In memorian Tanja Liedtke – Dancer and Choreographer


Dance_Tanja Liedtke

Foto: John Pridmore

Meine Tageszeitung präsentierte mir obiges Bild. Überschrieben war der dazugehörige Artikel mit „Grenzenlose Hingabe“. Vier Sachverhalte vorweg: Ich bin kein Tänzer. Tanzschulen scheue ich wie der Teufel das Weihwasser. Bei einer Körpergröße von 194 cm bin ich der Schutzpatron aller Grobmotoriker.  Ekstatische Verrenkungen sind, wenn schon, die Domäne meiner Psyche, nicht die meiner Physis.
Und jetzt, in meinem starren Blick gefangen, diese federgleiche Leichtigkeit. Diese postmoderne Wiederkehr des Archaeopteryx aus den Schichten des weißen Jura. Weiß auf schwarz und ganz die enthüllte Verhüllung. Shakespeare’s  Traum von Elfen und Kobolden, die dem schwachen Menschen die nackte Wahrheit leichtfüßig ins Gesicht sprechen. Ein Derwisch, in westliche Kleider gesteckt. Die dem Raum und der Zeit entrückte junge Frau, deren Bewegung körperliche Zerissenheit in Harmonie verwandelt.
Hier saß ich also, fast „von der Lieb‘ erschlagen“. Hingestreckt und fortgeschwemmt auf dem harten Sitz des Vorortzuges an diesem Morgen, der mich zur Arbeit bringen sollte und dessen ratterndes Getöse sich in der Watte eines Tagtraums in ein Sedativ verwandelte. Über diesen Traum gibt es wenig zu sagen, als dass er alles umfasste. Alles, was mit meinem Mannsein zu tun hat, natürlich. Alles, was mit den Augen zu tun hat, wenn sie sich an die Ausdruckskraft unschuldiger Erotik und an die Mächte der Selbstgewissheit heften. Mächte, die um so mächtiger wirken, wenn sie formvollendet vom krallenbewehrten Versprechen sprechen und von krallenbewehrter Distanz, beides in die Gleichzeitigkeit der tänzerischen Gebärde geschnürt. Und alles, was mit dem mutigen Sprung zu tun hat, wenn man will, dass sich das Innen nach Außen kehre, dass sich der Tumult der Gedanken auch körperlich erschöpfend ausdrücken möge.
Später dann las ich den Nachruf auf die hoffnungsvolle und traurig endende Karriere dieser Tänzerin und Choreographin. Tanja Liedtke war noch keine 30, als sie 2007 in Sydney von einem Müllwagen überfahren wurde und starb. Trist und banal. Ein Tod, der nicht sinnloser sein kann. Der daherkam, als wollte er die Blüten ihres künstlerischen Schaffens abernten und der Fäulnis übergeben, einfach so und weil er es kann. Tanja Liedtke stand an der Schwelle zu einer beeindruckenden Karriere.  Sie war in dem Jahr ihres Todes zur Leiterin der berühmten Sydney Dance Company berufen worden und hätte zur Erneuerung des Tanztheaters Wesentliches beigetragen. So die einhellige Meinung heutiger und damaliger Kenner der Szene.
In den Kinos läuft nun der Dokumentarfilm „Tanja – Life in Movement“, dessen Dreharbeiten 2009 von Sophie Hyde und Bryan Mason begonnen wurden.

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21 comments

  1. So traurig wie die Geschichte ist, so glänzend ist Dein Text.
    Liebe Grüße, mick.

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  2. Wunderschön in Worte geschnürt, alles was Dich hingestreckt und fortgeschwemmt hat. Ich schließe mich Mick an: Wahrlich eine Perle, dieser Text!

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  3. Das Bild finde auch ich absolut fesselnd, da möchte ich gleich die weiteren Bewegungen sehen, den Tanz … Tanz ist Ausdruck und natürlich transportiert er auch immer Erotik- ich habe mich gefreut deine so ehrlichen Worte dazu zu lesen, die du, wie könnte es auch anders sein, so wunderbar gesetzt hast, wie eben nur du dies kannst! (ich bin wirklich Fan von deinem Schreibstil)
    aber noch einmal zurück zu dieser wunderbaren Tänzerin und Choreographin … ich dachte bei dem kleinen Film, sie hätte die Fortsetzung von Pina Bausch werden können, deren Tod ich bis heute ebenfalls betrauere – den Film möchte ich mir gerne anschauen und werde ich auch-
    danke dir auch für diesen Tipp

    have a nice evening, lieber Achim
    herzlichst Ulli

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    • Liebe Ulli,

      ihr Schicksal hat mich auch an Pina Bausch erinnert. Ich habe damals den Wim Wenders Film über Pina Bausch gesehen, der mich sehr beeindruckt hat.
      Den Film über Tanja Liedtke werde ich mir am kommenden Wochenende anschauen.

      Liebe Grüße

      Achim

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  4. Lieber Achim,
    also von Grobmotoriker zu Grobmotoriker ein großes Lob für diesen Artikel, dessen Stil mich öfters schmunzeln ließ, obwohl die Geschichte eher traurig ist. Du ein fantastisches Bild ausgesucht, ein Bild von exhibitionistischer Distanz, distanziert wie auch der schreibende Voyeur.
    Alles Liebe dir und herzlichen Dank für diesen rundum gelungenen Artikel
    von
    The Fabulous Four
    Kb

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  5. Wirklich ein tolles Foto – und dein Text dazu ebenfalls! Liebe Grüße
    Petra

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  6. Danke, Achim und ein gutes Neues Jahr …. ein toller Beitrag….

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  7. Wunderschön – danke!

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  8. Lieber Achim, wie schön Du Deine Gefühle bei der Betrachtung dieses Tanzmoments in Worte gefasst hast! Ich habe in meiner Jugendzeit mit Begeisterung getanzt (ich war mal Mitglied in einer Provinz-Jugendtanzgruppe). Allerdings beim Ballettkurs im Uni-Sport war immer irgendwie die Elefantin im Porzellanladen🙂. Die körperlichen Fähigkeiten von Tanja Liedtke bewundere ich und es ist sehr traurig, dass wir nicht mehr von ihr sehen können. Liebe Grüße und ein schönes neues Jahr, Peggy.

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    • Hallo Peggy,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Die meisten meiner Freunde hatten in der Jugendzeit Tanzschulen besucht. Ich habe mich immer mit Händen und Füßen dagegen gewehrt. bereuen musste ich es nie. Das Schicksal von Tanja Liedtke hat mich sehr berührt.

      Liebe Grüße aus Freiburg

      Achim

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  9. Ich muss zugeben, dass ich deinen verästelten Texten und Sprachgebilden nicht immer folgen kann. Ich versuche, den Worten, Metaphern und Assoziationsketten zu folgen, mich darauf einzulassen und ertappe mich doch häufig dabei, dass ich mich verwundert am Kopf kratze. Mit diesem Text über mir eine bis dato vollkommen unbekannte Tänzerin hast du mich erreicht. Ein Text, der über den Tod handelt, und mitten aus dem Leben spricht. Sehe dich in deinem Zug, mit der Zeitung in der Hand, verliere mich mit dir in deinen Gedankengängen, sie vermischen sich mit Gesprächsfetzen, sehe die Winterlandschaft vorbeirasen, Flüchtigkeit und Dauer, und spüre leise Wehmut über die diesen viel zu frühen Tod. Sehr schön. Danke.

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    • Liebe K.

      vielen Dank für deine konstruktive Kritik. Das, was du bezüglich meines Schreibstils schreibst, benennt im Kern eines der Ziele, die ich durch mein Schreiben erreichen möchte: Den Leser aufzufordern, wenn möglich, den Texten auch auf verschlungenen Pfaden zu folgen. Ich mag es verdreht, schnörkelig, poetisch. Ich mags weniger klar, einfach oder strukturiert. Den Kampf ums Verständnis kann ich dir nicht abnehmen. Das soll so bleiben, da ich meine Themen nicht anders transportieren kann und letztlich mein Bloggen keinen Sinn mehr machen würde.

      Liebe Grüße

      Achim

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  10. Als ich Rudolf Nurejew als Nussknacker mit dem russischen Staatsballett im zarten Alter von 12 Jahren das erste Mal über die Mattscheibe des
    Schwarzweißweißfernsehers im Wohnzimmer meiner Eltern schweben sah, war ich hypnotisiert von der Kraft und dem Ausdruck, mit der Nurejew den Nussknacker fleischlich, begrifflich werden ließ. Ein Märchen wurde wahr und ich, oh oh…um mich war es ein für alle Mal geschehen…
    Ich träumte von Nurejew und dankte dem lieben Gott, dass es sowas geben kann. Als meine Mutter mich desillusionieren wollte und mir ein paar harte Fakten über Rudolf, the Nutcracker zuflüsterte, beeindruckte mich das nicht im Mindesten. Außer vielleicht, dass ich immer noch traurig bin, ihn niemals live und lebendig tanzen sehen zu können. Die Frau im Mädchen trauerte kurz und heftig um die männliche Schönheit, die sich dem gleichen Geschlecht zugewandt hatte. Rudolf würde mir nie einen Liebesbrief schreiben. Ach, wie schade…
    Ähnlich mein Empfinden bei Tanja. Zum Verlieben, allerdings. Für eine allzu kurze Zeit strahlte ihr Stern heller und leuchtender als die anderen und ihr Ausdruck ist das, was unvergessen bleiben wird.
    Ein geringer Trost und doch ein dankbarer, bedenkt man, wie außerordentlich selten solche Talente sind…
    Könnte man sie doch nur beschützen vor der banalen erbarmungslosen Welt, der sie ausgeliefert sind wie wir anderen auch.
    Doch genau das ist es, das Banale, das sie begrifflich und berührbar macht und ihren Überstatus wieder in die Sterblichkeit relativiert .
    Klingt hart? Oh ja…
    Und doch…bleibt Tanja. Ein Vorbild für viele Tänzer…
    So, wie für mich Rudolf Nurejew und die Gewissheit, dass er lebte und kein unrealistischer Traum war…

    LG
    von der Karfunkelfee

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