Emma Bovary


Emma Bovary

Ich hielt Emma Bovary für ein verkitschtes Flittchen. Das war früher. Ich hatte erhabene Vorstellungen von Treue, von Moral überhaupt und einem Status Quo von Partnerschaft, an deren Anfang die Prämisse lebenslanger Zugehörigkeit vertraglich in Beton gegossen zu sein hätten. Ich entzog ihr die Würde. Ein Bauernmädchen, da kann es nicht angehen, dass sie Illusionen hat und dem Gift der Sentimentalitäten zugeneigt ist. Ich verlangte Bodenständigkeit von ihr und geißelte sie für den Willen,  ein falsches Leben im richtigen zu führen. Mitleid mit ihr? Keine Spur. Ich war damals bewandert, so glaubte ich, in den Verheerungen, die die Ibsen`schen Lebenslügen mit sich brachten.
Aber auch Ibsen hatte ich nicht verstanden. Nicht verstanden, dass es nicht darum geht, ans rettende Ufer der Lebenswahrheit sich zu flüchten und alles wäre gut. Ich hatte Ibsens erbarmungslosen Blick auf die Bourgeoisie interpretiert als eine Zustandsbeschreibung, deren Hölle man entfliehen könne.  Seine Tragödien jedoch beweisen nur, dass es aus dem Hamsterrad der verrottenden bürgerlichen Klasse keinen Ausweg gibt. Es sei denn zum Preis des eigenen Lebens. Ich verfluchte Ibsen, als er in der „Die Wildente“ die junge Hedvig zur Schlachtbank führte, den reinen Engel der Unschuld, in den ich alle Hoffnung eines guten Ausgangs der Geschichte setzte. Ihr Ende befreite mich von meinen eigenen Sentimentalitäten und setzte doch nur neue frei. Neue Illusion, dass es immer einen Engel geben wird, der dem teuflischen Verblendungszusammenhang das reine Okular der Nietzsche’schen reinen Tat entgegensetzt, hinter der es kein nichtendes Seiendes gibt.  Ich begreife noch heute tief empfundenes Sentiment und Illusion als die Brustwehr gegen diese verachtenswerte Welt dort draußen. Ich erfand meine eigene gesellschaftliche Klasse, die der individuellen Disparatheit und der Differenz. Anders sein als alle anderen. Im stillen Kämmerlein gebrautes Lebenselixier als Reflex. Wo da die Freiheit liegen soll, ich weiß es nicht zu entscheiden. Wir alle sind Emma Bovary.
Natürlich lag in Emmas Tun und Sehnen keine Freiheit. Aber verdammt, sie hat es immerhin gewagt. Und sich mutig und getrieben der materialistischen und opportunistischen Verblendung in die Arme geworfen, als das Opfer just jener Klasse, der sie ironischerweise durch ihre Heirat beigetreten war und die sie am Ende vernichtet, ohne sich dabei die Hände schmutzig zu machen.  Mit ihrer Vernichtung verurteilte der personale Erzähler Flauberts zwiefach: Die bourgeoise Hypokrisie und ihre utilitarischen Exzesse und das große, schwache, sentimentalisch aufgeblähte Herz Emmas.  Wir alle sind Emma Bovary. Erst später habe ich Ibsen und Flaubert als Vertreter eines literarischen Humanismus begreifen können. Sie haben die Fahne der Menschlichkeit  hochgehalten, weil dieser die Illusion, die Sentimentalität, der schwärmerische Traum, die vergebliche Hoffnung und der ganze trügerische Zierat der gemütlichen guten Stube eingebrannt ist. Manchmal wünsche ich mir, Don Quixote erschiene mir im Traum und verriete mir, wie er es angestellt hat, gegen Windmühlen zu kämpfen, ohne daran zu zerbrechen. Ein bißchen Wahn gehört wohl dazu.

 

Die Wildente

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Picasso, Don Quichotte

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Kategorien:Allgemein, Belletristik, Gedanken, Gustave FlaubertSchlagwörter: , , , , , , ,

20 comments

  1. Hallo Achim,
    der Text hinterlässt aus irgendwelchen Gründen zwei Emotionen in mir:
    Einmal die Freude darüber, dass wir, die wir älter und erfahrerener geworden sind, endlich ohne schlechtes Gewissen mit Emma Bovary leiden dürfen. Ich mochte schon immer Ihre so rührende Naivität, die uns eigentlich dazu ermuntert, zu versuchen, ihr die Augen zu öffnen.
    Und pure Freude, dass ich manchmal einfach Naiv sein möchte, um an das Leben glauben und es geniessen zu können.
    Besteht Lebensfreude aus Naivität gepaart mit Wissen?
    Einen schönen Pfingstmontag wünscht dir Susanne

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  2. Mich hat Emma Bovary immer gerührt, in ihrer überschwänglichen und verzweifelten. Hoffnungslosigkeit. Immer wenn ich Flaubert wieder lese, entdecke ich neue Abgündigkeiten der „impartialité“. Das ist so gnadenlos, das einem das Herz gleichzeitig bricht und einfriert. „Ein schlichtes Herz“ ist ein Text, den ich bis heute kaum aushalten kann.

    Wir alle sind Emma Bovary? Das kann gut sein Aber vielleiht haben wir Glück und ich ist ein anderer.

    lg K.

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    • Und doch sagte Flaubert: „ich bin Emma Bovary“. Auch das hatte ich früher nicht verstanden. Es erschien mir als Wiedergutmachung an der erbarmungslosen soziokulturellen Obduktion, die er an Emma vornahm. Sie lag ja auf einer Art Seziertisch vor ihm. Das seine Aussage, er sei Emma nicht von der Hand zu weisen ist, das begreifen konnte ich erst später bei der Lektüre von „November“ und „Ein schlichtes Herz“.
      Vielen Dank für deinen Kommentar, liebe K.

      Achim

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  3. Lieber Achim,
    mir ging’s völlig anders mit Madame B. Ich fand diese ganze Literatur, die ihr Drama aus „Fehltritten“ wie Madame Bovary, Anna Karenina, Effi Briest usw. etwas lächerlich. So ein Drama um etwas derart Normales, kaum zu glauben, dachte ich atemberaubend unhistorisch. Julian Barnes Flaubert Roman hat mich noch einmal dazu gebracht, „Madame Bovary“ zu lesen. Naja, mit dem Alter war das Mitleiden gekommen … Dennoch finde ich es immer noch erstaunlich, wie das Thema Treue vs Untreue derart die Literatur bis heute prägen konnte, als ob es nicht spannendere Themen gäbe. Bis zum Ende des 19. Jh.s war das sicher so, aber heute?
    Liebe Grüße von der hochsommerlichen Küste Norfolks
    Klausbernd und seine liebklugen Buchfeen Siri und Selma

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    • Lieber Klausbernd,

      ist es nicht so, dass die von dir behauptete Lächerlichkeit dieser Sujets nur der zeitgenössischen Rezeptionshaltung moderner Leser geschuldet ist?
      Liebe, Ehebruch, Treue und Untreue, allesamt gehören sie nach wie vor zum archetypischen Bestand von Motiven und Handlungselementen innerhalb der erzählenden Literatur. Auch in der postmodernen Literatur wimmelt es geradezu von ihnen, wie du richtig bemerkst. Wir als alte Hagestolze und Singles mögen unsere Nasen darüber rümpfen. Nichtsdestotrotz macht doch erst Emma’s Untreue (als Erzählelement und als Antrieb ihres Handelns) ein Wespennest der Doppelmoral gewisser gesellschaftlicher Kreise augenfällig, an dem sich Flaubert als Zeitgenosse rückhaltlos und erbarmungslos abarbeitet. Der Roman des Realismus brach sich erst durch dieses Werk Bahn. Ihn zu reduzieren auf die Gefühlsverwirrungen einer jungen, schönen Frau und ihre „Verfehlungen“ ist schlichtweg ein schnöder Akt des Lesers.

      Liebe Grüße aus Freiburg an euch drei

      Achim

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      • Lieber Achim,

        puh, es ist ja fast zu heiß, um zu denken😉

        Ich gebe dir völlig recht, ich wollte nur meine, zugegeben höchst subjektive Haltung, zum Ausdruck bringen.

        Bist du wie ich Germanist – oder Philologe?

        Liebe Grüße von der heißen Küste und einen höchst angenehmen Abend noch
        Klausbernd, Siri und Selma

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        • Ich habe in den späten 70ern und frühen 80ern in Mainz Literaturwissenschaft, Germanistik und Philosophie studiert. Meine Brötchen verdiene ich jedoch in der IT. Ohne das Bloggen und die Literatur als entstressender Ausgleich läge ich längst six feet under🙂

          Liebe Grüße

          Achim

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  4. Das Buch ja, den Film kenne ich nicht. Er scheint aber sehenswert, wenn er Dich zu diesen Überlegungen angeregt hat!?

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    • Den Film kenne ich auch nicht. Aber ich denke, Isabelle Huppert ist schlichtweg das Gesicht einer modernen Emma (mit Ausnahme vielleicht von Audrey Tautou🙂 ). Irgendein Buchdeckel mit irgendeinem Konterfei einer Emma zu posten, dazu fehlte es mir an Phantasie. Zu meinen Überlegungen hat mich die wiederholte Lektüre dieses grandiosen Romans geführt.

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  5. Lieber Achim,
    ich habe Madame Bovary und auch Anna Karenina sehr gern gelesen. Teilweise lag das natürlich an der Sprachgewalt der Autoren, die das Lesen einfach zu einem Genuss machen. Andererseits ist es wohl so, dass ich mich mit den Gefühlen der Hauptfiguren identifizieren konnte. Gibt es jemanden, der die Achterbahn der Gefühle noch nie erlebt hat? Ich denke, genau das macht diese Klassiker bis heute spannend, auch wenn wir heute glücklicherweise in einer offeneren Gesellschaft leben und nicht an der Liebe zerbrechen müssen. Wer von uns denkt denn nicht manchmal kopfschüttelnd zurück und wundert sich, wozu einen die Liebe manchmal getrieben hat? Viele Grüße aus dem sonnigen Greenwich, Peggy

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  6. auch ich habe beide Bücher gerne gelesen, ich kann mich da nur entdeckeengland anschliessen und was bitte ist verkehrt an Treue? Untreue allerdings sehe ich sehr differnziert, ich bin in der heutigen Zeit nicht dazu verdammt, auf Gedeih und Verderb nur bei dem Einen zu bleiben, aber ich weiss eben auch, dass Lust auf Andere immer auch ein Zeichen für etwas Fehlendes ist … und schwupps ist da die Eigenverantwortlichkeit …

    danke Achim, dass du so ehrlich dein frühes Naserümpfen beschrieben hast, das ich kenne, wenn auch bei anderen Themen … Mitgefühl ist nicht unbedingt die Stärke der Jugend …

    du bist so fleissig, dass ich leider nicht alles nachlesen konnte

    herzliche Sommerberggrüsse
    Ulli

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  7. Ich habe die Frau Bovary zuletzt besucht, als die neuen Übersetzungen von Cornelia Hasting im Haffmans Verlag erschienen.
    Ich sehe es eher wie Klausbernd. Ich habe nie mit den bereits erwähnten literarisierten Damen mitgelitten. Flaubert ist für mich ein Toxikologe, der das ganze Bürgerlichkeitsgift einer Analyse unterzieht. Und dies hat er meiner Meinung nach, zumindest im zeitlichen Kontext gesehen, hervorragend beschrieben. Und die Kutschenszene ist die beste literarische Kutschenszene, die ich gelesen habe. Nach der Verfilmung werde ich mich umsehen.
    Vielen Dank für den Beitrag und schöne Grüsse vom Schwarzen Berg

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