denn in den meisten Fällen scheitert es doch schon an den Lebensumständen und Verhältnissen, dass Menschen sich lieber gar nicht erst kennen lernen wollen. Außerdem macht Kennenlernen viel Arbeit. Doch viele stöhnen doch jetzt schon über zu viel Arbeit! Also leben sie lieber alleine und befürchten, wenn jemand dazu käme, würde sich ihr Leben verengen, begrenzen bis zum Ersticken bis Kästner mal wieder Recht hat mit seiner befangenen Einsamkeit zu zweit.
    Ich schrieb wieder von der Leber. Unpersönlich schreiben kann ich nämlich nur Amtsdeutsch und Einkaufszettel.
    Einen Schönen ersten Mai wünscht Dir die bei zehn Grad und Regen bibbernde Möchtegernmai-Fee🌀✨

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    • Liebe Stephanie,

      Richtige Mischungsverhältnisse sind Glücksache, fast wie in der Chemie, es kann immer zum Knall kommen :-). Die Biochemie als Ursachenverhältnisse der Liebe, das ist ein Thema, mit dem sollen sich die Neurowissenschaftler und Neurobiologen beschäftigen. Zur Liebe gehört wie ich finde, Kreativität. Meinetwegen Kunst, so wie es Erich Fromm propagierte. Es geht um die Kunst des Ausgleichs von Egoismen, die ja nicht nur so heißen, weil hier selbstische Politik gemacht wird, sondern es uns ja überhaupt nicht möglich ist, hinter die Schädeldecken der Mitmenschen zu blicken. Dass man mich nicht mißversteht: Ich rede über meine Eheverweigerung, nicht über das, was Ehe für Menschen bedeuten mag. ich bin in diesen Dingen immer der streitbare Romantiker gewesen, dem die Melancholie in die Quere kam, manche der Damen empfanden mich als zu schwer, zu tief, zu ernst. Andere als nicht vertrauenswürdig genug, keine Ahnung. Aber das soll jetzt nicht weiter zu einer Selbstentblößung geraten.
      Wir sollten nie vergessen, dass das Institut oder das Sakrament der Ehe oder wie man es auch benennen mag, eine historisch gewachsene Angelegenheit ist. Die Formen des Zusammenlebens sind im Wandel begriffen. Wir werden uns noch wundern, wohin die Wege gehen.

      Auch dir einen schönen ersten Mai.

      Achim

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      • „Wir werden uns noch wundern wohin die Wege gehen“ ….oh ja. Die Vereinzelung in der Gesellschaft ist fast abgeschlossen. Experiment gelungen, prophezeie ich gerne mal düster, schaue ich mir die vielen Singles und Mingles an, von denen ich selbst einer bin und.. Keine Sorge, ich habe Dich nirgendwo im Text als grundsätzlichen Ehe-Verweigerer empfunden. Ein streitbarer Romantiker, ja, so etwas Ähnliches bin ich irgendwie auch. Notfalls polke ich noch aus dem letzten Dreck oder Unglück irgend etwas Romantisches, ich hab vielleicht den klugen Spruch, mir in allem Übel noch ein Glück zu finden, vom alten Seneca oft genug gelesen. 🙂
        Selbstentblößung ist so ein Wort. Ja, was denn überhaupt für eines? Wir kamen alle mal bloß auf diese Welt und mit den Kleidern begann erst das ganze Unglück: Armani oder KIK legen fest was wir sein wollen oder können. Darum gehe ich ja gerne in die Sauna. Dort sind die Leute oft unverstellter, weil sie keine Sachen anhaben, hinter denen sie sich verstecken können wie hinter einem gesellschaftlichen Verhalten. Man schaut jedem Menschen immer nur vor die Stirn und gerade darum ist aber doch eine Offenheit wichtig, oder? Erst Offenheit ermöglicht ein Sehen, ein Erkennen. Schwer, tief und ernst zu sein ist das manchmal melancholische Temperament der Winterkinder. Ich kann auch so sein und ich weiß, dass nur Humor und Geduld mit mir selbst mir dann helfen, damit besser zurechtzukommen. Früher konnte ich regelrecht beleidigt sein, wenn meiner ernsten Schwere jemand etwas Leichtes oder meinem Ernst gar einen Humor entgegenzusetzen wagte, heute bin ich solchen Menschen sehr dankbar, dass sie so mutig sind, mich in meiner ernsten Schwere aufstören zu wollen, weil sie sich Sorgen um mein Wohl machen. Mich tröstet mein mir wie mein grüblerischer Ernst ebenfalls zum Glück fest installierter treuer Schalk so oft und noch öfter denke ich: ohne diese tiefe Schwere oder meinen Ernst, könnte mein Schalk vielleicht gar nicht so groß sein wie er eben ist. Das eine bedingt sich vielleicht erst genau durch das andere, so wie die große Bandbreite vielen Gefühls zwar etwas Reiches ist – doch Schmerz und Wut sind eben auch Gefühle. Ja, die Formen des Zusammenlebens sind tatsächlich im Wandel. Ich zähle inzwischen glückliche Paare wie Bienen auf der Wiese und genau wie immer weniger Bienen gibt es anscheinend immer weniger Paare, was ich beunruhigend und schade finde. Darum freue ich mich so über jedes gelungene Lebensglück zu zweit, das mir begegnet -dazu gehört viel Mut und Vertrauen ineinander.

        Nochmals liebe Grüße von der Fee

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        • Es gibt das Eheglück noch, da bin ich mir ganz sicher. Ob es ab- oder zunimmt, kann ich schlecht beurteilen, da mein enger Bekanntenkreis aus Singles besteht, ich die „Lage“ nicht einschätzen kann. In Freiburg hats aber inzwischen wesentlich mehr Single Haushalte. Genaue Verhältniszahlen habe ich jetzt nicht parat. Kann aber auch daran liegen, dass junge Familien, mit klassischen Eheverhältnissen, inzwischen Freiburg aufgrund der hohen Mieten sich umländig orientieren müssen. Bienen und Ehepaare. Über viele Ecken gibt es da ganz gewiss mittelbare Zusammenhänge.

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  4. Pardon, erster Satz: statt schick, bitte schrieb, ich tippe auf ein klitzekleines Display mit meinem großen Dummiedaumen, da haben sich leider ein paar Fehlerteufelchen eingeschlichen🙊

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  5. Lieber Achim, es ist schon etwas seltsam mit der Ehe … ich wollte nie heiraten und habe es auch lange Zeit vermieden, dann aber eben doch gemacht und es hat etwas zwischen uns verändert, ich verstand es kaum, nun lebt wieder jeder von uns für sich allein und plötzlich ist wieder Begegnung möglich … ja, seltsam das Ganze!
    herzliche Grüße, Ulli

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  6. Ich kann dich verstehen, ich bin mit meiner Lieblingstasse verheiratet 🙂 Die liebe Freiheit- könnte ich sie gemeinsam so leben wie alleine, wäre auch eine Heirat nicht ausgeschlossen. Eine solche Begegnung müsste auf jeden Fall gefeiert werden…. mit einer Hochzeit … ich weiß nicht … vielleicht auch nicht. LG

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    • Lieblingstasse 🙂 Du triffst es: Freiheit, wie man sie erlebt, allein, ist nicht reproduzierbar in Zweisamkeit. Das ist mehr als nur logisches Brimbam. Delikates Thema. Walt Whitman in „Song of myself“:

      I celebrate myself, and sing myself,
      And what I assume you shall assume,
      For every atom belonging to me as good belongs to you.

      Vielleicht kann man ja auch Hochzeit feiern mit sich selbst.

      LG Achim

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      • Ich habe keine Ahnung, wie Ehe geht, obwohl ich sie jetzt fast drei Jahrzehnte (aus)übe. Dabei habe ich eine panische Angst davor, mich selbst zu verlieren. Das geschah in einer Beziehung vor dieser Zeit – hoffentlich nie wieder!
        Und ich habe den dringenden Wunsch, immer mehr zu mir selbst zu kommen. Und das ist das Gefühl, wenn ich mich von meiner Ehefrau entferne: dass ich mich von mir selbst entferne.
        Leider bin ich – vielleicht durch diese Haltung? – weniger romantisch veranlagt als sie es gerne hätte, was immer wieder zu Problemen führt. Aber Vollkommenheit gibt es wohl erst im Himmel (obwohl ich mir da auch nicht ganz sicher bin :).

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        • Auf drei Jahrzehnte Ehe muss frau/man ersteinmal kommen 🙂 Da ist gewiss Stabilität im Spiel und Ausgewogenheit der Interessen, aber auch Freiheit für jede/jeden. Interessant aber Ihre Feststellung, dass Sie erst zu sich selbst kommen, wenn Sie sich Ihrer Ehefrau nahe sehen.

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  7. Ich gebe es zu: Ich bin gerne verheiratet und schätze jeden Tag mit meinem Liebsten ohne den ich das letzte Jahr nicht so geschafft hätte wie ich es tat (und eine handvoll andere, sehr wertvolle Menschen!). Dafür bin ich sehr dankbar und bereit ein bisschen Freiheit zu opfern. So, jetzt ist es raus!!

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