Konvolute des Trostes 1


gartensteine

© Achim Spengler

KONVOLUTE DES TROSTES

Der Erfindungsreichtum einer Argumentation für den Erhalt der schlechten Sache ist die andere Seite jener Medaille, auf der das Gute keine Parteigänger benötigt.
Die Wahrheit aller Stimmen liegt im Gewirr, auch das ist tröstlich.
„Do not stand at my grave and cry, I am not there; I did not die.“
Es gibt keine unpolitischen Formen literarischer Kritik, wer trotzdem daran glaubt, fördert nur die politischen Formen des Gebrauchs von Literatur.
Während die Medien damit beschäftigt sind, die Empfindsamkeit der Mehrheit zu zerstören, kultiviert die Literaturkritik wenigstens die Empfindsamkeit der Minderheit.
„Those souls are great who, dying, gave a gift of greater life to man. Death stands abashed before the brave. They own a life death cannot ban.“
Der Postmodernismus hat zum subversiven Schlag gegen alle Eliten, Hierarchien und unabänderliche Wahrheiten ausgeholt. Auch das große Narrativ des glückenden Steuerbetruges findet sein jämmerliches Ende auf einer Pritsche, jenseits der Mächte bajuwarischer Idolatrie.
Es gibt keine rationale Rechtfertigung für die eigene Lebensweise. Darin liegt der Trost der vielen Freiheitsgrade, mit deren Hilfe wir unsere Existenz zu fristen in der Lage sind.
Wir sind nicht aufgefordert, unsere Kultur zu objektivieren. Darin liegt die Chance der Befreiung von unserer Komplizenschaft mit ihr.
„Wenn du über eine Frau hinwegkommen möchtest, verwandle sie in Literatur“.
Besitz und Sehnsucht schließen sich gegenseitig aus.
Vielleicht haben wir jetzt angenehmere Ängste als früher.
Du bekommst keine ehrliche Antwort, du kriegst nur das als Antwort, was dich wieder zusammenflickt, und diese Antwort kommt von dir.
Stanley Fish, sinngemäß: Nichts in der Literatur oder der Welt (als Ganzes) ist einfach nur „vorgegeben“ oder „festgelegt“, wenn damit „uninterpretiert“ gemeint ist.
Terry Eagleton, sinngemäß: Es ist weniger leicht zu zeigen, dass Interpretationen von Keats „Ode an die Nachtigall“ falsch sind. Interpretationen in diesem letzteren, weiteren Sinn stoßen normalerweise auf etwas, was die Wissenschaftstheorie „theoretische Unbestimmtheit“ nennt, was bedeutet, dass eine Reihe von Daten durch mehr als nur eine Theorie erklärt werden kann.
Vielleicht liegt der Trost von Literatur darin, dass sie qua emanzipatorischem Akt sich nicht nur von der Welt befreit, die sie vermittelt, sonderm auch vom Autor, der sie ins Leben rief. Siehe Ezra Pound, von dem Eric Hobsbawm sagte, dass man bei ihm auf ein exemplarisches „Ecce Homo“ blickt, im Zeitalter der Extreme.
Trost auch in den Erinnerungsbildern, wenn sie sich zu Bausteinen des Erzählens türmen.
Widerspruch und Einrede sind die tatsächlichen Faktoren der Konstituierung des Selbsts. Vielleicht liegt dort unser Trost, jenseits aller schmeichelnden Affirmation.
Einen Text so anlegen, daß er sich allen Arten von Interpretation entzieht.
Edward O. Wilson: „Ein Physiologe wurde einmal gefragt, ob Maria’s Himmelfahrt möglich sei. Er sagte: Ich war nicht dabei, deshalb weiß ich es nicht. Aber eines ist sicher: Auf 10.000 m Höhe würde sie ohnmächtig“. Darin liegt auch ein Trost, der des Profanen.

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15 comments

  1. Famose Gedankenanstöße, Herr Spengler. Mir als Ackerdame ist der Trost des Profanen wohl vertraut und oft wundenverschließender als manch dahergelabertes Geseiher. Ich wünsche Ihnen einen feinen Restsonntag, herzlichst, Frau Knobloch.

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  2. Lieber Achim,
    da hast du ja genial kluge Gedanken zur Literaturkritik fein ästhetisch gestaltet.
    Nur zwei kleine Anmerkungen von mir: Ist nicht der Postmodernismus in seiner Ablehnung des Elitären sublim elitär?
    Dein Satz „es gibt keine rationale Rechtfertigung für die eigene Lebensweise“ gibt mir zu denken. Ich weiß, dass er stimmt, aber die Weite dieser kühn dahingeworfenen Aussage vermag ich nur zu erahnen – vielleicht weil sich das Irrationale einzig der Ahnung erschließt. Huch, und als Intellektueller fällt es mir schon schwer, jenen vagen Begriff der Ahnung niederzuschreiben …
    Das sind so meine Gedanken, nachdem ich bei sonnig warmen Wetter aus der Realität meines Gartens zur virtuellen Welt, präsentiert durch meinen Rechner, komme.
    Noch einen rundum angenehmen Sonntag dir.
    Liebe Grüße von sommerlichen Küste Norfolks
    Klausbernd

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  3. „Während die Medien damit beschäftigt sind, die Empfindsamkeit der Mehrheit zu zerstören, kultiviert die Literaturkritik wenigstens die Empfindsamkeit der Minderheit.“ – Das ist eine schöne Idee. Gleichwohl ist die Frage zu erlauben, wo, bitte, gibt es denn noch Literaturkritik, die nicht auf materialistischer Weltsicht beruht?

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    • Lieber Achim,
      noch eine Idee zur Postmodernen: Die Postmoderne, so wie sie Umberto Eco u.a. verstehen, ist u.a. durch die Intertextualität charakterisiert. Aber gerade diese setzt eine Elite voaus, die nämlich das Zitierte kennt. Es ist der kritische Rezipient gefragt, der die oft ironische List des Zitierens zu schätzen weiß. Zumindest setzt es jenen voraus, der den intertextuellen Dialog versteht. Insofern halte ich die Postmoderne von ihrer Struktur her für elitär und ein Ablehnen des Elitären eher für eine ironische Geste, welche nur von Eliten verstanden wird.
      Herzliche Grüße aus dem windigen Cley
      Klausbernd🙂 und seine kluge Buchfee Siri🙂
      Und zu SalvaVenia,
      seit dem russischen Formalismus und dem daraus folgenden an der Linguistik ausgerichteten Strukturalismus ist ein Großteil der Literaturkritik gerade nicht an der materialistischen Weltsicht gebunden, sondern orientiert sich weitgehend an der inneren Struktur des Textes. Sie eine Analyse der Signifikantenstruktur und wenn die Signifikate mit hereinkommen, ist doch eher wie Roland Barthes, Jacobsohn, Eco etc. eine kritische Haltung der materialistischen Weltsicht vorherrschend. Man könnte doch eher umgekehrt kritisieren, dass bei Levy-Strauss, Barthes, Lacan, Eco und Co. die Ablehnung der materialistischen Weltsicht zur Attitude verkommt, wobei ich damit nichts über deren notwendiges kritisches Potential aussagen möchte.
      Ich würde dich gerne fragen, wie du denn auf diese deine Aussage kommst?
      Mit herzlichen Grüßen von der heute stürmischen Küste Norfolks
      Klausbernd

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      • Die Postmoderne bezeichnet das Ende der Moderne im Sinne der großen Geschichten von Wahrheit, Vernunft, Wissenschaft, Fortschritt und universeller Emanzipation, die als charakteristisch für das moderne Denken nach der Aufklärung gelten. Außerdem kann man sie als Fußnote von Nietzsche sehen, der das alles irgendwie schon vorweggenommen hat. Erkenntnistheoretisch kommt sie relativistisch und skeptisch daher. Das zu diesen grundsätzlichen Einsichten wir Ottonormalverbraucher ohne Hilfe nicht gekommen wären, steht außer Frage. Diesen philosophischen Paradigmenwechsel haben wenige herbeigeführt, im Sinne einer sozialen Gruppe, die man als besonders qualifiziert erachtet. Nur weil sie vorausgehen, heißt das aber nicht, dass sie mehr oder weniger elitär sind ist als andere Gruppierungen, die andere Denkweisen vertreten. Hier und heute gibt es gottlob noch immer eine Situation konkurrierender Weltsichten. Wenn du allerdings unter Elite „Machteliten“ verstehst, die an den politischen oder lobbyistischen Schalthebeln sitzen und ohne qualitativen Nachweis Meinungen und Haltungen oktroyieren, dann kommen wir der Sache schon näher, in dem Sinne, wie ich in meinem Beitrag „Eliten“ als Meinungslobbyisten verstanden wissen möchte.

        Liebe Grüße aus Freiburg nach Cley

        Achim

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        • Lieber Achim,
          Ich habe die Postmoderne als Konstrukt von Bildungseliten verstanden, die aus intimer Kenntnis des vorangegangenen Kulturguts mit ihm spielen und somit gleichsinnige Rezipienten, also auch in dem Sinne elitäre, voraussetzen.
          Der von dir zitierte Relativismus und die Skepsis drücken sich meines Erachtens deutlich im Stil aus, man geht, wenn du so willst, wieder auf das shakespearsche Modell zurück, das Alte ironisierend zu verarbeiten, was, freilich meist ohne die Ironie, im Seriellen wie in der TV-Serie endet. Ich glaube nicht, dass die Inhalte das Postmoderne ausmachen, für mich ist es weitaus mehr die Form – wobei, das wäre jedoch ein Thema für sich und hier wohl unpassend zu erötern, ich glaube, dass die Form oder besser die Struktur der Inhalt ist. Das dies mit dem sozialen Wandel Strukturgleichheiten aufweist, steht außer Frage. Z.B. Es gibt häufig keine Zentralperspektive mehr, das Auktoriale verschwindet mehr und mehr und bes. das Artefakt wird zunehmend selbstreferentiell.
          Eliten sind ja letztlich „nur“ die Spezialisten in einem Gebiet, die sich dessen bewusst sind, und in dem Sinne kann man doch Nietzsche bestens als Zugehörigen zu einer geistigen – nicht Machtelite – Elite betrachten. Und wenn wir die Enzyklopädisten Diderot, d’Alembert, Holbach & Co betrachten, die waren sich expressis verbis ihres geistigen Sendungsbewusstseins bewusst. Das wäre für mich elitär.
          Anyway, ich glaube, solche Diskussion geht hier viel zu weit, wäre zu „elitär“, obwohl ich es toll finde, dass man beim Besuch deines Blogs nicht seinen Geist an der Garderobe abgeben muss. Ein großes Lob deiner Denklustigkeit und Formulierfreude, die inspiriert. SUPER!
          Ganz liebe Grüße von der stürmischen Küste Nord Norfolks
          Klausbernd

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      • Ihr Lieben,
        ich bin skeptisch, Überbauphänomene dialektisch materialistisch zu betrachten, wie es im 20. Jh. usus war. Das Materialistische des Textes ist das Material des Textes selbst für mich und gibt für mich eine strukturale Literaturbetrachtung vor. Im marxistischen Sinn ist das freilich eine idealistische Sicht, but so what. Zugleich nehme ich jedoch an (wie Lenin), dass die Struktur eines Textes seine Produktionsbedingungen widerspiegelt, aber mich interessiert mehr das WIE eines Textes als sein WAS.

        Liebe SV, spirituell auf die Literatur anzuwenden, ist das nicht etwas kühn? Wie soll denn das aussehen? Vielleicht bin ich ignorant, aber ich kenne keine spirituelle Literaturtheorie. Jetzt bin ich mal ganz böse – sorry – aber eigentlich ist mir nur spiritueller Kitsch bekannt im Sinne von Ausbreitung von Clichees. Aber vielleicht bin ich da blind. Ich lasse mich gern eines Besseren belehren.

        Schön Wochenende euch allen.
        Mit lieben Grüßen vom sonnigen Meer
        Klausbernd und seine liebklugen Buchfeen Siri & Selma

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    • Liebe SV,
      zu dir habe ich weiter unten in meiner Antwort an Achim etwas geschrieben.
      Kb🙂

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    • Definiere bitte „materialistisch“ in diesem Zusammenhang. Muss ich darunter verstehen, dass Literaturkritik sich ausschließlich ökonomischen Interessen verpflichtet sieht? Als Handlangerin von Umsatzzielen? Oder postulierst du, dass sich Literaturkritik der Prämissen materialistischer Literaturbetrachtung bedient, wie sie z.B. in dem Satz “ das gesellschaftlche Sein bestimmt das Bewußtsein“ aufscheint?

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