Der Winter ohne Romane


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Wir halten nie nur genießerischen und gebrauchsorientierten Abstand zum Erzählten. Wir ornamentieren das Lesen mit allerlei kritischen Gelüsten und mit dem Anspruch nach Einordnung in den eigenen, mühsam erworbenen Kanon ästhetischer Vorlieben. Vielleicht kann ich im Lebensnachmittag des Winter nicht lesen wie im Lebensvormittag des Frühling oder Sommer. Unterm grauen, nebelverhangenen Himmel gefrieren meine kreativen Energien und sie lassen sich nicht durch belletristische Lektüre erwärmen. Hinzu kommt, dass ich mir Wissenspeck anfressen muß. Da hat es dann nur Platz für das lustvolle Schnabulieren von Sachbüchern aller Art. Sie sind das mon cherie des Winters, ein saisonales Lock- und Duftmittel, das stabile Gegengewicht zum leichtfüßigen Erzählstrom. Sie sind die Eindickung der Zeit.  Wenn in mir selbst keine Geschichten glimmen, haben die Affekte der schönen Literatur auf die Welt meiner Empfindungen auf  Sand gebaut. Sie zu lesen fände keine Entsprechung der inneren Gier nach ihnen. Der Bär des Lesens zieht sich in die Höhle zurück. „Die auf Widerruf gestundete Zeit“ ruft diesen Bären auf, die Romane zurück zu jagen ins Meer. Er lechzt nach festem Halt und Grund des Wissens, nach der Offenheit für die großen „histoires“ der Philosophiegeschichte. Seine dickfellige Gunst richtet sich auf die nach Vollendung strebenden Ideensysteme und die Totalität letztbegründeter Erklärungen aus. Jetzt ist nicht die Zeit für Myriaden von Geschichten und ihre Phantasmen, keine Zeit für die Virilität und den unauslotbaren Überwurf der Möglichkeiten literarischer Modi. Die sich immer wieder selbst gebärende Lust am Fabulieren empfindet der Bär als lästige Verführung, der nur mit abwehrendem Tatzenschlag zu begegnen ist. Als Hieb gegen das überbordende Gewimmel der Phantasien. Der Bär will sich von Tatsachen ernähren. Denen man unangestrengt, fast mit geschlossenen Augen, brummig behaglich und behäbig lauschen kann. Es ist die Zeit gekommen, sich gegen die Angst zu wappnen, die durch die widerstreitenden Bedürfnisse nach Distanz und Nähe hervorgerufen wird. Es ist Zeit, sich vor den Sirenengesängen der Belletristik und der Lyrik schamlos zu verkriechen.

“ Bald mußt du den Schuh schnüren
und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.
Denn die Eingeweide der Fische
sind kalt geworden im Wind.“

Ingeborg Bachmann aus: Die gestundete Zeit

Kategorien:Belletristik, GedankenSchlagwörter: , , , , , , ,

20 comments

  1. Hallo Achim,
    also ich komme in dieser Jahreszeit eher zum Lesen. Gibt ja draußen weniger zu tun. Und dann ein Feuer im Kamin, ein gutes Buch, und auch ein leckeres Glas Wein: so lässt es sich leben.
    Hab‘ eine schöne Adventszeit,
    Pit

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  2. Lieber Pit, ich lese ja, lese immerzu, nur keine Romane🙂
    Auch dir und Mary weiterhin gemütliche Adventszeit und einen reich gedeckten Gabentisch in ein paar Wochen. Es dürfen auch ein paar Romane drunter sein🙂

    Liebe Grüße aus Freiburg

    Achim

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    • Im Augenblick lese ich, sozusagen aus lokalem Interesse, „LBJ’s Texas White House“ von Hal K. Rothman, über Lyndon B. Johnson, der seine Ranch [muss ich auch noch mal drueber posten] ja ganz nahe bei hatte. Das Buch gibt mir hochinteressante Einblicke in die Persönlichkeit des 36. Praesidenten der USA.
      Danke für die guten Wünsche,
      Pit

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    • Lieber Achim,

      mir kommt gerade so ein Gedanke: Vielleicht ist da ein Unterschied wie zwischen E- und U-Musik. Bloß wo ist die Grenze?

      Daniel Pennac schrieb einst über die Lust zu lesen. (allesmitlinks.wordpress.com/2013/02/28/wie-ein-roman/)
      Ist das nun ein Roman, ein Erziehungsratgeber, sagt er etwas über Pädagogik aus, über den Zustand unserer Gesellschaft? Das Verhältnis von Alten und Jungen? Genauso könnte man ein Drama von Brecht z.B. nehmen. Oder ein Thema aus der Comedy-Szene.

      Es gab Zeiten in meinem Leben, da konnte ich Literatur über Tiere, Botanik, usf konsumieren, wie andere einen Roman. Die Bibel, Soziologie, Geschichte(n) von Technik, Geschichte überhaupt. Lexikoneinträge sagen soviel wie Bilder, nur anders. Alles ist zu finden in Medien, und ein Medium ist für mich alles, was Gedanken oder Ideen transportieren kann. Die Gedanken wirken auf uns. Sie sind von Menschen gemacht und beeinflussen unser Denken. Ob wir wollen oder nicht. Wo wir sie finden ist eigentlich nebensächlich, mir jedenfalls. Meine Aufgabe ist es, sie nur sehen, dafür empfindlich zu sein.

      Wie auch immer. Dank Eurer Hilfe gelingt mir das zunehmend besser, so hoffe ich doch.

      Liebe Grüße, mick.

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      • Lieber Mick,

        lebendig und ergreifend geschriebene Sachliteratur kommt meiner Vorstellung gut erzählter Geschichte(n) ziemlich nahe. Es gibt auch dort die Aufforderung, spannend zu schreiben. Wenn es die Ideen an sich nicht sind, hat man wenigstens als Autor die Chance, mit guter Schreibe für sie zu werben. Es gibt da, vor allem aus dem amerikanischen und angelsächsichen Bereich einige Autoren, die mir da gute Laune machen. In Deutschland zähle ich einmal Peter Sloterdijk dazu und auch Richard David Precht. Letzterer, weil er eins offensichtlich geschafft hat: Interesse für das Weiterdenken, vor allem natürlich in den Bereich der Philosophie, der Soziologie und anderer Wissenschaftsbereiche, zu schüren.. Alles zu sehen ist die Aufforderung an uns, da hast du Recht. Und die unsere kleine Bloggerwelt bietet ein Forum, eine Schatzkästchen oder eine Fundgrube. Dafür schulde ich Dank.

        Liebe Grüße

        Achim

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  3. „Glücklich sind die Menschen, wenn sie haben, was gut für sie ist.“ (Sokrates in Platons „Gastmahl“)

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  4. Lieber Achim,
    als Sachbuchautor musste Masterchen über deine Mon Cheri Metapher lachen – genial!
    Uns geht’s wie Pit, wir lesen in der dunklen Jahreszeit auch mehr und das mit großem Vergnügen. Ist es nicht zu asketisch, sich die kleinen Fluchten, die die Literatur bietet, nicht zu gönnen? Unser Bär tobt sich übrigens im Garten aus😉 Im Haus hat der nichts zu suchen, aber hallo!
    Wir wünsche dir eine urgemütliche Adventswoche ohne Askeseanwandlungen
    the Fab Four of Cley

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    • Lieber Klausbernd,

      ich bin ein Liebhaber dieser edel gefüllten Pralinen. Und lesen tu ich doch auch in der Winterzeit, nur eben keine Romane oder Lyrik oder sonstiges, belletristisches. Nur Sach- und Fachliteratur eben. Sozusagen einen kleinen Wissenswanst, der allerdings auch mit den Köstlichkeiten der Vorweihnachtszeit gefüttert werden will.

      Liebe Grüße nach oben, ans Meer

      Achim

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  5. Genuss- und gebrauchsorientierter Abstand -zum Lesen?
    Ist das denn Lesen?
    So richtig, meine ich, sich fallenlassen in eine Geschichte, in ein Kapitel, fließen mit einem Gedicht. Anderer Phantasie auf der eigenen Gefühlstastatur klimpern lassen, bis das Blut rauscht, bis es trotzt oder leise wird in einem Text, der so gut ist, dass er mühelos eine lärmende Großstadt auf Abstand zu halten vermag.
    Die Belletristik ist die gesellige Dame der Literatur, kapriziös und unterhaltsam. Eine hübsche Lady Everyoung, wem oder was dienen Geschichten?
    Die richtige Wahl der richtigen Lektüre zum richtigen Zeitpunkt, am richtigen Ort, könnte schicksalsverändernde Folgen haben, wie der ‚Fänger im Roggen‘ zeigt.
    In der Belletristik hieße das:
    Hasch mich, ich bin der Frühling.
    Der dicke Dante und der fette Heine dienten mit manch gutem Rat.
    Lyrikbücher sind Sach- und Fachgeschichten, sind Spaziergänge auf Gedankenwegen, um den Verstand gleichermaßen anzuregen, zu bewegen und zu entspannen.
    Spaziergänge in Wortmusik, Buchstabengemälde, Phantasmen, die sich an sich selbst freuen.

    Kritisch darf sein, Lesen ist subjektiv, das Wissen orientiert sich an allgemeinen Vorgaben und versucht, das Gefühl auszubremsen.
    Aber Gefühle sind schneller, sie reisen mit dem Licht.
    Ich empfehle, der Sachbuchlektüre etwas Zeit mit erbaulicher fantastischer Lektüre zu stunden, der Fisch wird nämlich sonst kalt.
    Den großen Bären stört das nicht, er ist ein Bär und lebt im Wald.

    Wieder toller Text, Achim, fein, machte Spaß, die Gedanken mal treiben zu lassen.
    Unzensiert los…😊

    Viele Grüße
    von der Karfunkelfee

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    • „Ein Text, der so gut ist, dass er mühelos eine lärmende Großstadt auf Abstand zu halten vermag“. Genau, ganz genau. Solche Texte gab es in meinem Leben einige, sie vermochten , dass ich mich zu fühlte wie in einer „Seclusion“. Allerdings, und das wollte ich mit meinem Geschreibsel sagen, gilt dies auch für die Lektüre von „Sachgeschichten“. Wissen ist spannend, Wissen ist die Kalorie, mit der mein Geist Fett ansetzt. Wissen wollen und wissen können ist das ungeheure ernstgemeinte Angebot in einer Zeit der Häppcheninformationen, die in Summe eher zur mentalen Desorientiertheit führt und die Spannkräfte eigenen Nachdenkens ausmergelt. Vielen Dank für deine nachdenklichen Sätze. Es freut mich, dass dir der TExt gefällt und dich zu der schönen Replik „genötigt“ hat🙂

      Liebe Grüße

      Achim

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  6. ich grüsse herzlich den Bären🙂

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  7. Sachlichkeit und Fakten, um den Winter zu überleben? Mmmmh, mein inneres Winterrotwangenliebchen möchte protestierend von Schneeballgetümmel, Eislaufgesause, Würzgroggenüsslichkeiten und Mächtigwanstgeschmause rumlyriken. Ich lege ihm den zartbefellten Handschuhfinger auf die Schnute und erkläre ihm, daß die Menschen nunmal verschieden sind in ihren Überlebensstrategien.
    Ich habe mich köstlich amüsiert, Sie Rumtatzherrspenglerbär und wünsche romanfreie Zeiten. Wenn Ihnen die Lektüre ausgeht, ich habe hier noch einen staubtrockenen Band über die Einsatzmöglichkeiten verschiedenster Unterlegflanschmuffen, den könnte ich Ihnen zukommen lassen. Herzlichst schalllachend grüßt Ihre Frau Knobloch.

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    • Liebe Werteste,

      die Wissenschaft ist ja beileibe nicht nur bloße Faktenhuberei. Oder trocken, oder langatmig, wenn man sie kurzweilig vermittelt. Es gibt dort auch Rosen, mit Dornen, fiebrig formuliert, rasend und schöngeistig. Wir werden vielleicht einmal die Zeit finden, uns, fiktiv zwar, aber nichtsdestoweniger mit Schneebällen bewerfen, in die man, den chinesischen Glückskeksen gleich, die wunderhübschesten Sentenzen über die Quantentheorie, die Chaostheorie und den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, eingewickelt hat🙂 Natürlich sind die Menschen verschieden, aber eins steht doch fest: Dringliche Bedürfnisse macht aus uns allen wieder alles gleich.

      Mit vollkommener Hochachtung und immer der Ihre.

      A.S.

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  8. Und dann Ingeborg Bachmanns Bild dazu. Was sie wohl sagen würde…?

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    • Sie hat dieses wunderbare Gedicht „Aufrufung des großen Bären“ geschrieben. Damit meinte sie das Sternbild, klar, und nicht mein eigenes hohes Gestirn🙂
      Deswegen steht ihr Konterfei aus meiner Sicht zurecht dort. Und versprochen: Es wird für mich wieder die Zeit kommen, Lyrik zu lesen und Romane …. es ist bald wieder soweit.

      Liebe Grüße und Dank für deinen Kommentar.

      Achim

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