War Shakespeare schwul? Teil 1


Diese Frage ist der Kulminationspunkt eines Mummenschanzes, dieses Glücksspiels mit Würfeln, das sich leichenfleddernd über den Körper einer sozialhistorisch deklinierbaren Biografie und den literarischen Korpus eines Genies gleichermaßen beugt. Als gäbe es für wissenschaftliche und pseudowissenschaftliche Maden kein schöneres  und erklecklicheres Opfer ihrer Spekulationen. Ihre Phantasmen schießen je wütender ins Kraut, je tönender der Boden positivistisch verwertbarer Tatsachen zu Shakespeares Leben ist, auf dem  sie noch heute lustwandeln.

Wenn man Shakespeares Werke einen Bachlauf entlang von einem Ufer aus vorbeitreiben sähe, so säßen an diesem Ufer Sozialhistoriker, erkenntniswütige Verschwörungstheoretiker und die Abkömmlinge literatur- und sprachtheoretischer Modellbauten, aufgereiht wie auf einer Perlenschnur.  Und ich stelle mit diebischer Freude fest, dass er allen diesen mit der unbestimmbar einmaligen und einzigartigen Aura ein Schnippchen schlägt und von der Angel geht. Der unbekannte Fisch, der in unbekannten Wassern schwimmt, nicht fassbar, nicht konjugierbar, nicht zähmbar, nicht einhegbar, denn „jedes Ding wird mit mehr Genuß erjagd als je genossen.“ 
London_Bridge_gr
Seine literarische Kunst sei der Phoenix eines Wirkungszusammenhanges, entsprungen aus der heißen Asche seiner unmittelbaren Lebenswelt.  Sein Künstlerdasein sei bloß vermittelt und seine erhabene  Kunst eineindeutig interpretierbar, weil beides zurückverfolgt werden kann. Verfolgbar über  die Kellerstiegen hinunter zu ihren sozialdeterminierenden Unterbauten, die der Spiegel sind, in denen sich die künstlerische Existenz selbst erkennt.

Jedes literarische Werk ist eine Konfession der Künstlerseele. Es ist der Abglanz von Milieu und psychologischer Gestimmtheit. Sozialökonomische Verhältnisse der elisabethanischen Epoche sind die Blaupause, auf der sich Werk und Weg des Autors nachzeichnen lassen. So tönt es vollmundig aus der Ecke des literaturtheoretischen Positivismus. Im Fall des William Shakespeare ist die Lage jedoch bestimmt durch missing links. Der wissenschaftliche Empirismus tritt auf der Stelle. Die biografische Faktenlage ist eine erbärmlich unergiebige.

Hippolyte_Taine

Hippolyte Taine

Die Induktion scheitert an der Formulierung eines allgemeinen Gültigen über Shakespeares Leben, weil die markanten Einzelfälle dieses Lebens fehlen. Die Hypothesenbildung bleibt aus. Das Ursache-Wirkungsprinzip versagt. Wilhelm Scherers Forderungen nach „Einzeluntersuchungen“ und „Untersuchungen des Tatsächlichen“ stößt sich den Kopf an der Verwaschenheit des Quellenmaterials. Hippolyte Taines Anspruch an eine Geschichtschreibung der Literatur aus ihren biologischen, psychologischen und gesellschaftlichen Urgründen heraus, er ist im Falle Shakespeares nur ein Kampf gegen die Windmühlen des Quijotes. Wie könnte denn eine Shakespeare Monografie je gelingen? Die Rätsel, die den Autor umgeben wie ein Heiligenschein, sie sind die großen Konjunktive seines Lebens. Kein Staat ist aus ihnen zu machen. War Shakespeare schwul? Wir wissen es nicht und rufen ihm zu: Wir glauben dir, obwohl wir wissen, du lügst.

Wilhelm Scherer

Wilhelm Scherer

Wird der Positivist in seinem Jagdtrieb nach den Shakespeare Preziosen jemals ein glücklicher sein? Michel Foucault’s Bekenntnis zur „Positivität“ eines produktiven kontextbezogenen literaturtheoretischen Ansatzes könnte ihm einen Ausweg weisen. Falls der Positivist es über sich brächte, „an die Stelle der Suche nach den Totalitäten die Analyse der Seltenheit, an die Stelle des Themas der transzendentalen Begründung die Beschreibung der Verhältnisse der Äußerlichkeit, an die Stelle der Suche nach dem Ursprung die Analyse der Häufungen“ zu setzen. Wäre er dann wirklich glücklich? Wenn er nicht in Hamlets metaphysischem Zweifel stecken bleibt, dann vielleicht. Aber die „Zweifel sind Verräter, sie rauben uns, was wir gewinnen können, wenn wir nur einen Versuch wagen.“

 

 

 

 

 

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4 comments

  1. Ist ja auch eine unglaublich wichtige Frage …!

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  2. und wenn … ? ich merke gerade, dass mich allein die Frage wieder wütend macht … was ändert es bitte an einem Werk, wenn ich weiß, ob einer oder eine gleichgeschlechtlich liebt oder eben nicht … aber eben, es scheint wieder interessant zu sein in dieser Zeit und mir stellen sich die Nackenhaare hoch … vorwärts sollte die Menschheit gehen, aber ohne Visionen, werden Blickwinkel wieder verengt … herrjeh nochmal!
    fein, wenn einer es schafft(e) aus seinem ganz Privaten ein Geheimnis zu machen und LiteraturhistorikerInnen im Dunkeln tappen lässt …

    herzliche Grüße zum 1. Mai, lieber Achim vom Berg ins Tal
    Ulli, die Wanderin zwischen den Höhen …

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  3. Du benennst es in der Tat, liebe Ulli. Ich komme durchaus klar mit der mangelnden Faktenlage. Das Werk, es spricht zu uns, nicht die eine oder andere biografisierende Episode aus dem Künstlerleben. Mehr zu diesem Thema die nächsten Tage- oder Wochen. Die dafür notwendige, qualitative Zeit geht mir gerade etwas ab.

    Liebe Grüße

    Achim

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