Gelächter

Jürgen Klopp
Jürgen Klopp
Irgendwann war Weltlachtag. Und ich bin ein leidenschaftlicher Verfechter und Vertreter der schlechten Laune. Ein potentielles Grundrecht mit Verfassungsrang, wie ich finde. Darüber lasse ich nicht mit mir streiten, darüber gibt es nichts zu lachen.
Ich lache selten bis nie. Wozu auch? Wenn Lachen schon zum kalendarischen Merktag verkommt, nicht zur Weltpolitik passen will und es im Halse stecken bleibt, weil man zu jedem Witz auch schon seine Tragödie kennt? Mißmut und Verdrossenheit sind meine harten Devisen. In diesen Emotionen stecken mehr sinnliche und intellektuelle Herausforderungen als sie dem Lachen eigen sind. Oder der guten Laune, oder allen anderen Ablegern des Humors und des schenkelklopfenden Wohlgefühls. Nichts gegen deftigen Humor, aber er muss schon wenigstens in wilder Ehe leben mit den Trockenlanden des Sarkasmus.
Andererseits und merke: Lachen kostet Kalorien. Schöne Aussichten, wenn ich bedenke, mir durch Lachen den Weg zur Muckibude ersparen zu können. Wo sich das Lachen den verzerrten, verbitterten Zombies an den Geräten stellen muss und ihren schweißnassen Gesichtern. Und verliert.
Mißmut jedoch kostet mehr. Er kostet Nerven der Überzeugungskraft. Er steht unter permanentem Erklärungsdruck. Muss Widerstände brechen, muss schmeicheln können. Er muss daherschreiten wie auf einem Laufsteg, muss flanieren und sich mit guter Laune tarnen. Das kostet mehr Kalorien, als das Lachen verbraucht. Oder die Muckibude.
Eine Tatsache aber kann ich nicht ohne Weiteres ins Feld schlagen. Das Lachen in seiner höchsten Vollkommenheit beschäftigt 300 Muskeln. Und jetzt stehe ich hier, allein, bei den Thermopylen, und rette die Verdrossenheit mit dem einen Einfriermuskel meines Gesichts. Schlage das Heer der guten Laune dauerhaft in die Flucht.
Den 300 spartanischen Muskeln des Lachens wird das nie gelingen. Sie halten das persische Heer der schlechten Laune lediglich auf. Wenn überhaupt. Siegen werden sie nicht. Nur merkwürdig, dass all jene mir wohlbekannten Menschen beim Anblick meiner schlecht gelaunten Fresse lauthals zu lachen anfangen. Was sofort die Theorie der Spiegelneuronen widerlegt. Irgendetwas mache ich falsch. Es wird Zeit, dass ich Artenschutz beantrage. Für eine aussterbende Spezies.

24 Kommentare

  1. Natürlich haben Sie ein Grundrecht auf Ihre Verdrießlichkeit. Mir ist manches Knurrgesicht lieber, als diese Falschlächler mit dem Blendamedgegrinse. Ich täte Ihnen einfach die Nichtfrisur zerwuscheln, wenn Sie mir so verdrießlich begegneten, dann würden wir uns so lange anschweigen und Drohgrimassen ziehen, bis das Gelächter unhaltbar wäre. Guter Plan? Dreihundertmuskelnbetätigende Grüße, Ihre Frau Knobloch.

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          1. Oh, da wischt sich die Ackerdame schniefend die Nase an der Kittelschürze ab, ob derley Verthronung. Erklimmt schnaufend den Thron und bebt biedermiederig wegen dieser Ehre. Dankefein. Bauchfleischtausendmuskeligbewegende Grüße zurück.

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  2. Du bist immun gegen Lachen, lieber aussterbende Spezies? Gestern war ich in einer Buchhandlung, neben mir stöberte jemand an einem Postkartenstand und lachte laut los, nachdem er den Spruch auf einer Karte gelesen hat. Es war ansteckend und ich musste ihn fragen, worüber er so lachte. Fand`s wunderbar.
    Dann sei froh, dass du nicht in der U-Bahn warst, als sich das ereignet hat: http://www.youtube.com/watch?v=wQ5boOTyz_4
    Also ich finde, diese U-Bahn-Lach-Anstecker sollten hauptberuflich eingestellt werden!

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          1. Wenn wir genau hinschauen, liebe Frau Knobloch, dann werden wir seine Innenbelächung entdecken, so ganz verbergen lässt sie sich bestimmt nicht… ja, ich gebe Obacht, gerne mir Ihnen …

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        1. Nach zähen, wohl erfolglosen Verhandlungen mit Frau Knobloch täte mir jetzt ein Lachen oder Lächeln oder kleines Grinsen oder wenigstens ein kurzes Zucken der Mundwinkel ganz gut……bin ich dafür richtig?

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          1. Und wie Sie hier richtig sind! Unbedingt! Sie brauchen nicht sparsam zu sein, es darf auch ein lautes Lachen sein…dann sind sogar schon 900 Muskeln aktiviert, irgendwann muss die aussterbende Spezies doch mit einstimmen…

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          2. Hier darf jederzeit gelacht werden, lieber Herr Hund. Ich gestehe (und das tue ich konspirativ hinter dem Rücken der beiden Damen, also psst), dass meine Mundwinkel beim Schreiben obiger Sentenzen konvulsivisch zuckten. Ob es ein Lachen war? Geheimnisse blühen überall.

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    1. Lachen ist ansteckend. Dagegen ist kein Kraut gewachsen. Ich nehme das mal als Überbleibsel der Evolution. Es ist auch, soweit ich weiß, immer noch ein Rätsel, warum wir weinen. Damit meine ich, warum sind Tränen die einzige physiologische Reaktion auf die Erfahrung von Trauer? Weinen soll gleichermaßen ansteckend sein, zumindest steckt es die wunderbare Fähigkeit zur Empathie zu einer Reaktion an. Ich werde mich auf die Suche begeben. Vielleicht findet sich Ähnliches im Bereich der „Trauerarbeit“, vorgenommen in den U-Bahnen unserer Welt 🙂

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      1. Ja, finde Weinen auch ansteckend, durchaus und zudem heilsam.
        Trauerarbeit in der U-Bahn, es tauchen ganz neue Betätigungsfelder auf.
        Und dann gibt es noch die berühmten Freudentränen, auch heilsam.
        Ich habe ihn bei dir entdeckt, einen lachenden Smiley, und wie er lächelt! Zurücklächelnd Marion 🙂

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      1. Wir können gerne über Missmut reden, das können wir ganz wunderbar (ich beziehe die liebe Frau Knobloch frei mit ein)… aber warum nur, hat sich da das Lachen hier eingeschlichen? Es war ziemlich mutig, den Missmut so vertreiben zu wollen…

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  3. Vielleicht kann ich Dich ja retten: Muskeln können aktiviert oder inhibiert (gehemmt) werden. Du betreibst also im Sinn der motorischen Kontrolle eine aktive Hemmung all dieser 300 Muskeln, was entsprechend viele Synapsen aktiviert und gar nicht zu unterschätzen ist 😉

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  4. Also ich empfehle Lach-Joga : in einer geordneten Runde, mit Anleitung, wird für einen begrenzten Zeitraum, gegen einen kleinen Obulus versteht sich, heftigst gelacht. Dann ist wieder gut. Die Muskeln waren aktiv, Schokolade ersetzt.
    Danach kann munter weiter gegrummelt werden.

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