Rivalen – Sylvia Plath und Ted Hughes


Sylvia Plath

Sylvia Plath

Der Rivale

Wenn der Mond lächelte, er sähe dir ähnlich.
Auch du hinterläßt diesen Eindruck
Von etwas Schönem, aber Vernichtendem.
Beide seid ihr große Borger von Licht.
Der Mondmund klagt O um die Welt, deiner ist
unberührt.

Und deine erste Gabe ist, alles zu Stein zu machen.
Ich erwache in einem Mausoleum; du bist da,
Klopfst den Takt mit den Fingern auf den Marmortisch,
suchst Zigaretten,
Gehässig wie eine Frau, aber nicht so nervös,
Und du willst für dein Leben gern etwas
Unbeantwortbares sagen.

Auch der Mond demütigt seine Untertanen,
Doch bei Tage ist er zum Lachen.
Deine Unzufriedenheiten hingegen
Kommen an durch den Briefschlitz, liebevoll pünktlich,
Weiß und blank, dehnbar wie Kohlenmonoxyd.

Kein Tag ist sicher vor Nachricht von dir; du gehst
spazieren,
Vielleicht in Afrika, aber du denkst an mich.

(Aus:  Sylvia Plath – Ariel;  übersetzt von Erich Fried;
           Bibliothek Suhrkamp, Band 380)

Ted Hughes

Ted Hughes


Vollkommenes Licht

Da bist du in deiner ganzen Unschuld,
Sitzt zwischen deinen Osterglocken wie auf einem
Gestellten Foto mit dem Titel: „Unschuld“.
Das vollkommene Licht lässt dein Gesicht
Aufscheinen wie eine Osterglocke. Wie für jede dieser
Osterglocken sollte es dein einziger April auf der Erde
Zwischen deinen Osterglocken sein. In deinen Armen
Wie ein Teddy dein neugeborener Sohn, erst ein
Paar Wochen alt, unschuldig.
Mutter und Kind wie auf einem Marienbild.
Und neben dir lacht dich
Deine Tochter an, knapp zwei. Wie eine Osterglocke
Neigst du ihr dein Gesicht zu und sagst etwas.
Deine Worte gingen in der Kamera verloren.
Und das Wissen
Im Innern des Hügels, auf dem du sitzt,
Ein von einem Graben umgebener Burghügel, höher als dein Haus,
Passte nicht auf das Bild. Während dein nächster Augenblick,
Der auf dich zukam wie ein Infanterist,
Der langsam aus dem Niemandsland zurückkehrt
Und eine schwere Last schleppt, dich nie erreichte –
Einfach im vollkommenen Licht schmolz.

(Aus: Ted Hughes – Birthday Letters; übersetzt von Andrea Paluch und Robert Habeck;
          Frankfurter Verlagsanstalt)

Kategorien:LyrikSchlagwörter: , , ,

5 comments

  1. Diese Geschichte ist für den Aussenstehenden – der ich zweifellos bin – so kompliziert, dass mir nach der Recherche zu dem Paar nur noch der Spruch von Oma Frieda in den Sinn kommt: „Es gibt Geschichten, die sind wie zerqueschte Fingerkuppen.“
    Trotzallem bleibe ich bei meinem ersten Eindruck:
    „Kein Tag ist sicher vor Nachricht von dir; du gehst/spazieren,/Vielleicht in Afrika, aber du denkst an mich.“

    Diese Zeilen haben mich wohl am meisten beeindruckt. Welch eine Hingabe.

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  2. Eine wunderbare Auswahl, nicht nur stellvertretend für die beiden. Ich glaube, die Liebe lässt sich gar nicht denken ohne den Schatten, der in ihrem Licht geworfen wird.

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  3. Hat dies auf DUNKELROT Blog rebloggt und kommentierte:

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