Letzte Sätze 12 – Siri Hustvedt – Die zitternde Frau


Siri-Hustvedt

Siri-Hustvedt

„Ich fühlt‘ den Spalt in meinem Geist,
als wär‘ mein Hirn zerteilt;
Zusammennähen wollt‘ ich es,
doch blieb es ungeheilt.“
(Emily Dickinson)

„Natürlich ist ein Selbst viel umfassender als der innere Erzähler. Die Insel des selbst-bewussten Geschichtenerzählers liegt mitten in einem Meer von Unbewusstem, über das wir nichts wissen, nie etwas wissen werden oder das wir vergessen haben. Es gibt vieles in uns, das wir nicht beherrschen oder wollen, aber das bedeutet nicht, dass es unwichtig wäre, eine Erzählung für uns selbst zu finden. In der Sprache bilden wir den Lauf der Zeit ab, so wie wir ihn empfinden –  das Es war, es ist, es wird sein. Wir abstrahieren, denken und erzählen. Wir ordnen unsere Erinnerungen und verknüpfen sie miteinander, und diese Bruchstücke bekommen einen Besitzer: das autobiographische „Ich“, das nicht ohne ein „Du“ ist. Für wen erzählen wir denn schließlich? Auch allein in unseren Köpfen ist ein vorausgesetzter anderer dabei, die zweite Person unserer Rede. Kann eine Geschichte jemals wahr sein? Sie wird immer Löcher haben, die unausgesprochenen Brüche in unserem Verstehen, die wir mit „und“ oder „dann“ oder „später“ überspringen. Aber das ist der Weg zu Zusammenhang.
Zusammenhang bedeutet allerdings nicht, dass jede Zweideutigkeit beseitigt wäre. Zweideutig heißt nicht ganz das eine und nicht ganz das andere. Es passt nicht durch das Taubenloch, nicht in die Schublade, den Fensterrahmen, die Enzyklopädie. Es ist ein formloses Ding oder Gefühl, das man nicht unterbringen kann. Das Zweideutige fragt: Wo ist die Grenze zwischem diesem und jenem. Es gehorcht keiner Logik. Der Logiker sagt: „Wer Widersprüche duldet, ist an der Wahrheit nicht interessiert.“ Philosophen dieses Schlages lieben Spiele von Wahr und Falsch. Entweder das eine oder das andere, beides kann nicht sein. Aber Zweideutigkeit ist ein Widerspruch in sich und unlösbar, eine verwirrende Wahrheit aus Dunst und Nebel mit einer unkenntlichen Gestalt, der eines Phantoms, einer Erinnerung oder eines Traumes, die ich nicht fassen oder in Händen halten kann, weil sie immer davonfliegt und ich nicht sagen kann, was sie ist und ob sie überhaupt etwas ist. Ich jage ihr mit Worten nach, obwohl sie sich nicht fangen lässt, und hin und wieder bilde ich mir ein, ich sei ganz nahe dran. Im Mai 2006 stand ich unter einem wolkenlosen blauen Himmel und begann, von meinem Vater zu sprechen, der seit über zwei Jahren tot war. Sobald ich den Mund öffnete, fing ich heftig an zu zittern. Ich zitterte an jenem Tag, und an anderen Tagen zitterte ich wieder. Ich bin die zitternde Frau.“ (Aus: Siri Hustvedt: Die zitternde Frau)

Siri Hustvedt

Die zitternde Frau
Eine Geschichte meiner Nerven

Übersetzt von: Uli Aumüller und Grete Osterwald
Rowohlt Verlag, Reinbek 2010
ISBN 9783498030025
Kategorien:Letzte Sätze, LiteraturSchlagwörter: , , , , , , , ,

12 comments

  1. Ich finde Siri Hustvedt faszinierend, ich glaube mehr als Person und Gesamtkonzept als nur Autorin. Dieses Buch habe ich recht gerne gelesen, wie auch diese feine Präsentation. Schönen Restsonntag, lieber Achim!

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    • Liebe DIna,

      Siri als Gesamtkunstwerk? Das reduziert sie doch ein wenig, wie ich finde, auf bloße äußerliche Wirkung. Dass sie eine „ätherisch“ schöne Frau ist, weiße ich nicht von der Hand. Und dass ich, als männlicher Leser, ihre Bücher interessanter finde als diejenigen ihres Ehemannes, wirft eher ein Licht auf meine „sexistische“ Lektüre🙂 Dass sie mit Paul Auster das Glamourpaar der Literaturszene geben, geschenkt. Prominenz im Rampenlicht ist doch auch durch unsere sensationsgierige Gafferei gebauscht.

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      • Nein, keineswegs auf das Äußere reduziert, so negativ war das nicht gemeint, eher als Gesamtpaket; Ich habe alle ihre Bücher da ich Bücher mit nordischer Verbindung sammele und ich finde sie etwa wechselhaft unterhaltsam, nicht alles ist gleich gut, aber sie ist eine der wenigen Autorin, die ich immer lese. Sie vermarktet sich als kluge, kühle Frau die 5 Blogs in den größten Amerikanischen Zeitungen führt, als eine zeitgenössische „opinionated woman“ mit bohemian lifestyle. Not bad at all!🙂

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  2. Lieber Achim,
    Ich finde deinen Text weitaus besser als jenen Roman von Siri (❗️) H. Nachdem ich „What I Loved“ mit großer Freude gelesen hatte und einige andere ihrer Texte, fand ich „Die zitternde Frau“ eine hingeschlurte Frechheit. Stilistisch völlig daneben und das Thema überhaupt nicht künstlerisch und formal bewältigt. Auch Schande über den Lektor …
    Es gibt doch einen Punkt des Zuviel an Subjektivität, des Zuviel an flüchtig zusammengestellten, an dem zumindest für mich ein Roman uninteressant wird. Ehrlich gesagt, interessiert mich nicht jede Regung der Siri H., bestenfalls die noch meiner Siri, die aber nicht derart zitternd schreibt. Ich hätte ihr das auch schnellstens versucht abzuerziehen (als autoritärer Vater😉 ).
    Aber noch einmal zurück zu deinem Text, den wir alle hier toll finden. Du stellst Siri H. In den Schatten.
    Liebe Grüße aus Cley
    Klausbernd 🚶
    Dina schrieb ja schon und Siri und Selma 👭 lassen auch ❤️ lieb grüßen.

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    • Lieber Klausbernd,

      es ist nicht mein Text. Es sind dies die letzten Sätze aus Hustvedts Auseinandersetzung, auch wissenschaftshistorischer Art, mit einem Zittern, das sie überfiel, als sie zwei Jahre nach dem Tod ihres Vaters eine Gedenkrede auf ihn hielt. Kein Roman also, sondern eine, wie ich finde, aufrichtige, kluge, auch kritische Introspektion einerseits und eine Auseinandersetzung mit dem Zittern, dem Versuch, dieses Leiden pathogenetisch und ätiologisch zu begreifen. Überdies ist dieses Buch für den Leser eine kluge Hinführung zu allerlei medizinhistorischen Betrachtungsweisen seelischer, neurologischer und psychosomatischer Krankheiten. Auch sprachlich ist dieser Text über alle Zweifel erhaben. Ich habe keine Ahnung, wie du „Die zitternde Frau“ als Roman begreifen konntest.

      Liebe Grüße aus Freiburg

      Achim

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      • Lieber Achim,
        oh dear, me culpa, mea maxima culpa.
        Die Sache ist leicht zu erklären und wahrscheinlich typisch für unseren Literaturbetrieb. Eine meiner Lektorinnen, ich erinnere mich noch deutlich, gab mir nach einem Vortrag den Auszug dieses Buchs mit den Worten „Hustvedts neuer Roman“, was bedeutete, ich sollte da reinlesen, um ein Urteil abzugeben. Als folgsamer Autor nahm ich mir die 25 Seiten (der engl. Ausgabe) im Flieger zum nächsten Termin vor. Ich las es als einen Art tagebuchartigen Roman. Dazu kommt noch, dass mich das Thema nicht die Bohne interessierte.So kam’s dann Jahre später zu meinem augenscheinlich verfehlten Kommentar hier.
        An diesen Vorfall finde ich bemerkenswert, wie weit der Erwartungshorizont mein Leseverhalten prägte und wie weit es im Grunde auch vom Zufall abhängt, wie ein Buch vorgestellt wird. Die Geschichte geht natürlich noch weiter, indem die Lektorin wiederum ihrer Frreundin, einer überarbeiteten Journalistin, meine Notizen gab, die dann zu einer Kurzrezension aufgefescht wurden (denn welche Journalistin hat heute noch Zeit, ein Buch selbst zu lesen).
        Mit fiel wohl auf, dass der Stil hier nicht achimesk war.
        Als Spezialist für Nordische Literatur musste ich dann später noch (ich glaube es heißt in Deutsch) „Der Sommer ohne Männer“ lesen, was natürlich mein Vorurteil bestätigte, dass seit ihrer Krankheit SH einen einfallslosen Stil schreibt und zumindest Leser wie mich langweilt. Siri, Selma und ich sind Fans ihres Mannes, von dem wir alles echt lasen. Trotz seiner Tendenz zum Depressiven, erfreut uns sein Stil.
        Was für ein schöner, sonniger Morgen. Ich werde jetzt mal klar Schiff machen. Oh dear, mein Boot sieht übel aus😦
        Ganz liebe Grüße von der sonnig warmen Küste Norfolks
        Klausbernd

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  3. Ich glaube nicht, dass das Leben einer solchen Logik folgt. Hingegen erlebe ich es nicht nur zwei-, mitunter sogar mehrdeutig.

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  4. als malerin kenne ich diese vorgänge mehr als gut. ein intuitiv gewähltes thema verbindet sich mit unbewussten, oft noch unverarbeiteten elementen, manchmal auch mit kollektiven emotionen, die oft während des malens, ohne vorwarnung, aus dem unbewussten hervor brechen. dies ist ab und an eine neue chance…ein weg für die freigabe für das erinnern oder das vergessen!

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  5. Ich bekam vor zwei Jahren das Winterjournal von Paul Auster geschenkt. Er gehört zu meinen Wegbegleitern, so gern mag ich seine präzisen und klaren Sätze. Jetzt endlich lese ich das Winterjournal, schlich lange um das Buch herum, das sehr persönliche Einsichten in das Leben des Schriftstellers gewährt. Besonders beeindruckend finde ich bis jetzt, angekommen im ersten Drittel, die überwältigende Liebe zu seiner Frau, Siri Hustvedt, die Art und Weise wie er sie beschreibt. Von ihr kannte ich bislang noch nichts, doch die Sprachgewalt dieser zitternden Frau ist beeindruckend, ich möchte sie besser kennenlernen, vor allem vielleicht in diesem Buch, in dem sie versucht, der Ursache dieses Zitterns auf die Spur zu kommen. Sie scheint fragil und ätherisch, doch in ihrer Wortgewalt wird ihre Stärke spürbar, genauso wie in den Sätzen und Aussagen, die Paul Auster für sie findet in seinem Winterjournal, die einerseits seine Liebe beschreiben, andererseits den großen menschlichen Respekt ausdrücken, den er vor ihr empfindet.

    Danke für diesen Beitrag.

    Ah, noch ein kleines P.S.:
    Gestern kam Wolfgang Stegner mit seiner Zeit der Geborgenheit via Postbrief zu mir in den Briefkasten geflattert.
    Der muss jetzt aber noch ein wenig warten…
    Paul hat noch Vorfahrt….:)

    Einstweilen viele Grüße,
    von der Karfunkelfee

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  6. lieber Achim,

    das Buch liegt nun schon zwei Jahre hier und ich habe es immer noch nicht gelesen … aber jetzt bin ich doch neugierig geworden- mein Lieblingsbuch von ihr ist: was ich liebte …
    andere sprachen nicht zu mir, wahrscheinlich wegen der gewählten Themen … aber ich bin voller Respekt wie sie sich, hat sie erst einmal ein Thema gefunden, sich hineinkniet und recherchiert, nie habe ich das Gefühl von hohlen Blasen bei ihr. Faszinierend fand ich auch, dass sie gleich in zwei Werken aus der Position eines Mannes heraus schrieb, das warf Fragen für mich auf, auch für andere, sie beantwortete sie im zeitmagagzin zur Leipziger Buchmesse 2011 souverän.

    Was nun wahr und falsch angeht, da werden sich die Gemüter wohl wieder und wieder erhitzen, es ist eine Frage, die so alt ist, wie die Menschheit und uns auch überleben wird- ich bin schon froh, wenn ich eigene Wahrheiten finde, deswegen müssen aber andere nicht falsch sein. Aber noch interessanter finde ich, dass gerade im Paradox zweier Wahrheiten eine gefunden werden kann!

    liebe Grüsse
    Ulli

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