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Dublin – Town Centre


„Der Wind wehte, das Wasser wogte. Die Vorgebirge im Osten und Westen schlangen ihre Arme ums Meer, als suchten sie etwas festzuhalten, das unbedingt fortwollte.“ (Paul Murray am Ende seines Romans An Evening of Long Good-bye (2003)).

Dublin, das literarischste aller Reiseziele. Die Stadt mit der historisch betrachtet  größten Schriftstellerdichte. Ob sie es auch heutzutage in dieser Hinsicht noch ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Brendan Behan, etwas despektierlich über die Schrifstellerdichte Dublins:
„Die sind alle nach ihrer Vorstellung Dichter und Schrifsteller – Zuerst kommen die Schriftsteller aus Kerry – die Romanschreiber vorneweg – dann die Dramatiker aus Kerry, die Essayisten aus Kerry, und wenn man dann alle Grafschaften durch hat, ist eine ganze Menge zusammengekommen.“

Spätestens seit James Joyces Ulysses ist die Stadt als Objekt schriftstellerischer Begierde in den weltliterarischen Olymp aufgestiegen und ihr wurde der bedeutenste weltliterarische Tag als kulturelles Geschenk hinterlassen. Nach der Konzeption des Romans, die zeitlich wohl in eins fällt mit seiner Werbung um seine zukünftige Frau Nora Barnacle,  hat Joyce die Stadt Dublin in Richtung Paris, Triest und Zürich verlassen, seine Heimatstadt hernach nie wieder betreten. Der Ulysses wurde vollständig im Ausland geschrieben. In einem Gespräch mit Arthur Power bekannte Joyce:

„Als ich am Ulysses schrieb, versuchte ich, Farbe und Ton von Dublin mit meinen Wörtern wiederzugeben. Die eintönige, dennoch glitzernde Atmosphäre Dublins, seine halluzinatorischen Dünste, seine zerfetztes Durcheinander, die Welt seiner Bars, seine gesellschaftliche Unbeweglichkeit – sie konnten nur durch die Beschaffenheit meiner Wörter vermittelt werden.“

Und weiter, ganz unbescheiden, erklärt er, dass Kraft seiner Beobachtung, seines Gedächtnisses, seiner im Ulysses festgehaltenen Worte, Bilder, Erfahrungen und  Charaktere sich die Stadt Dublin nach ihrer Zerstörung jederzeit würde rekonstruieren lassen. Seine Worte könnten Häuser und Straßen wiedererbauen, die Stadt ließe sich durch das große Kaleidoskop der Romanfiguren wiederbevölkern. Joyce, so sagt man, war vieles, aber eines war er ganz gewiss: Er war die letzten 40 Bände von Thom’s Dictionary, die laut zu denken begonnen hatten.

 

 

Anthony Buegess schrieb:
„Der Roman Ulysses, der Dublin verherrlicht, indem er es zu einer ewigen Stadt des Geistes erhebt, hat es auf nüchterne oder trunkene Weise auch verwandelt. Wer Dublin betritt, betritt Ulysses.“

Joyce sagte selbst einmal, er schreibe immer über Dublin, denn wenn er zum Herzen dieser Stadt vordringen könnte, könnte er es auch zu dem Herzen jeder anderen Stadt.

C.P. Curran berichtete, anlässlich seines Nachrufs auf Joyce, den er in der Irish Times veröffentlichte:
„Einmal fragte ich Joyce, wann er nach Dublin zurückkommen werde. Wieso, fragte er, habe ich es je verlassen? Und natürlich, eigentlich hatte er das nie. Er trug Dublin in sich – Seine Kenntnis der Stadt kraft Verarbeitung, Beobachtung, kraft Gedächtnis war erstaunlich, und er bemühte sich, sein Bild von ihr auf den neuesten Stand zu bringen. Als er mich herausforderte, irgendein ein neues Merkmal Dublins zu nennen, das seine Rückkehr rechtfertigte, konnte ich lediglich den neuen Benzingeruch aufführen.“

Noch bis in die 1980 Jahre hinein gab die irische Kapitale architektonische Kulissen ab, die bestenfalls für Kriegsfilme tauglich waren. Seitdem die britische Krone sich um 1800 die kleinere Insel durch den Act of Union auch politisch-administratv einverleibte, hatte sich einerseits die neoklassizistische, dann später die georgianische  Architektur der neuen Bürgerhäuser in Dublin breitgemacht. Andererseits begann um diese Zeit die Phase verstärkt verfallender alter Bausubstanzen bei Häusern und Grundstücken. Auch zog die zunehmende Slumisierung ihre wuchernden Kreise. Insofern konnte der Belfaster Lyriker Louis MacNeice (1907 – 1963) noch schreiben:

„Grey brick upon brick,
declamatory bronze
on sombre pedestals –
O’connell, Grattan, Moore –
and the brewery tugs
and swans
on the balustrated stream
and the bare bones
of the fanlight
over a hungry door
and the air soft on the check
and the porter running from the taps
with a head of yellow cream
and Nelson on his pillar
watching the world collapse.
(…)

Einschub: Aus meiner bescheidenen Sicht kann es kein  Zufall sein, dass die Stadtplaner (böse Zungen behaupten, es hätte sie nie gegeben, und wenn, dann wären es vom Alkohol umnebelte Geister gewesen, die in den Aussdünstungen desselben über ihren Reißbrettern hingen, als würden sie gerade erbrechen), dass sich in kreiskonzentrischer Nähe zu den großen Destillen  und Brauereien (Pearse Lyon, Old Jameson und Guiness) eine erkleckliche Anzahl von Friedhöfen, Kasernen und Krankenhäusern befindet. Als hätte der Gott des Alkohols in konsequenter Folgenabschätzung des Alkoholkonsums, zugleich auch an die Überstellmöglichkeiten totgeweihter Soldaten,  Kranker und Toter gedacht.

 

 

Ab spätestens 1994, im Zuge des entfesselten irischen Wirtschaftswunders (der keltische Tiger auf dem Sprung), ist auch architektonisch kein Stein mehr auf dem anderen geblieben. Statt neoklassizistischer Bürgerhäuser mit einheitlicher Traufhöhe kam es zu regelrechten Orgien im Aufbau mächtiger Glas- und Stahlstrukturen (vor allem in den Docklands, zu denen ich in einem späteren Beitrag noch kommen werde), von postmodernen Wohnblöcken, Finanzzentren, Bank- und Versicherungskomplexen und modernen Verwaltungsgebäuden. Oftmals im Verbund mit kantigem Sichtbeton-Brutalismus.

Trotz dieser architektonischen Verschiebungen gilt wohl nach wie vor der Trost, den James Stephens (1880 – 1950) für uns bereithält, als er schrieb: „Dublin ist weniger eine Anhäufung von Bauwerken als eine Anhäufung von Persönlichkeiten“.

Ähnliche Hoffnung macht uns der Kultur – und Literaturkritiker George Seiner, als er  eine rhetorische Frage in einem Interview stellte, die er gleichzeitig auch beantwortete und darin Irland eine herausragende Rolle zueignete, wenn er festhält: „Unsere Kultur ist traurig. Wo bleibt die Freude? Es gibt in Europa nur zwei Länder, in denen die Jungen noch wirklich und viel lachen: In Irland, dessen Theater und Literatur geradezu explodieren, und in Spanien, das sich noch immer von Franco erholt. aber sonst?“

 

 

Es ist heute so, dass nach dem großen Bevölkerungsaderlass durch Tote und Auswanderung in Folge der großen Hungersnot (great famine) von 1845 bis 1852 die Hälfte aller Irländer in einem Radius von 90 km um Dublin herum lebt. Dublin County zählt selbst 1,2 Millionen Einwohner, in seinem weiteren Großraum sind es sogar 1,8 Millionen Einwohner. Über weitere Zuwächsmöglichkeiten kann ich nur spekulieren. Aber ich glaube, dass Zuwachs in der Hauptsache nur durch weitere Verdichtungen der peripher gelegenen Wohngebiete möglich ist. Mehr Platz wird nicht zur Ausdehnung geboten, da man sich sofort in Malahide und Howth im Norden befindet, und in Dun Laoghaire, Bray und Wicklow County, samt Wicklow Mountains, im Süden. Bei einer Gesamtbevölkerung der Republik Eire von ca. 4,8 Millionen sind  ein Drittel davon, die in der Metropolregion Dublin leben, auch mehr als genug.

Lassen wir zum Abschluss dieser kleineren Ausführungen noch einmal einen Romanautor und Dramatiker zu Wort kommen,  Denis Johnston: „Strumpet City in the sunset. Wilfulf City of savage dreamers, so bold, so sick of memories! Old Mother; some they say are damned, but you, I know, will walk the streets of paradise, head high, and unashamed!“. Den Roman  Strumpet City von James Plunkett, mitsamt Heinrich Bölls Irisches Tagebuch hatte ich 1979 im Marschgepäck, als ich Irland und Dublin insbesondere meine erste Aufwartung machte.

Come to me, all you who labour and are overburdened and I will give you rest. Prayer of intercession. In the presence of the blessed sacraments. So fühlt sich Dublin vermutlich immer noch, zumindest fühlen sich so seine religiös dominierten Auffanglager für alle Beladenen. Als Fürbitte Instanzen. Und sei es für alle Diejenigen, die durch Sinnkrisen, Drogen und Alkohol gebranntmarkt sind. Diese möchte man nur zu gerne in die seligmachenden Klammerarme zurück beordern. Hier ist der Katholozismus in seiner spezifisch irischen Variante als Kontrapunkt zum britisch geprägten Staatsprotestantismus Nordirlands immer virulent und dominierend.

 

 

 

 

 

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Kategorien:Allgemein

9 Kommentare

  1. Dublin ist doch immer wieder schön, oder? Du bringst uns diese wunderbare Stadt mit den vielen literarischen Highlights wieder näher mit deinem Ausflug und Eindrücken. Sehr schöne Fotos, Achim!
    Herzliche Grüße
    Hanne und Klausbernd

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    • Danke dir, liebe Hanne. Ihr ward ja vor einigen Jahren auch dort, wenn ich recht erinnere. Ich bin dorthin, weil ich 2005 ohne Kamera in Dublin war. Ich musste unbedingt jetzt die Bilder machen, von denen ich damals glaubte, ich könnte sie aus der Erinnerung hervor holen.

      Liebe Grüße aus Freiburg
      Achim

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  2. I’ve only managed a few hours in this city so thank you for showing me it in such detail, Achim. I did like what I saw but didn’t have time to dig beneath the surface. I did, of course, sample the Guinness 🙂 🙂

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  3. „…mit kantigem Sichtbeton-Brutalismus“ Danke für diese in Worte gefasste urbane Scheußlichkeit, die so trefflich daherkommt. Nun kann ich auch lipperländischen Baufrevel benamsen ~~~

    Und natürlich danke ich auch für den Dubliner Einblick in unverkennbar Spenglerscher Qualität, Ihre Beschreibungen tropfen flammend in das Sehnsuchtszentrum wie pupurne Begonienblüten auf grauen Stein.

    Herzlichst, Ihre Käthe Knobloch.

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    • Ach, liebste Werteste, ihre Worte schmeicheln mir und sind in ihrer Summe Ansporn und Lohn für die Bloggermühen gleichermaßen. Und ja, Sehnsucht steht über allem, schon jetzt wieder, ein Sehnen ist spürbar, ein Sinnen nach den Ufern der Liffey. Die Zeit, die Zeit …

      Ihnen alles erdenklich Gute, Gesundheit und immer wieder diese zaubernden Wortgirlanden, die Ihnen von der Feder gehen, leichtfüßig und voller Poesie.

      Wie immer Ihnen zugetan

      A.S.

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  4. Herrlicher Text. Das mit den Schriftstellern ist so eine Sache…. Habe da 2015 ähnlich wie in Wien so verunglückte „Würdigungen“ im Strassenpflaster fotografiert: Dichter-Reliefs (statt Walk of fame Sternen) in Strassenlaternen-und Pub-Nähe. Resultat: Jeden Morgen übersäht mit Kippen und alle Gesichtsuntiefen voller Urin … Also ein Dichter und Denker Volk is das oooch nich…

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