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Emily Brontë – Wuthering Heights

Emily Brontë

Emily Brontë musste die nicht Welt bereisen, um in den Mooren von West-Yorkshire eine große imaginäre Welt zu schaffen. Eine Welt, in der unter dem hypnotisierenden Einfluß  psychischer Naturgewalt  die Stationen einer großen Tragödie beschrieben werden. Das Werk war ein genialer Wurf und zugleich ein letzter. Das Werk, das sich der  viktorianischen Leserschaft auf den Nachttisch legte und einen Kunstgeschmack herausforderte,  der realistisch anmutende Literatur bevorzugte, und der nicht vorbereitet war auf das, was sich da vor seinen Augen ausbreitete.

„Kommt es diesen köstlichen Wesen nie in den Sinn, daß ihre kleinen Finger geschaffen wurden, damit sie geküsst und nicht mit  Tinte beschmiert werden? Gibt es da keine Ehemänner, Liebhaber, Brüder, Freunde, sie zu herzen und zu trösten?  Gibt es da keine Strümpfe zu stopfen, keine Beutel zu nähen, keine Hosenträger zu besticken? Meine Vorstellung von einer perfekten Frau ist die: Sie kann schreiben, aber sie tut es nicht.“

(George Henry Lewes, englischer Schriftsteller, Literaturkritiker und Philosoph)

Der wache, störrische und melancholische Geist gehörte Emily Brontë. Zu ihrem Universum gehörte die Pfarrei ihres Vaters, eine schwesterliche Verbundenheit und schwesterliche Rivalität in literarischen Dingen. Diesem Universum zugehörig waren die weiten Horizonte über der herben und düsteren Landschaft West-Yorkshires. Der Titel des Werkes dieses ruhelosen und genialen Geistes: Wuthering Heights.

Kann man es Überforderung der literarischen Kritik nennen, durch eine bislang unbekannte fiktive Welt, die sich provokativ vor ihr ausbreitete? Tatsächlich war die Erwartungshaltung an Literatur geprägt durch die Forderung, reales Leben mit realistischen Mitteln abzuschildern. Man möge bitte die Wiedererkennbarkeit der Wirklichkeit garantieren. Wirklichkeit sollte sich spiegeln dürfen, auch wenn diese Spiegelung durch satirische und phantastische Brechungen und groteske Überzeichnungen, sowie romantisch gefärbte Weichzeichnerei begleitet wurde.

Emily Brontës Roman weist angesichts des vorherrschenden literarischen Geschmacks und moralischen Zeitgeistes geradezu unerhörte inhaltliche Merkmale auf. Wie etwa jene subkutan lauernde und leidenschaftlich ausgelebte Liebe zwischen Catherine Earnshaw und Heathcliff, oder die nicht zu kontrollierenden Wirkungen der Sexualität und der Affront gegen die vorherrschende Prüderie. Hinzu kommen Charaktere, die eine betuliche und ins Gehege christlicher Etikette eingesperrte Leserschaft als monströs und unnatürlich erachtete, da ihr Solipsismus sich ungezügelt Bahn bricht und durch keinerlei Art sozialer Einbindung befriedet werden kann.

Eine Frau wie Catherine Earnshaw, die sich weder um Standesdinge schert  oder an einer Geschlechterrolle orientiert, und die es wagte, ihre eigene Personalität als mit der von Heathcliff verschmolzen zu begreifen, sie passte nicht in die Epoche jener Literatur, deren Charaktere manierlich aufzutreten hatten, gesittet noch dazu, und in der sich das Gute und das Böse in menschlichen Regungen und Handlungen austarieren sollen. Psychologisch stimmig komponiert und vor allem verständlich formuliert. 

Meine Liebe zu Heathcliff gleicht den die Zeiten überdauernden Felsen dort unten – eine Quelle kaum sichtbarer Freude, aber notwendig. Nelly, ich bin Heathcliff. Er ist immer , immer in meinen Gedanken, nicht zum Vergnügen, genauso wenig, wie ich mir selbst stets ein Vergnügen bin, sondern als mein eigenes Ich.

Es muss am Nachhall dieser und ähnlicher Sätze in Wuthering Heights gelegen haben, dass sich Teile der Kritik zu Worten verstieg, die eher an hasserfüllte Tiraden und Reflexe erinnern als an  Versuche, sich eine objektive Wertung abzuringen. Im Graham’s Magazine konstatierte ein Rezensent, Ellis Bell (das Pseudonym, unter dem Emily ihren Roman veröffentlichte) hätte unter dem Einfluß von Schnaps und Pulver im Leib das Werk verfasst: „Wie ein menschliches Wesen … das zwölfte Kapitel abschließen konnte, ohne Selbstmord zu begehen, ist ein Geheimnis.“  Die Kritik rügte auch die Szenen unkontrollierbarer Ausbrüche von Gewalt, als hätte es in der viktorianischen Gesellschaft Affekte wie Hass, Leidenschaft, Trauer, Leid, Rach- und Vergeltungssucht nie gegeben. Von den sozialen und strukturellen Gewalten einmal ganz abgesehen.  Stellt man sich Heathcliff  in seiner Jugend als das zurückgestoßene, nicht als menschlich qualifizierte Wesen vor Augen, und dazu den Verrat an seiner Liebe und Leidenschaft zu Catherine, dann sind nach heutigen psychologischen Erkenntnissen sein grenzenloser Hass und sein Vernichtungsszug durchaus stimmige Reaktionen auf das ihm Widerfahrene. Das seelische Erschütterung zu seelischer Grausamkeit führen kann, war nach damaligen Standards sicher keine Binsenwahrheit.

Dass dem Lesepublikum die Identifikation mit den Protagonisten durchgängig verweigert werde, diesen Vorhalt kann man dem Roman nicht machen. Er gehorcht seiner eigenen Gesetzlichkeit und legt keinen Wert auf jedwede Konvention. Er verweigert auch  die Rücksichtnahme auf gängige Moralvorstellungen. Wie auch nicht, da er in seinem Kosmos eine eigene radikale Moral kreiert, die die absolute symbiotische Unabhängigkeit des Fühlens, Denkens und Handelns in  selbstzerstörerischen Enden gipfeln lässt.

Es geht im Aufflackern jener Leidenschaften um das ganze zu Entscheidende der ganzen Welt. Rückhaltlos, nur den inneren Gesetzgebungen der Figuren folgend und keinem richtenden äußeren Gesetz unterworfen. Vielleicht ist das die markanteste Botschaft des Romans. Dante Gabriel Rossetti nannte Wuthering Heights einen Teufel von einem Buch, ein unglaubliches Monster – es spielt in der Hölle – nur das Orte und Personen dort englische Namen tragen.“ 

Wir wissen nicht, was die Wirklichkeit Emily verweigert hat, um in Heathcliff und Catherine Geschöpfe zu entwerfen, die den Willen zum Bruch mit der Welt artikulieren. Die das Leben in seiner Fülle besser zu umfassen trachten und sich diese Fülle von niemandem nehmen lassen wollen, außer vom Tod.

Emily Bronte
Emily Brontë

Ich weiß es gewiss. Heathcliff und Catherine spuken noch immer auf  Yorkshire’s Mooren. Ihre Schöpferin hat sie dort in ein Zwischenreich verbannt, dem sie nicht entfliehen können. Es ist dies nicht nur ein Gefängnis in der Fiktion. Nach Haworth, dem Wallfahrtsort der Brontë Liebhaber, wird es keinen Leser ziehen, der sie dort nicht anzutreffen hofft, als Geistwesen, als luzide Hinweise in einem Busch, einer Weide, einem Moos. Oder der sich einbildet, er könne ohne emotionale Erschütterung aus diesem Zwischenreich einfach wieder heraustreten. Es gibt tatsächlich etwas, was sich in ein Gedächtnis einbrennt, Und das Gewalt anwendet, wenn man sich seiner entziehen möchte. Es grenzt an einen Phantomschmerz, wenn ich versäume etwas wiederzulesen, was mir Fieberträume verschaffte.

Jane Austen mag in ihren Werken die Erde erschaffen haben. Sie beschreibt das emsige Geschäft der Suche junger Damen nach einem Ehemann, um mit diesem glücklich zu sein bis ans Ende ihrer Tage. Charlotte Brontë mag uns den Himmel vorgestellt haben, der sich über das Schicksal von Jane Eyre wölbt und der mit ansehen muss, wie sich die Autorin zu einem unbefriedigenden Ende ihrer Erzählung durchgerungen oder überreden hat lassen. Emily Brontës Wuthering Heights jedoch hat die Frage beantwortet, was mit dem ganzen Rest des Lebens ist, was es mit all den Emotionen und Ambitionen einer Schriftstellerin auf sich hat, weit jenseits von Stilfragen und literarischen Ansichten. Sie hat die Frage beantwortet, was es mit der Mystik von Imaginationen auf sich hat, mit der Gedanken- und Ideenwelt und der Leidenschaftlichkeit und Widersprüchlichkeit von Charakteren. Sie hat alles beantwortet mit dem, was in ihrer Kunst über Erde und Himmel hinausweist.

https://achim-spengler.com/2016/09/10/letzte-saetze-16-emily-bronte-wuthering-heights/
https://achim-spengler.com/2020/02/12/emily-bronte-an-elegy/
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4 Comments
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restlessjo
6 Jahre zuvor

No more haunting a place, Achim. And a fine novelist 🙂

Achim Spengler
6 Jahre zuvor
Reply to  restlessjo

Hello Jo 🙂

I’m really surprised that you obviously could make sense of my „Emily“ contribution.
Many thanks for your comment and have a nice day.

Best regards

Achim

restlessjo
6 Jahre zuvor
Reply to  Achim Spengler

I used Google translate and read between the lines. My German is non-existent but I think I followed your meaning, Achim. 🙂

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