Die Satire und die Lügenpresse


Da faseln tatsächlich einige übersättigte Bildungsbürger, aus ihren behaglichen Ohrensesseln und aus der Etappe der Gemütlichkeit heraus, raunend von der möglichen Mitschuld von Satirikern an ihrem eigenen Tod. Sie setzen diesen Menschen einen Grabstein mit etwa einer Aufschrift wie: „Hey Junge, das hättest du eigentlich kommen sehen müssen. Das nächste Mal sei ein bißchen vorsichtiger, hm? Wir verstehen uns.“

„… gesellschaftlicher Diskurs – das klingt gut. Aber wie soll dieser sich darstellen, wenn die eine Seite mehrfach und mit größtem Nachdruck darauf hingewiesen hat, daß Grenzen (des Anstandes oder religiöser Art oder welche auch immer) überschritten wurden, die andere Seite aber den Dolch nicht nur in der Wunde beläßt, sondern gar noch tiefer bohrt (weil sie ein Recht für sich reklamiert, mit dem sie anderen nach Herzenslust beleidigen „darf”)?“ (2.)

Natürlich geht es in diesem Zitat nicht um die Verletzung der Grenzen eines Anstandes. Über Anstand lässt sich trefflich streiten. Hier geht es um die frappante Gleichsetzung der unmittelbaren Wirkungen einer Kugel der Kalashnikov und der Spitze einer satirischen Feder. So zynisch es sein mag, einen Unterschied mag diese Art von Konfabulation erst dann zu erkennen, wenn sie selbst in den Lauf einer automatischen Waffe blickt. Der „Dolch“ wird haftbar gemacht für das Scheitern eines gesellschaftlichen Diskurses? Die Waffe, im Umkehrschluß dieser verqueren Logik, dient also als diskursfördernd?

Die gleichen saturierten Zyniker entblöden sich nicht, im Gefolge der Ereignisse von Paris eine ästhetisch-moralische Diskussion vom Zaun zu brechen darüber, was Satire darf und vor allem, was sie nicht darf. (3.) Und, um sich schon einmal zu wappnen, dass man ihnen dabei nicht nur schmeichlerisch um den Mund geht, das Ganze wiederum als Satire deklariert. Wir können auch Satire, soll das wohl heißen, rufen sich dabei aber lediglich selbst auf, als verlängerter Arm einer konservativen, satirefeindlichen Zensur. Ach was, sie sind dieser Arm, der ihnen im Hintern steckt. Beispiele gefällig?

„Betrachten wir das, was Charlie Hebdo in der Vergangenheit repräsentiert hat, wird offensichtlich, daß wir es hier beileibe nicht mit einem Vorzeigemodell für die Belange der Redefreiheit zu tun haben. Nein, wie so viele andere linksgestrickte „Menschenrechtler“ endeten sie schließlich damit, die imperialistischen Kriege US-amerikanischer Prägung gegenüber aller Welt zu lobpreisen und zu verteidigen.“ (1.)

Mir ist, als bräche sich in diesem Satz, sozusagen subkutan, die klammheimliche Freude über den verdienten Lohn einer bestimmten, missliebigen Form von Satire Bahn. Es geht also um den linksgestrickten Menschenrechtler und seinen anbiedernden tiefen Fall in die Arme des US-Imperialismus. Und um den naiven „Gutmenschen“, der dieser Volte, die keine ist, auf deren publizistischen Wegen folgt. Starker Tobak. Wie viel Hirnriss ist notwendig, Charlie Hebdo in die neokolonialistische Ecke zu pfriemeln? Zweitens geht es natürlich auch um den durch die Hintertür schleichenden Wunsch, dass die Meinungsfreiheit und Redefreiheit doch bitte halt machen mögen vor dem gefallenen linken Milieu, aus Gründen grundsätzlicher Missliebigkeit. Kriegt es in eure Köpfe, sie gelten beide für alle Äußerungen, wie unvorbildlich sie eurer Meinung nach auch immer daherkommen. Von den möglichen Rechtstiteln, die es auch in Frankreich gibt, um dagegen vorzugehen, ist nur insofern zu reden, als es bis heute der Redaktion von Charlie Hebdo gestattet ist, ihrer Arbeit nachzugehen. Das mag in euren Augen irgendwie verwerflich sein, bringt euch aber gewiss der Antwort näher als ihr denkt, warum es ausgerechnet in Frankreich so ist.

„Kurzum, Charlie Hebdo ist ein radikales Beispiel dafür, was falsch ist mit der „politischen Korrektheit“ der zeitgenössischen französischen Linken. Die Ironie liegt dabei darin, daß dieses schreckliche Attentat, diese sich eigentlich bereits auf dem Rückzug befindliche adoleszente Revolte, die mittlerweile immer weiter an Beliebtheit verlor, schlagartig dem ewigen Banner sowohl einer Freien Presse wie auch dem der Meinungsfreiheit weihte.“ (1.)

Sehr schön ist hier zu sehen, um was es dem Autor tatsächlich geht. Dass er seine Haltung mit ein wenig Trauer über „dieses schreckliche Attentat“ garniert, geschenkt. Diese inhaltliche „JA – ABER“ Konstruktion setzt der Perfidie seiner Argumentationen erst recht die Krone auf. Charlie Hebdo und die gesamte französische Linke ist verantwortlich dafür, dass  „die bereits auf dem Rückzug befindliche adoleszente Revolte“ wieder auf dem Vormarsch ist? Klopf, Klopf, jemand zu Hause? Von der nachlassenden Beliebtheit des religiösen Fundamentalismus kann vermutlich nur der reden, der den Exodus junger Männer und Frauen in die von der IS geknuteten Wüste als Ausflug ins urlaubliche Sommerparadies verwechselt. Eine wahre Pracht gemütlicher Ohrensesselei und Eselei.

Noch ein Letztes aus dem Fundus jenes Geschwurbels.

„Und was, bitte, haben Blockierungen von Demonstrationen sowie die unselige Dauerpropaganda auf allen Presse-, Radio- und Fernsehkanälen mit ihrer ständigen moralischen Dauerbelehrung hin zu einer offensichtlich gewünschten und angestrebten Einheitsmeinung mit einer „offenen Gesellschaft“ zu tun? Wenn es heute Pegida ist, wer ist es dann morgen bitte? Oder erinnern Sie sich nicht mehr an den evangelischen Religionsgelehrten Martin Niemöller und seine berühmt-berüchtigten Worte:

„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

Hierzu nur so viel: ich hoffe, dass Pfarrer Niemöller, egal, wo immer er sich befinden mag, sich diesen Tort nicht antun muss. In obigen Sätzen und in dem Zusammenhang, in dem sie heuchlerisch verwendet werden, lässt der Wolf seinen Schafspelz fallen. Ein veritabler Zynismus ist ihm hier gelungen, chapeau. Aber ich kann ihm versichern, dass seine Unkenrufe auf unfruchtbaren Boden fallen, mal abgesehen von den Claqueuren seines Beitrags, die an seinen Lippen hängen, als würde es Manna vom Himmel regnen. Ich kann ihn beruhigen. Es stehen keine Konzentrationslager für PEGIDA und Konsorten ins Haus. Sie müssen sich lediglich gefallen lassen, dass ihnen das “Volk”, das zu sein sie sich exkludierend auf die Fahne geheftet haben, aufs Maul schaut. Und auf das Maul des Herren Autor gleich mit, in seiner selbstgefälligen Attitude der Volksverdummung. So wie es auch, so hoffe ich, die “Lügenpresse” tut, von der gebetsmühlenartig gesprochen wird und in deren Verunglimpfung der Autor mit einstimmt wie ein panisches, gehetztes Herdentier. Wohl, weil er sich sonst nicht als die letzte heilige, verlässliche Bastion vorurteilsbefreit daherkommender Information gerieren könnte.

„Nahezu die gesamte Polit- und Presseprominenz überschlägt sich darin, über die Verletzung des Demonstrationsrechtes und der Meinungsfreiheit zu jauchzen. Im Radio wurde berichtet, dass die Bärgida-Demo vom roten Rathaus zum Alex wollte, und aufgrund der Blockaden erst gar nicht vom roten Rathaus weggekommen wären. Und Berlin hält sich – darauf muss man mal hinweisen – allen Ernstes selbst für tolerant. Ich halte Berlin für einen der intolerantesten Orte Deutschlands. Ideologie und Konformität standen hier schon immer vor Grundrechten. Ohne die Berliner Mentalität wären das dritte Reich und die DDR so nicht möglich gewesen. Hier findet sich die Bevölkerung, aus der sich die Nazis und die DDR ihre Mitläufer und Denuntianten, ihr Fußvolk und ihre Blockwarte rekrutiert haben. Dieselbe Sorte Mensch springt heute auf, um andere von Demonstrationen abzuhalten. Die Ironie daran ist, dass sie sich heute einbilden, sie würden damit gegen Nazis demonstrieren. In ihrem Gewalteinsatz für ihre Ideologie gleichen sie Nazis weit mehr, als sie zu bekämpfen.“

Jedem bleibt überlassen, wie er sich zu diesem letzten Zitat stellt, das nicht vom Autor selbst stammt, im Beitrag aber  erscheint und in Zeugenhaft für dessen Argumente genommen wird. Ich bin kein Nazi. Ich achte das Demonstrationsrecht. Ich achte die Rede- und Meinungsfreiheit. Die Satire. PEGIDA demonstriert. Die BÄRGIDA scheiterte. Sie scheiterte nicht an der Verweigerung ihres Demonstrationsrechtes. Sie scheiterte an der Abstimmung der Füße. Nennt es meinetwegen Blockade. Ich nenne es das Aushebeln der Versammlungsfreiheit von Idioten durch zivilen Ungehorsam einer Gegendemonstration. Das haben sie gefälligst auszuhalten, ohne gleich die Leier von tendenziöser, parteiischer Politik anzustimmen und von dem Schutz, der ihnen die Politik angeblich nicht gewährt. Die AfD und die CSU werden sich darob sicher grämen, weil PEGIDA einfach nicht merken will, dass sie mit diesen bereits im gleichen Bettchen schläft.

Quellenangaben der verwendeten Zitate:

1.) http://salvaveniaxxl.wordpress.com/2015/01/08/jesuischarlie-pegida-und-das-versagen-der-politik/

2.) http://sinnsucht.wordpress.com/2015/01/08/hebdo_terror/

3.) http://sinnsucht.wordpress.com/2015/01/11/satire/

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14 comments

  1. Wo kann ich unterschreiben?

    Wer auf Unbewaffnete schießt, weil er keinen Humor hat, weil er Meinung verbieten will, der hat keine Argumente.

    Danke! Gutes, klares Statement – auch, wenn ich ein Verfechter von „Das eine und das andere“ bin.

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    • „Das eine und das andere“ ist, wie es auch inhaltich gefüllt werden mag, ein Ansatz, der im Rahmen einer konfessionsübergreifenden/religionsübergreifenden Auseinandersetzung zu verfolgen ist. Im Ansatz würde das bedeuten, dass zuerst die Barriere fallen muss, die darin besteht, dass es eine Religion gibt, die das Wort „Ungläubige“ in ihrem Vokabular hat und es gegen „Andersgläubige“ qualifizierend einsetzt.

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      • Als Atheist kann ich prinzipiell, den eskalierenden Wahnsinn nur kopfschüttelnd betrachten.
        Aber man wird, ob man will oder nicht, in das Elend hinein gezogen.

        In diesem Rahmen gibt es für mich drei Ebenen:

        Die Zwietracht zwischen den Religionen. Solange es Religionskriege gibt und religiöse begründete Gewalttaten, haben Religionen für mich insgesamt keine Glaubwürdigkeit. Da laufen die fundamentalistischen Islamisten im Moment stramm vorne weg.

        Dass nächste sind die Wirtschafts- und (Waffen-)handels-Interessen, welche sich diese irrationalen Konfliktherde zu Nutze machen, um unglaubliche Gewinne zu generieren. Da hat der Westen ordentlich seine Hände im Dreck.

        Und als Drittes die Form der öffentlichen Kommunikation. Die Medien sorgen in einem zunehmenden Rahmen für eine ungenaue bis falsche Informationslage. In den sozialen Netzwerken ist ein zunehmendes Lagerbilden zu beobachten. Die Politik – na, was soll man dazu noch sagen.

        Wenn wir aber die Kommunikation aufgeben und die Gesellschaft in verschiedene Lager aufspalten, ist die nächste Eskaltion des Konflikts nicht zu verhindern.
        Deshalb geht mein Apell an dies „Das eine und das andere“.

        Trotzdem fand ich Deinen Artikel überzeugend, weil man manchmal klare Worte finden muss.
        Ich kann es nicht nachvollziehen, wie aktuell Gründe gesucht werden, dass die Karikaturisten am Ende selbst schuld waren, dass sie erschossen wurden. Da hört es dann auch für mich auf.

        Aktuell – und das ist das wirklich traurige – halte ich die von Dir beschriebene Barriere für unüberwindbar und eine Zunahme der Verständigung für unwahrscheinlich.

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  2. Danke für diese klaren Worte! Die von dir zitierten Beispiele kannte ich noch nicht, sie sind aber leider nicht die einzigen.
    Um „Je suis Charlie“ zu sagen, müssen mir deren Karikaturen nicht gefallen, eigentlich müsste ich sie noch nicht einmal kennen, um mich solidarisch zu erklären.
    Und natürlich steht „Je suis Charlie“zwar in erster Linie für die Solidarität mit den Mitarbeitern, den Opfern und deren Familien, gleichzeitig aber auch symbolisch für die Verteilung des unverbrüchlichen Rechts auf freie (Meinungs)Äußerung und freies Denken. Wie man dieses Gut nicht bis aufs Äußerste verteidigen wollen kann, wird mir ewig ein Rätsel bleiben.

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    • Gern geschehen. Sich im Schatten eines menschenverachtenden Ereignisses sich zuerst einmal der vermeintlichen Rolle des Opfers als mitverursachende Dimension anzunehmen, ist ja nicht nur eine stupende Abwesenheit von Mitgefühl, sondern will daraus politisches Kapital schlagen, auch zensorisches Kapital. So, als gäbe es einen feinen Unterschied zwischen den Opfern, die Juden sind, andererseits Polizisten sind, und eben auch Karikaturisten sind. Mensch bleibt Mensch, unabhängig welchen Glaubens sie sind, oder welche Funktionen sie haben, staatlich oder privat-künstlerisch.

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  3. ich sag einfach nur danke, mehr geht gerade nicht, mir stellen sich hier nämlich ein paar Nackenhaare auf, wenn ich die Zitate lese und aus dem Ärger heraus zu schreiben mag ich nicht, nicht jetzt …

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    • Ging mir auch, so, liebe Ulli, das mit den Nackenhaaren. Das Ganze geht inzwischen soweit, vor allem auf einer der von mir verlinkten Seiten, dass sich der Blogbetreiber inzwischen auf die Propagierung gewisser Verschwörungsszenarien im Umfeld des Pariser Terrors verlegt. Und das alles mit dem bewußt formulierten Anspruch, durch solche seine Schäfchen im Nebel herumstochern zu lassen, was allemal besser sei als ein grundsätzliches Vertrauen in demokratisch gewählte staatliche Organe. So war und hält es sich bis heute auch noch im Umfeld 9/11.

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  4. Ein toller Text, gegen den erschreckenden Ja-Aber-Zynismus.

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  5. Mutig und deutliche Worte. Danke!

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