Steinkalt – Die Welt des William Stoner


Stoner

Das Fatum ist die Erdscholle auf dem Land des mittleren Westens der USA. Es ist die braune Erde, von der man kärglich lebt und der man überantwortet wird, wenn alle körperlichen Mühen zu ihrem Ende kommen. Einem Ende, dem man sich delirierend nähert, weil man nicht daran glauben mag, dass die lebenspendende Erde auch die lebennehmende ist. Die Natur hat kein Interesse daran, mit den Menschen in einen Diskurs zu treten, ob das ihr Eigene auch Besitz sein kann für den hart arbeitenden Farmer. Alles hat sich dem fermentierenden Kreislauf unterzuordnen, der aus Staub nur weiteren Staub entstehen lässt.
Das Fatum liegt auch in der unbarmherzigen Konsequenz, mit der die Personen, denen Stoner begegnet, sich zum naturwüchsigen Bösen bekennen, mit dem sie die Familie als schützenswerten Hort und seine Liebe zur universitären Lehre zu vernichten trachten. Sie tun dies mit aller Inbrunst und allen durchtriebenen Wegen der Intrige. Mit dem seziererischen Blick auf seine Schwächen, die nur Lockung sind, darin zu bohren, um auszuloten, wann ein Mensch daran zerbricht. Ihr Vernichtungsfeldzug der Ranküne ist in schrecklicher Weise lohnenswert, da er einen Menschen trifft, der diese Ungeheuerlichkeiten in entwaffnender Gelassenheit ertränkt. Sie wissen nicht, wie man zum Guten je gelangt. Sie haben es nie gekannt, und ihre Handlungen sind durch die Leerstellen frühkindlicher Liebe und die Stigmata psychischer und physischer Versehrtheiten auf den Weg gebracht.
Der böse Mensch hat kein Interesse daran, mit dem guten in einen Diskurs zu treten, ob das ihm Eigene seine Gründe in dessen Reinheit sieht. Sie setzen dies umstandslos voraus und reihen Böses aneinander, wie die aufgeschnürten Perlen eines Rosenkranzes. Und so mäandert das Fatum vom Land hinüber zur Familie, zur Universität und wieder zurück, mit einer Unerbittlichkeit, die durch keine menschliche Reflexion fassbar oder aufzuhalten ist. Die Rache schreitet je grausamer voran, je unschuldiger der Autor ihr Opfer uns vor Augen stellt. Je unversehrter er, wie Phoenix, aus der Asche seiner Versehrtheiten entsteigt.

Stoner sagt, Literatur sei „… die Epiphanie, durch Worte etwas zu erkennen, was sich in Worte nicht fassen ließ“. Seine zweite Epiphanie ist geprägt durch die Einsicht, dass „jenes bißchen Bildung, das er sich erworben haben mochte, zu folgender Einsicht führt: Letzten Endes war alles, selbst das Studium, das ihm dieses Wissen ermöglichte, sinnlos und vergeblich und gerann zu einem unabänderlichen Nichts.“ Diese Erkenntnis überkommt ihn mit starker Ironie. In dieser Ironie mag sich zu verstehen geben, warum es ihm gleichwohl möglich ist, sein Leben eigenen Gesetzen unterzuordnen. Und so wäre es denkbar, dass Stoner den Sisyphos Stein der Nackenschläge, den Liebesentzug und das Vorenthalten von Freundschaft noch immer den Berg hinaufrollen würde. So wie es seine Art ist: Unerschütterlich und in Anbetracht einer kalten Welt, die keine Anstalten macht, Motive und Beweggründe für ihr Tun und Lassen preiszugeben. So wie die Natur selbst auf jedwede Erklärung ihrer schöpferischen und zerstörerischen Prozesse verzichtet. Wir müssen uns Stoner als einen Stoiker vorstellen, der durch die Liebe zur Literatur sein eigenes Schicksal prägt und durch Gelassenheit und Einsicht in die Unumkehrbarkeit des Fatums sich selbst ein Denkmal setzt. Ein Denkmal, das im Roman niemand für ihn baut und dessen Bau nun unsere Aufgabe als Leser ist.

„Eine Sanftheit umgab ihn, eine Mattigkeit legte sich auf seine Glieder, und ein Gefühl der eigenen Identität überkam ihn mit plötzlicher Kraft; er fühlte seine Macht. Er war er selbst, und er wusste, was er gewesen war.“

Kategorien:Belletristik, LiteraturSchlagwörter: ,

11 comments

  1. Lieber Achim,
    von der sturmumtosten Küste einen herzlichen Dank für die Vorstellung dieses wohl sehr interessanten Buches. Siri quengelt, seit sie deinen wie immer fein formuluierten Artikel las, dass wir ihr dieses Buch „SOFORT!“ kaufen müssten. Aber Dina und Masterchen pochen darauf, dass sie dafür ihr FayrieTaler-Taschengeld benutzt, zumal der Diskontsatz für FayrieTaler vorgestern von der Fayrie Zentralbank auf 5% festgelgt wurde – was Dina und Masterchen vor Neid erblassen ließ.
    Ganz liebe Grüße dir von uns
    The Fabulous Four
    Kb

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    • Lieber Klausbernd,

      ich hoffe doch, der Sturm hat keine Folgen. Danke für deinen Kommentar. Und euren Buchfeen möchte ich zurufen: Bleibt dran an diesem Buchwunsch, es lohnt sich auf jeden Fall. Zins- und Diskontsätze hin oder her🙂

      Liebe Grüße aus Freiburg

      Achim

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      • Lieber Achim,

        habe ganz herzlichen Dank für deine Nachfrage🙂 Well, den Sturm haben wir gut überstanden, jedoch mit der amerikanischen Besetzung unseres Strandes seit dem Habschrauberabsturz vorgestern kommen wir weniger gut zurecht. Das Sprichtwort heißt jetzt „Gott schütze uns vor den Amerikanern und den Springfluten“😉 Dieser Absturz eines Kampfhubschraubers der US Armee an uneserem Strand ging gestern durch die gesamte englischsprachige Presse und brachte für einen Tag Cley auf die Titelseiten der Zeitungen von England bis nach Australien und Süd Afrika. Well, well so ist hier etwas los. Die Medienleuten outnumber die Bewohner bei uns z.Zt. Wir haben übrigens gestern mit Fotos darüber gebloggt.

        Ich sag dir, Siri und Selma bleiben beharrlich immer dran, wenn sie etwas haben möchten, huch, und dann unterstützt du sie noch😉
        Alles, alles Liebe aus dem aufgeregten Cley next the Sea
        Klausbernd

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  2. john williams brillanter soundtrack für star wars war mir ein begriff, den anderen williams kannte ich nicht…klingt aber nach einem süchtig machendem stoff!!

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  3. Lieber Achim,
    ich freue mich sehr, dass dir der Roman von John Williams so zugesagt hat. Mich hat der Roman sehr stark beeindruckt, nach der Lektüre habe ich mich unheimlich erschüttert gefühlt.

    Liebe Grüße
    Mara

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  4. Um die breite Anerkennung dieses großartigen Romans muss man sich ja inzwischen nicht mehr sorgen. Zum Glück! Auch für mich war „Stoner“ eines der absoluten Lese-Highlights des vergangenen Jahrs.

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  5. So unterschiedlich die Perspektiven zu sein scheinen, so deckungsgleich sind manche Erkenntnisse.

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