Ophelia


Ophelia - John Everett Millais

Ophelia – John Everett Millais

Hamlet ist nicht der Stern, zu fern für dich, von dem dein Vater spricht und sich streng bückt. Dass er mit seinem groben Stift nichts Zartgewirktes redet, das weißt du immerhin. Er sieht nicht weiter hin, wenn er den Kuss und dessen Nachbarin in der ersten Glockenhelle dreimal verrät und dich als keusche Unkeuschheit verhöhnt.
Er kann, ich wette das,  an jedem rüden Nachbartisch den Wüstling deiner Jungfernschaft abgeben, ihr schnell den Hof bereiten und ihre Ehre schwärzen, in einem Zug. In deinem Pfauenauge schlägt er das Rad des Pfaus und geht dann raunend wieder ab. Wie nennt man das? Liebe in Wahnsinn, wohldosiert, ersticken? Komm ihm unterm Rock hervor, leg Flügel an und meide die Fluten. Sie machen einen kälteren Tod als jenes fabulierte Kloster, samt seiner Pforten der Enthaltsamkeit und der Kandare, in der die Reue lebenslänglich geht und lacht. Dir Blumengebinde winden. Hand um dich legen, währenddessen ein Wasser mit dem nächsten Wasser nach den Blumen späht, die der Wind in deinem Schoß versammelt? Stiefmütterchen und Maßliebchen? Würde ich das? Ein wenig Zwiesprache dir noch einhauchen, so wie man es tut, wenn man sich über Gräber beugt? Wie du keine mehr führtest mit dem, der sich im Nachgang nicht als Prinz entpuppte, dem  Zauderlehrling, der mit Totenschädeln spricht als sei es Staatsraison. Dich irre küssen, weil du irre bist? Mohnblumen sollten erklären, unter all den Blumen, die er dir schenkte, dass deine Reise endet. In meinem Garten wachsen sie nicht mehr.

(@ Achim Spengler)

Kategorien:Allgemein

19 comments

  1. Schon wieder so ein großartiger Text, der sprachlos zurücklässt. Enträtselungen herausfordert.

    Spontan kam mir der alte Huchel noch in den Sinn:

    Ophelia

    Später, am Morgen,
    gegen die weiße Dämmerung hin,
    das Waten von Stiefeln
    im seichten Gewässer,
    das Stoßen von Stangen,
    ein raues Kommando,
    sie heben die schlammige
    Stacheldrahtreuse.

    Kein Königreich,
    Ophelia,
    wo ein Schrei
    das Wasser höhlt,
    ein Zauber
    die Kugel
    am Weidenblatt zersplittern lässt.

    Peter Huchel

    Gefällt 3 Personen

    • Danke für deine Einschätzung, liebe Birgit. Kennst du den schönen Band „Wie er uns gefällt; Gedichte an und auf William Shakespeare“ aus dem Manesse Verlag? Dort befindet sich auch Huchels Ophelia Gedicht.

      Liebe Grüße

      Achim

      Gefällt mir

      • Ja, den habe ich auch – ich hatte ihn mal besprochen, aber die Rezension ging verloren. Das Buch zeigt viele gute bis herausragende poetische Auseinandersetzung mit Shakespeare – zu Ophelia gibt es natürlich darin auch mehr, mir gefiel jedoch, auch in Bezug auf Deinen Beitrag, der Huchel sehr.

        Gefällt mir

        • Die Ophelia Gedichte gefallen mir dort ausgesprochen gut. Und Terézia Mora’s Ophelia Monolog „Ophelia, anstatt wahnsinnig zu werden fängt sie langsam an zu kapieren und hält – wenn auch im leeren Thronsaal – einen Monolog“ hat es mir sehr angetan🙂
          Ich hatte mal die irre Idee 12 Ophelia Gedichte zu schreiben, für jeden Monat eins im langen Jahr.

          Gefällt mir

  2. Die Geschichte des Modells, der Dichterin und Malerin Elizabeth Eleanor Siddal, ist auch hörenswert.
    Der Kunstkritiker Ruskin finanzierte ihre Ausbildung, sie war neben ihrer eigenen Kunst auch das Modell der Prärafaelliten. Sie heiratete Rossettis, der sie nach ihrem Selbstmord mit seinen Gedichten im Haar begrub. Sieben Jahre später exhumierte er sie, um seine Gedichte wieder zu erhalten und zu veröffentlichen. Rosettis Agent war bei der Exhumierung zugegen und verbreitete das Gerücht, Siddals Haar wäre weiter gewachsen und hätte den Sarg ausgefüllt.

    Gefällt 5 Personen

    • Hallo liebe Susanne,

      ich beschäftige mich gerade etwas intensiver mit den Präraffaeliten. Elizabeth Siddal’s Vater drohte mit Klage gegen John Everett Millais, da dieser Elizabeth als sein Ophelia Modell allzu lange in nicht wohltemperierter Badewanne liegen ließ und sie sich derart fast eine Lungenentzündung zuzog. Die Frauen hinter den Männern, in der damaligen Zeit, als Musen, als Ehefrauen, als Künstlerinnen, wie wenig sind sie bekannt, wie selten stehen sie im Rampenlicht. Wie betroffen ihr Schicksal macht, sogar ihre Verklärung ist eine männliche Angelegenheit.

      Gruß aus Freiburg

      Achim

      Gefällt 1 Person

      • Lieber Achim,
        ja, die Badewannengeschichte kannte ich schon. Ich war vor ca. 30 Jahren in London in eine Ausstellung der Präraffaeliten und seither streife ich sie immer wieder.
        Kunstgeschichte wurde von Männern geschrieben, deshalb gingen viele Frauen-Kunstgeschichten verloren. Ganz dramatisch ist es in der Textilkunst, sie wird erst seit kurzem überhaupt als Kunst anerkannt. In Halberstadt im Dommuseum liegt der Abraham-Engel-Teppich aus der Zeit um 1150 von Nonnen gewebt. Ich habe ihn mir angeschaut, er ist gerade restauriert worden. Unglaublich! Oder die Stickmuster von Maria Sybilla Merian – es ist kein einziges davon überliefert!
        Nun hat sich vieles gewandelt. Ich schätze, dass ca. 90% der Studenten im Zweig Kunstgeschichte weiblich sind. Jedoch! Wer bekommt die Direktorenposten in den Museen? Immer noch mehr Männer als Frauen! Wo sind die vielen Studentinnen geblieben?
        Viele Grüße aus dem noch dunklen Berlin von Susanne

        Gefällt mir

  3. The flowers were rotten
    in the state of denmark
    and who was truly mad:
    prince, father or his daughter?
    To trust the other was Ophelias
    greatest mistake
    in betraying her love
    in deepred poppy sweets
    some freedom gently sleeps…

    Lieber Achim,

    Danke. Was für eine Poesie in den Sätzen. Sehr wunderbar.

    Einen schönen Abend Dir,

    Stefanie

    Gefällt 2 Personen

  4. …sind meine Worte…
    danke, avec plaisir…:)

    Lieben Gruß,
    -Stefanie

    Gefällt mir

  5. …dachtest du Dir doch?…:)

    Steht die irre Idee mit den 12 Ophelia-Gedichten noch? Klingt spannend…

    Gefällt mir

    • Da fehlt mir im Moment die Phantasie und ein wirkliches Zutrauen in meine doch eher begrenzten lyrischen skills.

      Gefällt mir

      • …den Nebensatz nach ‚und..‘
        …den meinst Du jetzt nicht ernsthaft ernst, oder…?
        Ich wünsche der Ophelia-Idee den Mut, der ihr bei ihrem Vater fehlte ihm zu widersprechen, zu der Liebe, die sie für Prinz Hamlet empfand ehrlich zu stehen und einen langen Atem um den Wunsch, der phantasielosen Zeit ein Schnippchen zu schlagen, vielleicht doch wieder zu beseelen.
        Ophelia lebt!

        Gefällt mir

        • Doch doch, den meine ich schon so. Wirklich zufrieden bin ich mit diesen lyrischen Einsprengseln nie. Und das ist jetzt keine Koketterie. Ich glaube schon, dass ich mich gut einschätzen kann, verglichen mit denen, die ich als Lyrikliebhaber gerne lese. Trotzdem macht es Spaß und ich sehe es als Experiment, durch das Schreiben von Lyrik mehr über mich selbst zu erfahren.

          Gefällt mir

          • …habe ich mir schon beinahe gedacht, dass Du das ernst meinst…:-/

            Ich weiß, wovon Du sprichst, wenn Du von Einschätzungen schreibst. Ehrlich gesagt fällt mir so etwas schwer. Vielleicht eben gerade weil es diese Vergleiche gibt mit den großen Dichtern, ihrem Genius, ihrem Können.
            Ein lohnendes Experiment zur besseren Selbsterkenntnis sind Gedichte allemal. Sie sind auch Wortmusik und Sprachklang. Ein akrobatisches Spiel mit tiefem Ausdruck und Hintersinn.
            Das Wichtigste ist die Lust und die Freude sie schreiben zu wollen, eine ähnliche Motivation wie die, Musik machen zu wollen…oder…?

            Gefällt mir

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: