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Das Diminuitiv von Stein


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Ich spiele meine Rolle, nicht weiter schlimm, so muss es sein. Es geht um die Statik des Ganzen, da ist der Stein zwischen den Strebepfeilern wichtig. Immerhin, er ist gut behauen und braucht nur wenig Mörtel bis alles hält, paßsüchtig wie er ist. Schlüpft hinein in den Handschuh Gottes, auf eigenes Risiko, da schon Spinoza lehrte, dass wir nicht erwarten könnten, dass Gott uns wiederliebt. Der Stein liegt oder steht, eine Frage der Perspektive, als Teil oder Ganzes, und hat im Regen und der Trockenheit alle Zeit, über Sinn und Zweck seines Daseins nachzudenken, darüber, rissig zu werden oder nur moosüberwachsen, dörrend oder verwaschen. So sollte es sein und es ist nicht weiter schlimm.
Die Kirche darüber oder darunter, vielleicht ist es gar eine Kathedrale, ein Wunder des Glaubens, ein Himmelstor, manifest in den Blicken der Schafe, der Schuldbeladenen und des Lamento. Vielleicht ist es gar Agape und die vier Kreise der Hölle zugleich. Die Kirche darüber oder darunter, vielleicht ist es auch nur ein Haus in den Bäumen, steingetarnt, in dem die Vergangenheit Verstecken spielt oder ein Murmelspiel anstimmt, als es noch verheißungsvoll war, sich den Schleier des Schlafs von den Augen zu wischen und zu sehen, dass der Tag nur sich selbst hingegeben war und nicht vor der Zukunft kuschte wie ein Hofhund an kurzer Leine, dessen Gebell töricht ist und seine Ergebenheit wahrlich hündisch.
Also nenne ich es die Kirche, weil meine Rolle darin, als Stein, etwas Erhabenes erfährt. Als trüge ich einen Frack  oder eigens geschusterte Schuhe, die derb sind im Gang, spurig im Takt und offen für schnelle Richtungswechsel der Heuchelei, der Verstellung. Verstellung, welche Sprache benutzt, um etwas zu verbergen und mit Worten nichts anderes macht, als sie in eine stabile Seitenlage zu bringen während des Bombardements durch profane Tatsachen.
english-churchIch nenne es also die Kirche, da es der Inbegriff des Geistigen sei. Nicht unbedingt der Geist eines belastbaren Intellekts, eines kritischen, vorlauten. Eines Geistes, der vom Zweifel heimgesucht ist wie Hundefell von Räude. Über alles Irdische hinausweisend verweist dieses Geistige in Dimensionen, wohin der Kierkegaard’sche Sprung des Glaubens noch zu kurz gerät und infolgedessen tödlich ausfällt. So genau nehme ich es nicht. Den Stein entfernen, meine Rolle aufgeben, durch eine Rolle rückwärts sozusagen?  Ich frage das mit einigem Spott, der die Existenz erträglich macht, ein Gewürz, das der Säuernis und Bitterkeit ein paar Krumen aus den knochigen Krallen reißt. Diese Rolle hinter sich zu lassen hätte ja keine Bedeutung von Belang. Es brechen Kartenhäuser weg, nun gut, ein paar unernste Freundschaften, kann man aushalten. Vertrauen, sowieso von innen  aufgefressen und vom Firnis der Unaufrichtigkeit geschlagen. Blutsbande, was soll’s auch, wenn die unterschiedlichen Rhythmen des Alters unterschiedliche Geisteshaltungen hervorbringen, die sich der Geschichte des Anderen nicht mehr nähern wollen. Diese Rolle übernahm bisher der Stein. Gewichtige Rollen, Schlußsteine, Stützpfeiler und tragende Wände, Scheitelsteine. Von wegen und von Weitem betrachtet, nur Scharade und Gaukelei. Es gibt das Diminuitiv von Stein. Staub.

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12 Kommentare

  1. Guten Abend, lieber Achim,
    wirklich steinerweichend 😉
    Dein Text hat uns köstlich amüsiert. Schöne rhetorische Einfälle!
    Mit lieben Grüßen
    The Fab Four of Cley
    diesmal aus Norwegen

    Gefällt 2 Personen

  2. Stein zu Staub, da sagst Du was.
    Ein toller Text, der mir die Haare zu Berge stehen ließ. Ich mag sowas.
    Stein zu Staub-Grüße,
    -Stefanie

    Gefällt 2 Personen

  3. Ich hab dich wieder gefunden!!
    Beeindruckender Text….jetzt bin ich besonders gespannt auf das Buch!
    Liebe Grüße
    Astrid

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