Himmel und Hölle


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Ein Mann, in Shorts und T-Shirt, seine Beine dünn wie der Schnabel eines Kolibris, seine Haut weiß wie ein Leichentuch. Er steht an der Aorta des Straßenbahnverkehrs, in der Mitte meiner Stadt. In der Hand ein selbstgebasteltes Plakat mit der Aufschrift: Wenn du Jesus nicht liebst, wirst du die Hölle sehen.
Ich bewundere seinen Mut. Genauso, wie ich den Mut all derer bewundere, die sich mit dem Bauchladen ihrer Überzeugungen und großer Inbrunst durch das Dickicht der vorherrschenden Ignoranz schlagen. Ich achte den Mut von Wanderpredigern, nicht wegen der Inhalte, die sie skandieren, sondern  der radikalen Selbstüberwindung wegen, die es kosten muss, sie unters Volk zu bringen. Aber vielleicht kann ich ja nicht ermessen, wie wenig insgeheim dazugehört, sich mit Leib und Seele an etwas zu verschreiben und dem Verschriebenen dankbar und lauthals seine Aufwartung zu machen. Sie rufen und predigen gegen das weiße Rauschen einer Lärmkulisse an, die zusammengesetzt ist durch das Bienenschwarmgeräusch der modernen Konsumwut. Ein Rufer in der Wüste, also.
Während mir all diese Überlegungen durch den Kopf schossen, bin ich auf gleicher Höhe mit ihm und schaue in seine blauen Augen. Sein Blick zurück ist entrückt. Ich glaube eine gewisse Anspannung zu spüren. Wenn meine Spiegelneuronen mich nicht täuschen, liegt unter seiner asketischen Haut doch mehr als die schiere Überzeugungskraft von Ideen. Eine leichte Unsicherheit, die ich wiedererkenne, weil ich sie in jungen Jahren selbst in mir verspürte, als ich zum ersten Mal für politische Überzeugungen ein Plakat enthüllte.
Jetzt muss man wissen, dass die Mitte meiner Stadt der Knotenpunkt der Betriebsamkeit ist. Hier laufen alle Fäden der Verkehrsinfrastruktur zusammen. Hier lauert oft genug Gefahr für Körper und Seele. Vor dem Verlust der Seele versucht dieser Mensch zu warnen. Vor dem Verlust von Körpergliedmaßen warnt nur der eigene Instinkt.
Eine Straßenbahn nähert sich meinem Mann scharf von rechts. Und trotz der Hektik des Bimmelns und des wuseligen und unübersichtlichen Passantenstroms, hat er es sich in der Mitte der Straßenbahngleise stoisch gemütlich gemacht. Achtet nicht auf die Gefahr, die sich ihm nähert. Ich schnappe also nach seinem Arm und ziehe ihn zurück ans sichere Ufer. Sein Blick geht zuerst zu seinem Plakat, als wollte er sich vergewissern, dass der Inhalt seiner Botschaft noch der gleiche ist. Dann schaut er mich ungläubig (!) an und bedankt sich artig. Kein Thema, sage ich und gehe weiter.
Am liebsten hätte ich ihm zugerufen, dass ich das auch für einen Ketzer und Häretiker getan hätte. Auch für den Muslim oder den orthodoxen Juden. Sogar für Jesus, den heiligen Geist und den Rest der heiligen Dreifaltigkeit. Nicht jesusgläubig zu sein und mit einem Bein schon in der Hölle. Wie zynisch kann die Ironie sein, wenn sie den Verkünder von Höllenqualen vor dem vorzeitigen Eintritt in den Himmel bewahrt. Aber, ich bewundere den Mut.
Kategorien:Gedanken, ReligionSchlagwörter: , , , , , ,

6 comments

  1. „…bin ich auf gleicher Höhe mit ihm…“ So sehe ich Dich auch.

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  2. ein schöner, konkreter beitrag über achten und schützen, so dass nicht nur schöne worte bleiben.

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