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Bob Dylan – „It used to be like that … and now it goes like this!“

"Bob Dylan"
Bob Dylan

Das Genießen ist die Trauerarbeit der Jugend. Der Genuss im Alter ein Repetitorium der abnehmenden Fallhöhe zum ewigen Schlaf. Wundmale, Brandmale, die Märtyrerpfeile des heiligen Sebastian. Der prägende intellektuelle Kopf der amerikanischen Musik wird ohne eigenes Erbarmen oder einer Ausicht auf einen je zurechnungsbefähigten Epitaph auf seinem Grab zur grandiosen Dörrpflaume. Zynismus ist seine musikgewordene Rache an der eigenen Vergänglichkeit und das mythische Wabern seiner Texte ist die Aufhebung der humanistischen Begriffe: Barmherzigkeit und Mitleid. Weil sie nichts taugen. Indem er das tut, leitet er das Leben auf seine Ursprünge um. Es ist nicht dazu da, um uns an die Hand zu nehmen. Wir müssen schon selbst das Laufen lernen. Andere alternde Menschen machen sich rar, werden starr und stumm, weil sie ohne Ende beschäftigt sind mit dem erhabenen, schluchtenweiten Widerspruch, Träger einer Hoffnung zu sein in einem verfaulenden Körper. Skandalon. Sie verschwinden hinter den Masken ihrer Masken. Sie arbeiten an Archiven, damit die Erinnerung etwas zu lachen hat. Darüber, dass die Schriftfarben verblassen und die Stundenbücher der Zeit am Ende so leer sind wie am jungfräulichen Anfang.

Dylan ist und bleibt der William Shakespeare der modernen Zeit, der an seinen eigenen Archiven arbeitet, die sich immer wieder neu erfinden. Er beschreibt noch die letzten leeren Blätter der Sinnlosigkeit mit raunendem Nuscheln, hinter dem er zaghaft erkennen lässt, dass es ihm um Sinnfragen nie gegangen ist. Weg ist Ziel.  Auch wenn er bisweilen klingt, als stehe er zum Sterben an der Dusche für Nichtseßhafte an. In irgendeiner Form bleibt er der Androgyne der Musik. Nicht zuordenbar. Ein Hermaphrodit, den die Frauen und die Männer gleichermaßen hassen und lieben. Aber auch ein Berserker der Arbeit, der nicht hätte arbeiten können, wenn er sich als Erfüllungsgehilfe eines Publikumgeschmacks prostituiert hätte. Und je länger die Schatten über seinem Antlitz Schatten werfen, um so sichtbarer wird er für uns bleiben. Schon damals, beim Übertritt  hin zum Gebrauch der elektrischen Gitarre  anstelle der akustischen, hätte Dylan, so wie er es später in einem anderen Zusammenhang tat, sagen können: „It used to be like that … and now it goes like this!“

8 Kommentare

  1. Man reibt sich die Augen bei diesem grandiosen Text. „Weg ist Ziel.“ Das war mein Lieblingssatz.

    „Danke für den Fisch.“ mick.

      • Lieber Achim!

        Wenn schon Fragezeichen, dann hier: „Weg“ im Sinne von „Strecke“ oder „Weg“ im Sinne von „ist nicht da“? (Mein Favoirit ist sollte klar sein.)

        Der Fisch bezog sich auf einen Artikel von mir zu Erich Fromm
        https://allesmitlinks.wordpress.com/2012/02/22/haben-oder-sein/

        Sorry für die Konfusion, das war keine Absicht und ist eher meiner Müdigkeit zu zurechnen. In Zukunft bin ich etwas achtsamer (ich versuche es).

        Dein mick.

        Ps.: Danke für die guten Wünsche. Sie gehen natürlich auch alle an Dich zurück!

  2. Das Genießen ist die Trauerarbeit der Jugend… daran kaue ich noch lieber Achim, ist es die Trauer um den ersten grossen Verlust, der, der Kindheit und somit der Unschuld?
    Danke für Bob, einer der ersten, der mich inspirierte meine eigenen Texte zu schreiben, Gosh, wie lang ist das jetzt her?

    herzliche Grüsse vom blaustürmischen Berg und ein bisschen Kerzenglanz
    Ulli

    • Irgendwie ist es Trauerarbeit, vielleicht nicht so früh in der Jugend wahrgenommen, aber es hat diese Arbeit ja immer etwas mit Abschiednehmen zu tun, auch wenn man die unzähligen Tage, die noch bleiben, auf der Rechnung hat.

      Liebe Grüße hinauf zum Berg

      Achim

  3. Lieber Achim!

    Ich hoffe, es geht Dir gut. Diese Dylan-Geschichte „It used to be like that … and now it goes like this!“ hat es schon in sich.

    Das einzige Epitaph das ich immer im Kopf habe, stammt von Hans Dieter Hüsch Er hat es mal in einem Programm gesagt. Es geht so: Die einen werden sagen, er hat zu viel getan, die andern, er hat sich zu wenig bewegt. Ich aber sage euch: „Laßt mich in Ruhe!“

    Das hat mich zuerst irritiert, dann aber mehr und mehr fasziniert, ja beruhigt. Es ist zu meinem Vademaecum geworden.

    In diesem Sinne, schön das es Dich noch gibt und ein gutes, Neues Jahr!! mick.

    • Lieber Mick,

      lieben Dank für deine Worte. Ich bin gerade selbst etwas verdutzt, meine Worte zu Bob Dylan wieder zu lesen. Liegt ja schon etwas länger zurück. Ich fühle mich nicht in unmittelbarer Nähe zu einem möglichen Grabspruch, was mich betrifft 🙂 Doch dieses Jahr war ein gesundheitlich schlechtes, und ich wünsche mir, dass es nächstes Jahr wieder aufwärts geht. Es gibt mich also noch, obwohl es blogtechnisch ein sehr rares Jahr war.
      Ich wünsche dir einen guten Jahresausklang und ein gesundes, zufriedenes neues Jahr. Man liest sich, lieber Mick.

      Gruß aus Freiburg

      Achim

  4. […] Er ist im Besitz der Ehrendoktorwürde und eines Oscars für den Song „Things Have Changed,“ den er für den Film „Wonder Boys“ von Curtis Hansen geschrieben hat. Mit dem Stück stach er unter anderem Songwriter Randy Newman aus, der zum vierzehnten Mal für den Oscar der besten Filmmusik nominiert wurde und zum vierzehnten Mal leer ausging. Golden Globes und Grammys besitzt Dylan sowieso sondergleichen. In die Grammy Hall of Fame ist er aufgenommen. Dylan wurde vor mehr als achtzehn Jahren zum ersten Mal für den Nobelpreis für Literatur nominiert. Diese Nominierung galt damals schon als keine wirkliche Überraschung und auf sie hätte für mein Dafürhalten schon längst die wohlverdiente Preisvergabe folgen müssen. Eine Hochzeit der Vergabe des Preises an Lyriker konnten wir zuletzt in den 1990er Jahren erleben, als Wislawa Szymborska, Seamus Heaney, Derek Walcott und Octavio Paz den Nobelpreis bekamen. Es wäre zu wünschen, dass Dylan eine neue Breche für die Lyrik schlagen kann. Mit seinen 75 Jahren wird wieder einmal deutlich, wieviel Alterspeck man ansetzen muss, um sich eine realistische Chance auf den Erhalt des Nobelpreises zu verdienen. Mir graut es immer wieder erleben zu müssen, wie sich der eine oder andere meiner Favoriten für den Nobelpreis inzwischen schon verabschiedet hat (James Salter, John Williams u.a.) oder sich in Bälde verabschieden wird (Philip Roth u.a.). Mein Glückwünsch geht an Dylan, meiner liebsten menschlichen Dörrpflaume. Posthume Preisvergaben für schriftstellernden Humus bitte vermeiden, liebes Vergabekomitee und ein glückliches Händchen für nächstes Jahr. Mit Verlaub: https://achim-spengler.com/2014/12/24/bob-dylan-it-used-to-be-like-that-and-now-it-goes-like-this/ […]

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