Wahrheit und andere Lügen


Max Frisch stellt seinem Roman „Mein Name sei Gantenbein“ eine Art Tatsachenmotto voraus, an das ich mich gerade erinnerte, als ich über meinen Blog, seinen Anlaß und die tiefenpsycholgischen Motive seines Entstehens reflektierte. Dort heißt es: „Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.“
Frischs Roman hat mich literarisch nicht sonderlich vom Hocker gerissen. Dass sein Gantenbein in der Krise seiner Identität sich eine neue bastelt, indem er sich in das Habitat eines Blinden flüchtet, war jedoch im Ansatz ein verführerischer Gedankengang. Zu einer Zeit, in der ich in den Fesseln der Pubertät feststeckte, jeden Tag meine nächste Sinnkrise ausbrütete und insgesamt begierig auf der Suche nach identitätsstiftendem Futter war, kam mir diese Thematik sehr gelegen. Es kann kein richtiges Leben im falschen geben, sagte Theodor W. Adorno. Sind die kleinen Lebenslügen, mit denen wir unser täglich Lebensbrot schmackhafter machen etwas, was es überhaupt nicht geben kann, nicht geben darf, gar geben sollte? Adorno hat seine Aussage wohl in einem moralischen Sinne verstanden. Dass es für unsere Seele respektive unsere Psyche bitter endet, wenn wir uns zu etwas stylen, was wir nicht sind und was nicht zu uns gehört.
Dem halte ich entgegen, dass Lebenslügen sehr wohl gelingen und einen heftigen, notorischen Impetus gewinnen können. Wer sie durchschauen will, muss schon mit allen Wässerchen der Menschenkenntnis gewaschen sein. Was mich zurückführt zu den Motiven meines Blogs. Geschichten schreiben, Geschichten erfinden. Der Drang, Kapitel des eigenen Lebens im Logbuch seines Werdegangs mit Sinn und Bedeutung aufzuladen. In einer Art rückblickender Besänftigung der Egomanie. Das endet dann sehr häufig in Konfabulationen, anstelle der präsentierten Wahrheit in ihrem strengen und mitunter langweiligen Gewand. Was diesem Blog nützlich ist, steht gewöhnlich im Widerspruch zu dem, was wirklich wahr ist. Aber, so sagt Julian Barnes: „… und nützlich ist in dem Moment das Gefühl, das eigene Leben habe ein Ziel und einen verständlichen Handlungsablauf gehabt“.
Mein Leben hatte einen verständlichen  Handlungsablauf nie. Dieser Tatbestand ist mir jedoch vollkommen schnuppe. Wir sind, was wir zu sein glauben. Nicht ohne Grund bin ich ein Anhänger der Fiktion, wobei die religiösen kirchlichen Fiktionen davon ausgenommen sind. Ich trage die metaphorischen Kleider gern und liebe die Koketterie. Mein Spiel des „als ob“ gehört zur Dringlichkeit meines ausgeschmückten Lebens.  Ich bin mit den kleinen Lügen selbstidentisch und meinem Leben dennoch dankbar, diesem Tagelöhner lässlicher Übertreibungen und seiner Kleinkunst der Selbstdarstellung. Da geht einer mit der Libertinage der Lebenslügen ins Bett, könnte man einwenden. Mag sein, doch die Wahrheit hat auch eine Metaebene, aus deren Perspektive ich gerade die Wahrheit schreibe und nichts anderes als sie. Mein lieber Gantenbein, ich habe dir längst verziehen und liebe Seele mein, nichts endet wirklich bitter.

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4 comments

  1. Ein tröstlicher Schlußsatz. Nichts endet wirklich bitter – vielleicht auch eine kleine Lebenslüge, vielleicht auch eine kleine Halbwahrheit, an der man sich festhalten kann, aber immerhin – es gibt schlechtere Lebensweisheiten.

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  2. Und „Nichts bleibt schön, als das Erfundene…“ André Heller.

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