Advertisements

Notate 6


Es gibt Universalgelehrte (vielleicht sterben sie langsam aus, George Steiner als Beispiel). An Wissen gebricht es, von universalem Wissen ganz zu schweigen, aber auch dann noch, wenn man es auf das Allgemeinwissen herunterdimmt. Man frage in England und USA beispielsweise nach Alexander von Humboldt. Den kennt man dort kaum, und die, die ihn kennen, sitzen in den Elfenbeintürmen der Ivy League Universitäten und in den raunenden Gemäuern der Colleges in Oxford und Cambridge. So jedenfalls die Aussage von Andrea Wulf, Autorin der preisgekrönten Biografie Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur, die ursprünglich in englischer Sprache verfasst wurde. Der Titel scheint mir verfehlt oder als wohl kalkulierter Chiasmus von Die Natur und die Erfindung des Menschen gewählt. Das Krokodil im Orinoco wartet auch auf  menschliches Fleisch, mit wachen Augen  an der Grenze von Wasser und Luft, eine Jahrmillionen alte Geduld. Vielleicht wurde mit von Humboldts wissenschaftlicher Reise nach Südamerika das Staunen über die Natur zu Grabe getragen, am Horizont aufscheinend die Aufklärung und das Heraufziehen der instrumentellen Vernunft.

*

Eine Vergewaltigungsszene im neuen Roman von Olga Grjasnowa Gott ist nicht schüchtern. Syrien, 400.000 Tote. Vertreibung. Folter. Die Nomenklatura des Nicht-Menschlichen. Und dann fällt dieser Satz in einer Vergewaltigungsszene, sinngemäß: „Er warf sie unsanft auf das Bett“. Oder, als die weibliche Hauptfigur Hörzeuge einer Folterszene wird: „Ihre Schreie erschüttern Amal.“ (Das Buch wurde u.a. im Literaturclub auf 3SAT besprochen, daraus ich meine Kenntnis obiger Sachverhalte habe). Diese Sätze und der in ihnen transportierte Euphemismus angesichts des Schreckens, sind Beispiele von Lektüre,  die ich sofort abbreche. Theaterschauspielern und Medizinern (das sind die Berufe der Hauptprotagonisten des Romans) lässt man wenigstens die Möglichkeit, über den Schrecken zu räsonnieren, zu meditieren und zu diskutieren. Sie haben immer ein Leben danach. Die Armen und die Ärmsten besitzen nur ein Privileg. Hinweg gewischt zu werden von diesem Schrecken, mit einem Tatzenschlag. Die Kinder, die durch die Straßen von Aleppo oder Homs irren, diese Kinder bleiben stumm. Literatur muss die Sollbruchstelle spüren, an der sie sich genötigt fühlt zu schweigen.

Advertisements
Kategorien:Allgemein, NotateSchlagwörter:, , , , , ,

9 Kommentare

  1. Guten Morgen, Achim,

    ich habe auch schon über Universalgelehrte nachgedacht und mich gefragt, warum es sie heute eigentlich nicht mehr gibt.
    Heute ist Universalwissen leider genausowenig gefragt wie „gebrochene Lebensläufe“, Spezialisierung ist überall gefragt. Und irgendwie sind wir angepasst, ich überlege seit einiger Zeit, meinen künstlerischen Lebenslauf mit meinem mathematischen Lebenslauf zu kombinieren, wusstest du, dass ich mein Berufsleben mit Systemanalytikerin und Programmiererin begonnen habe? Natürlich habe ich trotzdem auch meine Kunst verfolgt. Aber erst 2002 habe ich die Kunst hauptberuflich verfolgt und meinen Job als Informatikerin gekündigt. Wenn ich aber genau das in meinen künstlerischen Lebenslauf schreibe, dann wird meine Kunst in der Kunstwelt nicht mehr ernst genommen, einige Diskussionen habe ich schon darüber geführt.

    Ein anderer Grund für die Reduzierung des Universalwissens ist die Fülle an Wissen, die es inzwischen gibt. Und magst du über ein Halbwissen über Biochemie, Halbleitertechnik, Informatik, Betriebswirtschaft etc. sprechen? Ehe ich halbe Wahrheiten verbreite, halte ich lieber meinen Mund 🙂 🙂

    Was ist heute Allgemeinwissen? Sicher, das denke ich auch, die Gebrüder Humboldt könnte man auch außerhalb Deutschlands kennen.

    Einen schönen Tag von Susanne

    Gefällt 1 Person

    • Hllo Susanne,

      ich bin wieder einmal sehr spät mit meinen Antworten auf die Kommentare.
      Der Umfang des universalen Wissens nimmt ja jedes Jahr exponentiell zu. Das ist zwangsläufige Ursache für den Rückgang individuellen, universalen Wissens. Der Umfang des Wissens ist das Korrelat der kognitiven Überforderung. Eine schiere Unmöglichkeit. Gefährlich kann es werden, oder ist es bereits, wenn es zu Wissenskonzentrationen in monopolistischer Absicht kommt.

      Dass du Programmiererin warst und Systemanalytikerin ist mir natürlich nicht bekannt gewesen. Andererseits lässt sich bei genauerem Hinlesen und Hinschauen deiner täglichen Blogarbeit eine gute Organisationsstruktur, fast systemisch-systematisch perfekt (:-)), erkennen. Einen grundlegenden gegenseitigen Ausschluß von künstlerischen und analytisch geprägten Interessen vermag ich sowieso nicht sehen.

      Ich möchte aber auch für die Berechtigung des Stellenwert des Halbwissens, des sog. Wissen der Dilletanten werben. Ohne diese Anstrengungen, auch ohne dieses mögliche Scheitern in der Ansehung von sog. Experten wäre die Welt ein noch schlimmerer Ort.

      Liebe Grüße nach Berlin

      Gefällt 1 Person

  2. So ist das eben, jeder sieht nur noch seins und sein fortkommen. Schublade auf, Person rein und Schublade wieder zu. Eine Ordnung ist. Der Rest ist gewöhnung. Das, so scheint es, ist jetzt angesagt. Wann ist es so geworden? Oder war das immer schon so? Es fällt mir schwer, jemandem einen guten Tag zu wünschen. Trotzdem ist es nötig.

    Also: kommt gut dahin, wo ihr hinwollt. mick 😉

    Gefällt mir

    • Eine Ordnung muss ja nicht für immer währen, lieber Mick. Ich sehe das nicht so pessimistisch mit diesen Schubladen auf und zu. Gewöhnung jedoch, da muss ich dir, falls du dich auf die Seite der Gewöhnung stellst, widersprechen. Demütiger Stillstand, das Ende auch jedes humanitären Fortschritts sind ja die Folgen davon. Es war nie immer so, wenigstens nie ganz „so“. Es gibt auch immer ein „anderes“. Daran glaube ich und das ist der Grund, warum ich dir einen schönen Tag wünsche und jedem anderen der Leser hier auch 🙂

      Liebe Grüße an dich

      Achim

      Gefällt 1 Person

      • Möglicherweise hätte ich die ersten Sätze in Hochkommas setzten sollen. Ich dachte, es wäre so plausibel genug. Dass der Achim Spengler den ich kennen gelernt habe, sich seit einiger Zeit optimistischer gibt, habe ich schon mit Freude im Herzen festgestellt. Aber ich habe mich nie an die Seite der Gewöhnung gestellt. Mir kam es in diesem Kommentar darauf an hinzuweisen, dass der Ordnungsbegriff der Mode unterworfen ist. Wie so vieles. Offensichtlich ist mir das nicht gelungen. Ich kann Deinen Ekel gut verstehen. Wenn es einen Gott gibt, ist er wahrlich nicht schüchtern.
        Ich freue mich darüber, dass du mir einen guten Tag wünscht und grüße Dich auch fein.

        In diesem Sinne: komm gut dahin, wo du hinwillst und nimm ruhig viele mit 🙂 Dein mick

        Gefällt mir

        • Ich versuche mir meinen Optimismus zu bewahren, auch wenn es mir die Zeitläufte schwer machen. Ich wünsche mir in diesen Zeiten bei allen Verantwortlichen, auch uns, einen klaren Kopf, Vernunft, Geduld und eine „mürrische“ Gelassenheit. Das mit dm „mürrisch“ hab ich von Herfried Münkler übernommen, dessen Bücher ich wämstens empfehlen kann.

          Liebe Grüße an dich

          Dein Achim

          Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: