Rente – Risiko – Zynismus


Die Nichtauskömmlichkeit der staatlichen Rente könnte man zynisch als Backlash der sozialen Sicherungssysteme interpretieren. Als ihr empörtes Interesse daran, die demografische Entwicklung wieder auf Anfang zu stellen. Als Aufforderung an den Zeugungsunwillen der Deutschen, sich jetzt verstärkt um die Vermehrung zu kümmern, bevor alles zu spät ist. Das Kind der Liebe als deus ex machina, der das materielle Überwintern im Rentenalter sichern hilft. Ein Rentensystem mit Anflügen von wirtschaftlicher Moral also.
Andererseits stellen die pandemischen Wirtschaftskrisen existentielle Fragen an das irrationale Subjekt der spätkapitalistischen Arbeitswelt: Willst du solange arbeitsleben, um festzustellen, dass dein materielles Auskommen am Ende am Ende angekommen ist? Wollen du und deine menschliche Würde die letzten Tage in Würdelosigkeit verbringen?
Diese Fragen wird sich jeder,  je nach Ausprägung der Risikobereitschaft, selbst beantworten müssen. Denn Risiko ist ja immer, auch dann, wenn man unterstellt, es gäbe in unseren Zeiten wirkliche und lebbare Alternativen zu der durch Arbeit entfremdeten privaten Welt der Sorgen und der Nöte.
Gesetzt den Fall, es gäbe so etwas wie ein Leben von der Hand in den Mund. Und gesetzt, ein archaischer Rückfall in Epikurs Zeiten der organisierten Selbstgenügsamkeit, der Selbstversorgung und der maßvollen Sinnlichkeit wäre heute noch praktikabel. Rentenpolitisch praktikabel als Entlastung und gesundheitspolitisch praktikabel als kostenmindernd. Ich wäre sofort dabei, wenn mir die Ungnade meiner frühen Geburt nicht im Wege stehen würde.
Zum Hedonismus fehlen mir nun einmal ein paar Jährchen. Darüberhinaus fehlt mir auch das Gen des friedvollen Umgangs mit anderen Mitgliedern meiner Spezies. Alles nicht hinreichend, um mich in kollektiven Zuständen der Freude und der genossenschaftlichen Selbstsorge zu suhlen.
„Tritt ein, Fremder! Ein freundlicher Gastgeber wartet dir auf mit Brot und mit Wasser im Überfluss, denn hier werden deine Begierden nicht gereizt, sondern gestillt.“ Oder: „Schicke mir ein Stück Käse, damit ich gut essen kann.“ Das klingt schön, ist mit mir aber nicht zu haben.
Dass es auch andere Lebensentwürfe gibt, diese Tatsache ist unbestreitbar. Diese Lebensentwürfe und vor allem ihr Scheitern machen sich anklagend deutlich in den Statistiken zum Suizid.  Nach den Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO nimmt sich weltweit alle 40 Sekunden ein Mensch das Leben. Mit rund einer Million Toten pro Jahr zählen Suizide damit global zu den 20 häufigsten Todesursachen. So die traurige Nachricht. Zyniker werden darauf hinweisen, dass darunter eine Menge Opfer als Kollateralschäden der exzessiven globalen ökonomischen Entwicklungen zu zählen sind.  Danach fragen kann sie niemand mehr. Der Tod fragt schließlich auch nicht nach der Länge des Lebens der Verstorbenen. Darin liegt seine genuine Gleichmacherei. Aber nicht sein Trost.
Mein Beitrag ist zynisch. Ein Wesensmerkmal des Zynismus besteht unter anderem im Hervorbringen von pseudologischen Zusammenhängen zwischen ansonsten als disparat empfundenen Tatsachen und Geschehnissen Die hier jedoch wirksame Schnittstelle zwischen den disparaten Erscheinungen gesellschaftlichen Lebens ist das Risiko, das jedes individuelle Leben zu kalkulieren und mit sich selbst zu verhandeln hat, um den Preis zu bestimmen, den es für ein würdevolles Leben bereit ist zu zahlen.
Auf die Spitze gebracht: Kann ein zielorientierter Beischlaf die Rentenkrise lösen? Und Ficken just for fun die Selbstmordraten senken?
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4 comments

  1. „Kann ein zielorientierter Beischlaf die Rentenkrise lösen?“
    Einer?😉
    1000000 möglicherweise, aber was das dann wieder an Elterngeld, Kindergartenplätzen, Schulbildung undsoweiterundsofort kostet, nicht auszudenken!
    „Und Ficken just for fun die Selbstmordraten senken?“
    Käme auf einen Versuch an. Wobei sich das in der Realität auch als gar nicht so einfach herausstellen mag. Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.
    „Früher“ (wahlweise Mittelalter oder Steinzeit, oder einfach nur die Zeit, da Frauen noch lange Röcke trugen) gab es solche Probleme nicht, aber da war das Leben allgemein auch viel tödlicher. Was natürlich auch wieder Quatsch ist, jedes Leben ist ja tödlich, aber Du verstehst, was ich meine? Einen Preis zahlen wir immer, mir will aber scheinen, dass wir heute unter mehreren Währungen wählen können.

    Und mal wieder hat ein Beitrag von Dir eine ganze Kette von Gedanken in meinem Hirn in Gang gesetzt, von denen ich nur einen Bruchteil aufschreibe. Und das passiert öfter als ich kommentiere. Dafür danke ich Dir.

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  2. Achim, das ist schwere Kost, auch wenn zynisch!
    Deine Formulierungen würden meinen Professor in „Philosophisches Argumentieren I“ sehr erfreuen!
    Einen schönen Sonntag wünscht dir Susanne

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  3. Lieber Achim,

    ich beginne am Ende: Ficken just for fun mindert natürlich die Selbstmordrate. Wer immer fröhlich fickt, der wird nicht suicidal – so einfach ist das und das war auch schon weit vor Freud bekannt😉

    Ich finde, wir fallen in der Tat historisch wieder zurück in die Zeit der wenigen reichen Mäzene, die Kunst und die Armen unterstützen (wenn sie es tun) und der Rest der Bevölkerung verarmt. Die Altersarmut ist ja viel diskutiert worden und letztlich bin ich als Rentner auch davon betroffen. Es wäre ein Desaster, müsste ich von meiner staatlichen Rente leben, die wohl nur die Gosse als Alternative böte. Hier von England aus sehe ich, dass man Deutschland die Bevölkerung für doof verkauft: Wir und kein arbeiten bzw. arbeiteten für unsere Rente und NICHT unsere Kinder. Sparer und Rentner werden zunehmend enteignet.
    Das bescheidenere Leben als Rentner finde ich aber nicht schlecht – freilich nur, solange mein Lebensstandard noch zu finanzieren ist. Sollten wir nicht im Alter derart weise werden, dass wir sehen, dass Alter keine Zeit des Konsums sondern eher der Kontemplation ist?

    Das waren nur ein paar eher ephemere Gedanken von mir zu deinem wie immer fein formulierten Text.
    Ganz liebe Grüße vom kleinen Dorf am großen Meer
    Klausbernd
    Auch „liiiiiebe Grüße“ von Dina und unseren liebklugen Buchfeen Siri und Selma

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  4. da seufze ich tief, lieber Achim, denn ich gehöre ja zu den Altersarmen, wenn es denn einmal soweit ist, die Mütterrente ist ein Hohn, was zählen schon 21 Jahre Muttersein? Nichts, wenn ich an die beschämenden Rentenpunkte denke, also werde ich eben arbeiten, bis ich umfalle, so einfach ist das und genau damit wird gerechnet. Ich bin für das bedingungslose Grundeinkommen, da würde eine wie ich noch würdig altern dürfen (aber nicht nur aus diesen egoistischen Gründen!)-

    herzliche Grüße
    Ulli

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