Letzte Sätze 15 – Tomas Espedal – Wider die Natur


Tomas Espedal

Tomas Espedal

 

Montag, 31. Mai
Passiert es so: Das Alter kommt eines Nachts, wenn du allein im Bett liegst,
auf einmal, wie ein Schatten betritt es das Zimmer; es legt sich fest auf dich, presst dich auf die Matratze, hält deinen Kopf in einem furchtbaren Griff fest und bläst dir Eis in den Mund. Kälte breitet sich im Körper aus. Die alle innere Glut und Wärme löscht; eine dünne Frostschicht um Lungen und Herz, um den Magen und die Leber, um Lymphe und Hoden. Du bist kalt. Du wachst auf und bist kalt.
Das Eis hat sich durch dein Gesicht geschnitten. Kleine Schnitte um Augen und Mund; wie steif die Haut in deinem Gesicht geworden ist. Ein kaltes Gesicht, kalte, schwere Hände. Das Eis hat dich kastriert. Du wachst auf und hast den Schwung verloren, die Wärme, du hast den Glauben verloren, die Kraft, du hast die Lust verloren.
Du hast die Fähigkeit zu lieben verloren.
Du bringst es nicht über dich, kannst niemanden mehr lieben.
Es ist zu Ende.
Du sagst Ende, aber die Liebe wird nicht enden.


Tomas Espedal – Wider die Natur

Tomas Espedal – „Wider die Natur
Verlag Suhrkamp 2015
Lizenzausgabe der MSB Matthes & Seitz Verlagsgesellschaft mbH
Übersetzt aus dem Norwegischen durch
Hinrich Schmidt-Henkel

 

 

 

 

 

Kategorien:Allgemein, LiteraturSchlagwörter: ,

12 comments

  1. Ich finde das sehr traurig.

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  2. Espedal … nun scheint er in vieler Munde, zu mir ist gerade sein Buch: Wider die Kunst unterwegs, ich freue mich schon sehr!
    Was nun diese letzten zeilen anbelangt, da hoffe ich, dass ich noch etwas Zeit habe, aber im letzten Jahr gab es mal so einen Hauch und das war wahrlich nicht lustig.
    Lieber Achim, ich danke dir, das sind so Zeilen, die graben sich ganz tief unter die Haut, wenigstens bei mir und wenn es dann soweit ist, dann weiss ich, ich bin nicht allein!
    Herzensgrüsse an dich
    Ulli

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  3. Ich finde das auch sehr traurig!
    Liebe Gruesse Monika

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  4. Eben dachte ich: Komisch, dazu hatte ich doch schon einen Kommentar geschrieben?! Stimmt, hatte ich, aber nicht hier. Ich zitiere mich einfach mal selbst:

    wolkenbeobachterin
    May 6, 2016 at 7:35 am
    Ein großartiges Buch, ganz wundervolle Sprache. Mich hat es mitgerissen, von der ersten bis zur letzten Seite. Es ist in einer wunderbaren poetischen Sprache geschrieben, sehr kraftvoll auch. Ich konnte es kaum aus der Hand legen. Ich habe es vor Monaten schon gelesen und bin sehr angetan davon.

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