The Ghost of Tom Joad – Bruce Springsteen


Springsteen’s Tom Joad, dessen Geist er in seinem Song auf dem gleichnamigen Album von 1995 besingt und beschwört, ist der Name der Hauptfigur aus John Steinbecks Roman Früchte des Zorns,  der die unmenschlichen Auswirkungen der  Great Depression im Amerika der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts schildert. Zu diesem Roman und seiner berühmtesten und zutiefst berührenden Szene mehr auf Birgits Blog Sätze & Schätze.

Springsteen stellt die Protagonisten seines Songs in keinen verweisbaren historischen Kontext. Sie tragen keine Namen. Die Geschichte der Obdachlosen und der Entbehrlichen, der Verlorenen und der sozialer Repression und wirtschaftlicher Depression Ausgelieferten, ist als zeitloses moralisches Statement angelegt. Die Beschwörung der fiktiven Figur des Tom Joad  und das indirekte Zitat seiner im Buch an die Mutter gerichteten Sätze, in denen er ihr verspricht, sich jedwedem Unrecht zu stellen, verleiht dem Text zusaetzliches Gewicht, gerade weil er keine Anleihe  an der Wirklichkeit aufnimmt. Ist es ein formales Wagnis, die fiktive Dramaturgie des Elends und das fiktive Schicksal der Elenden als moralische Unterfütterung in den Dienst einer weiteren Fiktion zu stellen? Fiction in Fiction? Immerhin geht es um inhaltliche Wirkungen auf die Zuhörerschaft und es ist zumindest zweifelhaft, dass diese in Mehrheit Kenntnis hatte oder hat von der Figur des Tom Joad, des Romans, in dem sie auftritt und der Sätze, die sie dort spricht. Aber wer weiß das schon, vielleicht gehört Früchte des Zorns zum tiefenpsychologisch wirkenden, kollektiven Gut nicht nur literarisch interessierter Amerikaner, und Tom Joad gilt als das Analogon zum Faust. Auch, was ist schon Fiktion, was Realität. Bob Dylan verarbeitet in  The Lonesome Death of Hattie Carroll  zwar ein als verbürgt geltendes reales Ereignis, in seinen Worten jedoch gerät es zur Dichtung Seinem Song The Ballad of Hollis Brown liegt kein tatsächlich stattgefundenes Ereignis zugrunde. Der Song jedoch kreiert durch den vermehrten Einsatz von Parataxe und Repetitio die Illusion einer direkt zu uns sprechenden Wirklichkeit. 

 

 

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Men walking ‚long the railroad tracks Going someplace, there’s no going back Highway patrol choppers coming up over the ridge Hot soup on a campfire under the bridge Shelter line stretching ‚round the corner Welcome to the new world order Families sleeping in the cars in the southwest No home, no job, no peace, no rest

Well the highway is alive tonight But nobody’s kidding nobody about where it goes I’m sitting down here in the campfire light Searching for the ghost of Tom Joad

He pulls a prayer book out of his sleeping bag Preacher lights up a butt and he takes a drag Waiting for when the last shall be first and the first shall be last In a cardboard box ’neath the underpass You got a one-way ticket to the promised land You got a hole in your belly and a gun in your hand Sleeping on a pillow of solid rock Bathing in the city’s aqueduct

Go!

Well the highway is alive tonight Where it’s headed everybody knows I’m sitting down here in the campfire light Waiting on the ghost of Tom Joad

Now Tom said, „Mom, wherever there’s a cop beating a guy Wherever a hungry newborn baby cries Where there’s a fight against the blood and hatred in the air Look for me, Mom, I’ll be there

Wherever somebody’s fighting for a place to stand Or a decent job or a helping hand Wherever somebody’s struggling to be free Look in their eyes, Ma, and you’ll see me“ Yeah!

The highway is alive tonight Where it’s headed everybody knows I’m sitting down here in the campfire light With the ghost of old Tom Joad

 
Kategorien:Allgemein

3 comments

  1. Die Springsteen-CD kannte ich nicht. Danke fürs Aufmerksam machen – ich werde sie mir besorgen. Zu Deinen Gedanken: Vielleicht ist „Tom Joad“ eine zeitlose Figur, die es zu Steinbecks Zeiten, in den 1990erJahren und auch heute noch gibt – die Problematik, die Steinbeck in seinem Roman schildert, gibt es ja ebenso auch immer noch (und wird es wohl immer geben).

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  2. Deutsche Musikkonsumenten kümmern sich leider selten um Texte. Und von Bruce wird erfahrungsgemäß alles bejubelt. Er könnte auch seine Wäschelisten vertonen und es regnete Gold und Platin. Aber mit Nebraska, Tom Joad und den Pete Seeger Sessions macht er sich zum Sprachrohr der Vergessenen – das Elend ist dasselbe, ob nun in den 30gern oder 2000undfirlefuffzig.
    Es gibt auch ein Pendant von dem deutschen Rapper Casper „Grizzly-Lied“ wo amerikanisches Alltagselend in den Strophen thematisiert wird.
    Man muss also nicht auf die Deep Depression verweisen. In den drive-by-states zwichen den Appalachen und den Rockys hat die nie wirklich aufgehört. Bloß das Märchen von den Orangenpflückern glaubt keiner mehr.

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