Der Tag des Kusses

Lovis Corinth - Der Kuss
Lovis Corinth – Der Kuss

Ich war überzeugt, dass zwischenmenschliche Harmonie nur in sinnesreizfreien Räumen des Autismus möglich sei. Das Flaschendrehen gehörte nicht zum Identitätsbaukasten meines Selbsts. Auf dessen Klaviatur werkelte ich ohne Sinn. Mein Ziel war der Zustand ewiger Selbstzufriedenheit im Kokon. In meinem mesolimbischen System herrschte biblische Ödnis. Ich hatte kein  Konzept von Kommunikation. Kommunikation war die Leerstelle weißer Wände, die stets mit der Farbe Weiß überstrichen wurden. Meine Emotionen wurden nie enttäuscht. Auch dann nicht, wenn ich aufgefordert war, ihre mögliche Befriedigung zu entziffern und doch nur im Orbit von Mutmaßungen steckenblieb. Mädchen waren weiße Leinwände, zu denen mir die Farben fehlten. Charme war ein Stottern. Ich erfand Worte für den Kuss, der, wenn ich hätte hinsehen können, mir nur in Filmen begegnete.  Worte, die das Kontrafaktische des Kusses, die Abwesenheit  jedweder Berührung wie eine Monstranz vor sich hertrugen. Noch heute ertrage ich Küsse in den Filmen kaum.

Ich war der melancholische Teenager, der in pubertären Seilen hing. Der durch die stumme Faktizität des Weiblichen auf Auslösung hoffte. Ich wollte meinem Geschlecht zugeschrieben werden, wollte jenes Brandmal auf den Lippen brennen spüren. Emotion, ex motis. Den Namen des Mädchens habe ich vergessen. Was schade ist, weil es dieser Winter war,  in dem ich liebte. Ich erinnere die Hitze ihres Kusses. Erinnere die Sensation des virulenten Spiels von Zungen im Frost. Ich erinnere den unverträglichen Alkoholgenuss und den potenzierten Geschmack, den Mundinnenräume erzeugen. Sie hat meine durch die Begriffe Geist und Vernunft und Tatkraft fiktionalisierte  Männlichkeit marginalisiert. Sie war winzig, stahl meiner Zugbrücke die Ketten. „Wozu sollen solche Gesellen wie ich zwischem Himmel und Erde herumkriechen? Wir sind ausgemachte Schurken, all: trau keinem von uns! Geh deines Weges zum Kloster!“ Aber Ophelia scherte sich nicht darum. Sie brachte Couleur ins Spiel. Das Blitzen und Blenden. Das Feuerwerk, den Initiationsritus in allen kolportierten Farben. Vor dem Hintergrund ihres weißen Mundes und des Schnees.

20 Kommentare

  1. Schöner als Edvard Munch hat für mich keiner je einen Kuss dargestellt und es ist interessant zu lesen, welche Erinnerungen am Tag des Kusses bei Dir aufkommen, schöne Kussbilder – romantisch im Bild und männlich-nüchtern in den Worten…
    Beste Grüße und einen schönen Sonntag,
    Marlis

    Gefällt 3 Personen

    1. So männlich-nüchtern solle es garnicht rüberkommen 🙂
      Vielen Dank für deinen Kommentar, und ja, auch ich empfinde dieses Bild von Edvard Munch als eines der schönsten Bilder vom Kuss.

      Liebe Grüße

      Achim

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  2. Marlis Kommentar kann ich mich nur anschließen. Unter einem blendenden Wortmantel das Blitzen von starken Emotionen. Und ohne dies wäre der Tag des Kusses heute unerhört an mir vorbeigerauscht. Nur Ophelia spukt mir schon die ganze Zeit im Kopf herum…

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    1. Oh weh, der blendende Wortmantel. Das trifft in mein kritikempfängliches Herz. Wie oft versuche ich gegen den Strom meiner Formulierungsweise zu schwimmen, allein, es gelingt mir nicht. Aber ich arbeite weiter daran. Es gibt ja viele Vorbilder inzwischen, Menschen in ihren Blogs, deren Formulierungsgabe ich bewundere. Du gehörst zu ihnen und andere wären zu nennen. Aber die sind alle in meiner Blogroll aufgeführt.

      Liebe Grüße

      Achim

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      1. Danke, Achim. Falls mein Kommentar als Kritik an Deiner Formulierungsgabe ankam… als solche war er nicht gedacht. Im Gegenteil. Der Zwiebellook zeichnet Deine Texte aus, und gerade das Häuten macht sie für mich so spannend..;-)

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    1. Das wäre ja mal ein Umschrieb der Tragödie, der sich gewaschen hätte. Ophelia, die Ikone der Prä-Raphaeliten, ertrunken im Blümchenmeer ihrer Unschuld. Vielleicht hätte sie Hamlet bearbeiten sollen, anstatt sich düsteren, handlungsfreien Räsonnements hinzugeben. Entschuldige bitte, aber ich bin wohl noch ein wenig beschäftigt mit dem Beitrag auf deiner Seite. Aber für wahre Schurken war er eine wahre Fundgrube 🙂

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        1. Ach was, so schockierend ist das nicht. Sigmund Freud hat den ganzen Hamlet als Shakespeare’s Traum gedeutet und als Trauerarbeit denunziert. Verdrängungen, Vater -und Mutterkomplexe , Übertragungen, all der ganze toughe Stoff, aus dem die Dramen sind. Aber auf Ophelia lass ich nichts kommen. Sie ist mein Blumenmädchen, die subalterne Hippiebraut des frühen 16. Jahrhunderts.

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