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Grausamkeit und Glück


Du sagst, es gibt nichts mehr zu sagen. Das Unerhörte hat nichts mehr zu sagen. Es hat sich entfernt, in eine Distanz, die das Gewissen nicht mehr lautdröhnend erschüttert.  Ich sage, es ist noch nahe, da wir wüssten, dass Austerität den Selbstmord befeuert. Ich sage, wir erinnern uns,  dass sich Scheußlichkeit und Infamie die Klinke in die Hände drückten. Auch die Unempfindsamkeit hätte etwas zu sagen, wenn sie sich weigert zu sehen, wie der monströs angeschwollene  Kinderkopf auf dem knöchernen Körper, das knöcherne Etwas eines restverbliebenen Körpers, ein finales  Mal aus dunklen, toten  Augen fragt, was Wasser sei und wie es schmeckt.
Ich frage, wie es sein kann und aushaltbar, dass es Glück nur bei geschlossenen Augen gibt. Nur für den sachten, trotteligen Gang durch die Gefängnisflure willkürlicher Abgeschiedenheit. In abgedunkelten Räumen. In denen sich Moral und Wohlanständigkeit um einen Verdienstorden balgen, wie Katzen, die kein Draußen kennen.
Du sagst, es sei das Sich-Scheiden von der Grausamkeit, welches den simplen Grund für das Glück als Negativum  abgäbe.  Das Glück als privates Gegenstück der Grausamkeit, dessen Aufführung kein Anderer besucht. Eine Falle, weil Glück es unmöglich macht, ins Helle hinaus zu treten und Umgang mit den Anderen zu pflegen, ohne sich dabei aufzulösen.
Du sagst, dass das Glück, wenn es sich verlautbart,  schon keines mehr ist, weil es an der Dialektik der Teilhabe nicht teilhaben kann. Es kann unter Menschen nicht sein. Ich sage, der Islamist, der fundamentalistische Christ, beide gäben eine andere, doch fast gleiche  Antwort auf die Frage, wo das Glück sich aufhält. In paradiesischen Gefilden, wenn es sich über tote Seelen und Märtyrer ausgießt. An keinem Ort also, einem Nichtort.
Du sagst, unser Gewissen sei feist und satt, eine Zirrhose verfetteten Glücks, an der wir vergehen oder aber lernen, diejenigen zu hassen,  die den durch uns induzierten Monstrositäten die Flucht entgegenhalten und den anschwellenden Zorn. Die   uns die Frage entgegen schmettern, wie es sich anfühlt, in den Palästen angemaßter Ewigkeit, Eitelkeiten und Narzissmen zu leben, auf den gebirgigen Knochenhaufen des anderen, zerbombten und vergessenen Lebens.
Ich sage, ich wüsste darauf keinen Rat. Ich könnte keine Entscheidung darüber fällen, was zu tun sei. Du sagst, erfreuen wir uns wenigstens an den Kontemplationen über Atlas oder Christus, die das Gewicht des Schreckens, das Gewese und Gemenge, Desiderata und Tristesse,  Auschwitz und die elysischen Felder auf ihren  Schultern tragen.
Du sagst, wir haben uns, um das überschießende Pathos des Unglücks zu dämpfen. Ich sage, wir haben uns, weil wir vergessen müssen. Wir hätten uns, um dem Leid keine erhabenen  Worte eines Unausweichlichen anheften zu müssen. Wir hätten uns, um ihm eine Ratio zu schenken, einen Pragmatismus, ein einziges Wort ununterscheidbarer Wahrhaftigkeit.
Du fragst, ob dieses Wort die Liebe sei. Ich sage, schon jedes private Glück in seiner erfinderischen Ausschmückung sei obszön. Du meinst, trotzdem halte ich dich. Du sagst, ich gäbe dir allen Grund, mich zu halten. Wenn jeder diesen Grund im Anderen erkenne, könnten wir mit unseren gespannten Körpern und dem verführerischen Konvolut von Argumenten alles bekämpfen, was mir und dir einen Unwert unterstellt.
Ich sage, sei nie mein Verführer. Du sagst, aber nein. Verführer sind die in Unschuld  gewaschenen Hände, während die Verführten ihre Häute glätten, sich in weiße Gewänder hüllen, die Hand auf ein Glaubensbuch legen, in die Helle der Welt hinaus treten, um sie zu verdunkeln.

 

 

 

 

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2 Kommentare

  1. Dein Text berührt mich sehr, Achim. Beim wiederholten Lesen bleibe ich immer wieder an diesem Satz hängen: „Eine Falle, weil Glück es unmöglich macht, ins Helle hinaus zu treten und Umgang mit den Anderen zu pflegen, ohne sich dabei aufzulösen.“ Ist nicht Glück ohnehin (allenfalls) etwas für kurze Momente? Mag sich „das Glück als privates Gegenstück der Grausamkeit“ also ruhig auflösen. Im Hinsehen winkt so viel mehr: Schmerz, Wut…, aber eben auch Verbindung. Ich lese diesen Gedanken auch in deinem vorletzten Absatz.

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    • Hallo Maren,

      eigentlich wollte ich mir nie mehr die Frage nach dem Glück stellen. Aber man kommt um diesen Begriff nicht herum, wenn man sieht, wie die Welt am Taumeln ist. Insofern kann ich ihn nur als „negativen“ Begriff benutzen, zum Beispiel als Gegenbegriff zu „Grausamkeit“. Du hast das ganz richtig verstanden, dass ich in den guten Verbindungen zu Menschen, dem Miteinander das eigentliche „Glück“ sehe, das immer das „Du“ benötigt, um aufzuscheinen. Ich danke dir für deine Lektüre.

      Liebe Grüße

      Achim

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