Weniger und Mehr


Das Mehr mit dir war jetzt das Weniger mit mir. Davor gab es keine Stille, auf deren Schwingen die Einsamkeit flaniert. Wie kann es sein, dass etwas sich auffüllt und ohne es, allein, weniger zurückbleibt als leere, notgefüllte Freiheit? Wir verweilen in Allem. Wir verweilten im Geschmack von Kirschen, dem Versteck in den Holunderbüschen, marodierenden Hütten aus Moos. Wir trinken Bluttropfentau aus Fingerhüten, schließlich lauern große Erwartungen am Saum deiner Lippen. Wir waren das, was die anachrone Zeit uns aufgab. Wesen aus einer anderen, durchsubjektivierten Welt, deren Rauschzustände unaufhaltsam sind und von Dauer. In der Sommerhitze trank ich Wasser aus der Kehle deiner Hand und dachte, dass die Kindheit das Narrativ ist des Zugleichs, und dass wir Berserker sind, willige Gefährten der Triebtäterin Natur.
Am ersten Tag saß ich neben dir und neben der barbarischen Nervosität meines nach unten gerichteten Blicks. Heute weiß ich, es war der verpasste Augenblick, diese winzige Leerstelle, in der sich das Bleiben versammelt oder die Rückkehr in den Normalzustand meiner Sinne. Meinem starren Blick, blutleer und voller Verzückung auf das ganze Unerreichte, danach. Ich weiß jetzt, dass ich dich nie begriff. Das Dunkel in dir, eine pechschwarze Haut, die nichts reflektiert, bis du überraschend einen Hinweis darauf gibst, der im Zorn meiner Neugierde zerfällt. Dann dein Gesicht, der kleine Mund, das vorsichtige Streicheln meines Unterarms. Du musstest wissen, dass dieser Platz, diese Markisen und der sachte Regen, die Sonne in den Ästen der Platanen sich in uns brennen würden, schon gezeichnet durch die Aussicht auf das Scheitern. Um uns herum das Nichts von Stimmen, manchmal ein Lachen, der kleine Junge und sein Spielzeugauto. Für ihn sind Jahreszeiten nur die Unterschiede zwischen Jubelschrei und Freude. Für uns sind sie Zäsuren, die uns trennen.

© Achim Spengler

Kategorien:Allgemein

14 comments

  1. Hat dies auf ReBlog! Hier findet sich alles was mir gefällt. Über "Kategorie" wirds dann übersichtlich🙂 rebloggt und kommentierte:

    Falls der Reblog nicht gewünscht ist, einfach kurz melden.

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  2. Das ist so ein Beitrag, bei dem ich denke, was für großartige Schreiber es hier im Blog gibt!
    Wie mitnehmend und poetisch geschrieben.

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  3. Lieber Achin,
    es gibt nicht viel zu sagen, nur den imaginären Hut zu ziehen und jetzt noch einmal deinen Text zu lesen, für den ich dir von Herzen danke.
    liebe Grüsse
    Ulli

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    • Liebe Ulli, schön, dass du wieder zurück bist im Revier🙂
      Ich sah gerade drüben auf deinem Blog, dass du Connie Palmen’s wunderbares Buch „Du sagst es“. Und wieder schlägt die Koinzidenz zu, ich lese es nämlich gerade auch und es verdichtet sich die Idee, ein lyrisches Stück über Sylvia Plath und Emily Bronte zu machen. Ted Hughes kommt ja, wie du inzwischen weißt, aus Yorkshire und die Schilderung Palmens (oder Hughes‘) seiner und Sylvias Wanderung nach „Sturmhöhe“ gehören zu den berührensten Stellen in Palmens Buch.

      Liebe Grüße

      Achim

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  4. Trennende Zäsuren, durch nichts anderes überwindbar als sich selbst. Heiße Hautküsse im Schnee, kühler Salzfilm auf hitzebrennender Haut und ein Rascheln im Laub durch sprießende Herbstzeitlose, blaßlila wie Lenzrosen unterm Schnee…

    Lieber Achim, ich mag Ihren Text nicht zerpflücken, doch solch ein Silbenstrauß befüllhornt uns Leser mit weiteren Bildern. Danke für das boukettieren, es ist ein Hochgenuß.

    Herzliche Grüße, Ihre Käthe, auch nachflanierend äußerst zugetan.

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  5. Liebe Frau Knobloch,

    Lenzrosen und Herbstzeitlose, da merkt man, dass Sie vom Fach sind und ich bei Ihnen in die erste Klasse des Blumenbestimmungsunterricht gehen müsste, um jene Blumen einmal als ganz selbstverständliche Requisiten in meinen texten aufscheinen zu lassen.
    Immer der Ihre und Hand auf mein Herz anlässlich Ihrer Erwähnung des „Silbenstrauß“.

    Hoachachtungsvoll

    A.S.

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