Die Stille unter Kathedralen – Hortus Conclusus und Entropie


 

„Als ich stürzte, hüllte Dunkelheit mich ein wie ein dicker Filz. Darauf habe ich mein Leben lang gewartet, war mein Gedanke. Auf diese Dunkelheit, eine absolute Stille“ (Rachel Kushner: Flammenwerfer)

 

Edward Hopper’s October on Cape Cod oil

Edward Hopper – October on Cape Cod

Die Rettung des Ich aus den Klauen des fanatisierten Kollektivs. Was noch kaum  möglich ist, weil meine Antennen für das Fremde noch nicht justiert sind, und mir der Fanatismus als größter anzunehmender Zweifel an der Gewissheit gilt, gegen den kein Kraut gewachsen ist, aus welchem Schoß er auch immer kroch. Mein Ich als „Hortus Conclusus“ zu begreifen, als schützender Ort von Meinungsstärke und Überzeugungskraft, ich mache  mir nichts vor: Der Kampf um die Würde des fremden Menschen beginnt in mir, und damit steht und fällt ein letztgültiges moralisches Urteil über mich selbst. Mein Humanismus war bis hier und heute kein elementar herausgefordertes Stück Moralität oder Fremdenfreundlichkeit oder Empathie. Mitten durch meine durchschnittlichen Herzlande wird sich erweisen,  ob ich mich einer hehren Idee von Mitmenschlichkeit wenigstens würdig zeige. Es wird sich ergeben, ob ich aus den Kerkern des kollektiven Wahns hinaufsteigen kann wie aus „dem sechsten Kreis der Hölle“ an das Licht. Rilke sagt, ein jeder Engel ist schrecklich. Insofern möchte ich kein Engel sein. Ich möchte auch kein Flammenschwert ziehen müssen gegen Hamlets Meer von Plagen und im Anrennen dagegen enden, sterben oder schlafen. So daß ein Horatio, der aus seiner Freundeshaut nicht konnte, ewiger Zeuge ist,  Zeitgeist und Biograph des Schreckens.

Die Stille als Reflex, die sich durch die Rosinenpickerei geschichtlicher Betrachtungen ergibt, immer dann, wenn man den teuflischen Schrecken im Relief der Geschichte glattbügelt und die Idyllen der Friedensdividenden exkludierend in den Adelsstand eines  guten Endes von Geschichte hebt. Fehlgetan. Die Zyklen der Gewalt schreiben Geschichte. Die Bitternis schreibt Geschichte, die sich als Fratze über das Gesicht der Hoffnung stülpt. Die Frauenfeindlichkeit schreibt Geschichte, die Unterdrückung des weiblichen Elementes noch in jeder Nische der Anwendung des anthropischen Prinzips in der Betrachtung der Bedingungen des beobachtbaren Universums. Jenes Universum, welches durch den Anthropos beobachtbar ist, weil es lebenermöglichende Eigenschaften besitzt, die seine Beobachtung durch bewusstseinsfähiges Leben  erst ermöglicht. Nur dass der ANTHROPOS der MANN ist und nicht wenigstens der MENSCH. Von der bewußtseinsfähigen FRAU ist im Krakeel des besoffenen Machismo sowieso keine Rede. So dass, ich gestehe, ein schwarzer Regen kommen möge, der die Horden des machtberauschten Testosterons an den Testikeln packt und von den Straßen spült, weltweit. Nicht was sich ziemt, nur, was wir fühlen, sagen, sagt Edgar in König Lear. Mehr fühle ich nicht, mehr nicht.
Wir leben nicht in der Kenoma, der Leere oder des leeren Raums der Gnostiker. Außerdem scheint diese mir kein erstrebenswerter Geisteszustand zu sein, und wenn, so ist sie, wie die Stille, nicht mehr zu haben. Davor steht das Pleroma der Postmoderne , die schreckliche „Fülle des Lebens“, in ihrer modernen Abart von Gewalt und Hass, von ökonomischen, ökologischen und religiösen Ausbeutesystemen. Ein Hintergrundrauschen, so heftig, dass aus der erstrebten Stille des Individuums ein Ort entsteht zu einer Zeit, in der alle Lautdifferenzen den Kältetod gestorben sind. So, wie man es in thermodynamischen Systemen als einheitliche Ausgleichstemperatur erwartet, im Zustand der Entropie. Nur, dort geht es um energetische Prozesse. Der entropische Zustand der Menschheit am Ende der Menschheitsgeschichte, begriffen als abgeschlossenes thermodynamisches System, wird  im atomaren Overkill der Wärmetod sein. Enden im Tohuwabohu, der in der Genesis erwähnten formlosen Öde. Das Eintreten ihres Kältetodes durch die Bewahrung eines ewigen Friedens ist nach Lage der Dinge dagegen nicht sonderlich realistisch. Immerhin, endlich Stille. Müssten wir sonst nicht irre werden an uns selbst? Und enden wie König Lear, im Wahnsinn? Oder wie Hamlet, im Nihilismus?  Oder wie Nietzsches „toller Mensch“, der auf den Marktplätzen der Welt nach Gott sucht?  Das Schlimme daran ist, dass er längst gefunden wurde und gebrandmarkt ist für immer und als Wechselbalg jedweder Art von Schrecken seine Clownsrolle übernehmen muss. Ich bin mir sicher, wenn es ihn gäbe, er würde sich die Clownsmaske vom Gesicht reißen. Würde er den toten Christus, oder Mohammed vom Weltgebäude herabreden lassen, dass kein Gott sei?

Der Schrei Edvard MunchNietzsche meint, wir hätten die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen. Ich sage, wir haben Kathedralen, in deren Schatten Frauen sich nicht sicher fühlen können. An dieser Wahrheit kann man leicht zugrunde gehen. Wenn ich also über Stille schreiben will, dann kollidiert das mit den äußeren Befunden von Laut und Schrei und Klage und Zorn und Wut und Hass. Um aktuell etwas über die Stille schreiben zu wollen – als die ersehnte innere Haltung der Gelassenheit –  müsste ich mich zum Boykott meiner eigenen Wut und meiner Trauer und meines Zorns aufrufen.  Vielleicht ist das Skandalon des Alters genau dieses: Den seligen Urständen eines Nihilismus letztlich entsagen zu müssen, mit dem man sich Jahrzehnte lang hat heftig arrangieren können. „Durch Zufall sind wir geworden und danach werden wir sein, als wären wir nie gewesen (König Salomo)“. Vor dieser, damaligen Haltung steht jetzt die Klage über die eigene Vergänglichkeit. Ein Neubestand an Trauer steht davor, Trauer etwa über die  zerfledderte Existenz, weil es wohl wirklich so ist:  „Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, kein Mensch, wenn man sich nicht kennt (Thomas Hobbes)“. Dass wir an der Wahrheit der Kathedralen nicht zugrunde gehen mögen, noch die Stille an dem Schrei zugrundegehen mag, dieser krakenhaften Tapeterie aller Zeitalter der Gewalt.  Die Stille zu suchen, sich in ihre Richtung aufzumachen, bedeutet aber, den Schrei nie loszuwerden. Die Stille ist das Passepartout, die Hand, die in den Handschuh der Gewalten passt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Kategorien:Allgemein, Gedanken, Hamlet, IdylleSchlagwörter: , , , , , , , ,

14 comments

  1. Lieber Achim,
    lange habe ich auf ein Wort oder mehrere Worte von dir gewartet, nun stehen sie hier, die Worte in deiner unverwechselbare Art. Dein Text trifft mich mit Wucht durch seine klaren Worte und deiner Haltung dahinter, gerade und immer wieder, wenn es um die Frauen geht …

    Du schreibst:
    „Der entropische Zustand der Menschheit am Ende der Menschheitsgeschichte, begriffen als abgeschlossenes thermodynamisches System, wird im atomaren Overkill der Wärmetod sein. Enden im Tohuwabohu, der in der Genesis erwähnten formlosen Öde. Das Eintreten ihres Kältetodes durch die Bewahrung eines ewigen Friedens ist nach Lage der Dinge dagegen nicht sonderlich realistisch. Immerhin, endlich Stille. Müssten wir sonst nicht irre werden an uns selbst? Und enden wie König Lear, im Wahnsinn? Oder wie Hamlet, im Nihilismus? Oder wie Nietzsches “toller Mensch”, der auf den Marktplätzen der Welt nach Gott sucht? Das Schlimme daran ist, dass er längst gefunden wurde und gebrandmarkt ist für immer und als Wechselbalg jedweder Art von Schrecken seine Clownsrolle übernehmen muss. Ich bin mir sicher, wenn es ihn gäbe, er würde sich die Clownsmaske vom Antlitz reißen. Würde er den toten Christus vom Weltgebäude herabreden lassen, dass kein Gott sei, oder Mohammed?“

    Ich weiss nicht, ob wir wirklich am Ende der Menschheitsgeschichte angekommen sind, ich gebe der Menschheit immer noch eine Chance, wider des einen und anderen Wissens. Vielleicht muss ich mich nur selber trösten?

    Und nun denke ich noch weiter an deinem rum und dann schlafe ich in der Stille des Hochtals und grüsse dich herzlich
    Ulli

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    • Liebe Ulli,

      was ich versuchte zu beschreiben, ist zuerst meine Erschütterung über das potentiell mögliche Auseinanderdriften der kohärenten Kräfte unserer Demokratie. Es sind zurzeit Haltungen und Stimmungen am Werk, die mich pessimistisch stimmen. In den jetzt 61 Jahren meiner Existenz hat es noch nie eine derartige Erschütterung meiner Zuversicht gegeben. Auch nicht eine derartig empfundene Angst.

      Liebe Grüße hinauf zum Berg

      Achim

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      • Lieber Achim, es ist ja schon eine kleine Weile her, dass ich den Kommentar schrieb, gerade in den letzten Tagen schwindet auch meine Zuversicht und Angst habe ich auch. Traurig werde ich, wenn ich in die unschuldigen Augen der Kinder schaue, ich wünsche ihnen so sehr, dass die Menschheit zur Vernunft kommt, aber es sieht leider gerade eben gar nicht danach aus … ich werde immer ratloser.
        herzliche Grüsse vom Berg ins Tal
        Ulli

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  2. Wir sind es dem/r anderen, unseren Nächsten schuldig, aus unserer eigenen Stille auf sie/ihn zuzugehen. Die Stille wird es nicht richten, da gebe ich dir Recht. Die Kunst wird es aus nicht richten. Nur wir können es untereinander richten, „es“ im Sinne des Weltgeschehens, „richten“ im Sinne von gestalten, sich kümmern.
    Danke für deine ausdrucksstarken Worte, lg Peggi

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    • Lieben Dank für deinen Kommentar, liebe Peggy. Die Stille, von der ich schreb, soll kein zeiträumlicher Fluchtpunkt sein, Flucht von den Lebensbedingungen oder vom Leben weg. Eher ein medidativer Zustand, der Kraft und Zuversicht ermöglicht. Zivilisatorische Errungenschaften sind keine Garantie für die Verantwortung und die Sorge von Bürgern für ihr Gemeinwesen. So, wie Gewässer kippen, oft plötzlich und katastrophal, so können auch Gesellschaften vor eine Zerreißprobe gestellt werden, obwohl die Mehrheit der Bürger noch vor Zuversicht strotzen, dass alles gut geht.

      Liebe Grüße

      Achim

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  3. „Es gibt nichts Neues unter der Sonne.“ Prediger Salomo. Und gerade deswegen gebe ich die Hoffnung nicht auf: Dragan dachte (S. 228):
    „… die Zivilisation ist keine Sache, die man aufbaut und dann für immer hat. Man muss ständig an ihr bauen, sie tagtäglich wieder erschaffen. Sie verschwindet weitaus schneller, als er es jemals für möglich gehalten hätte.“ ( https://allesmitlinks.wordpress.com/2011/02/21/der-cellist-von-sarajevo/ ) Wenn wir die Hoffnung aufgeben, war alles umsonst. Ich grüße Dich, mick

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    • Lieber Mick,

      da ist ja viel Wahres dran, was „Dragan“ in Bezug auf die Zivilisation sagt. Wie jeder Mensch, so wünschte ich mir auch, dass sie zu meinen Lebzeiten und den Lebzeiten meiner Lieben vernünftig funktioniert. Ich will nicht unken, aber es kippelt gerade.

      Liebe Grüße

      Achim

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  4. Interesting reflections, Achim. It’s a sad old world we inhabit, sometimes, isn’t it? I do love cathedrals and places of stillness.

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  5. Lieber Achim, lass uns noch nicht die Hoffnung verlieren. Schließlich hat die Welt ja auch Dich hervorgebracht. Liebe Grüße, Peggy

    Gefällt 1 Person

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