Letzte Sätze 8 – A. L. Kennedy – Paradies


A. L. Kennedy

A. L. Kennedy (Photo credit: boellstiftung)

A.L. Kennedy - ParadiesUnd eine Weile, vielleicht eine lange Weile, bewege ich mich nicht und sehe nichts: Ich lausche nur meinem Zimmer, dem Vogelzwitschern, das ins Nichts verebbt und nur meinen Wecker, mein Herz, ein plötzlich über mich ziehendes Donnern zurücklässt, ein Geräusch wie von einem breiten Stein, der weggerollt wird.
Ich drücke meinen Schädel fest nach hinten und spüre, wie die Seite der Matratze sich verändert, wie die Federn sich zusammenziehen und dehnen. Empfindlich spüre ich unter mir, als ich die Beine ein wenig hebe, dass ein Teppich sich hebt und ausbreitet und den gewachsten Holzboden ersetzt. Das winzige Geräusch seiner Ankunft, ein Insektenlaut, schlägt kleine Wellen bis zu jeder Wand und passt sich ein. Ich halte die Augen geschlossen und lausche dem Erblühen eines Schreibtischs, eines Stuhls, zweier Lampen, zweier Resopal-Nachttische, eines Zimmerschlüssels mit hässlichem Anhänger, dem leichten Knarren bei der Geburt eines Aschenbechers, einer Minibar, eines tragbaren Fernsehers. Und der Geschmack des Zimmers ist abgestandener Zigarettenqualm, Raumspray, Scheuermittel, Schweiß, und draußen blüht kein lebendiger Garten, in meilenweitem Umkreis nicht.
Vorsichtig schaue ich aus dem Fenster und sehe eine englische Nacht, eine Schar undurchschaubarer Leuchtfeuer, beleuchtete Gebäude und eine Radarschüssel, die sich im Kreis dreht und den Schatten durchlöffelt. Von kleinen Lichtlöchern begrenzt, reibt sich der breite, graue Bauch eines Flugzeugs durchs Dunkel ins Blickfeld, verschwindet in einem Muster aus rot, weiß und grün.
Ich stehe auf, denn jetzt ist alles solide, möglich und fest, und ich sehe, dass meine Reisetasche prall und glücklich ist, und das Bett frisch gemacht. Hinter mir im Bad höre ich das leichte metallische Gleiten, als der Duschvorhang geschlossen wird, dann das Plappern des Wassers, das gemütliche Geräuschgewirr, wenn jemand sich zu waschen anfängt.
Ich lächele.
Ich greife in meine Reisetasche und finde die volle Flasche Bushmill’s unversehrt: das wunderbare Etikett: die hohe, schmale Tür, die anderswohin führt. Wenn Robert fertig ist, wenn er hereinkommt, noch rosa vom Abschrubben, warm in ein Handtuch gehüllt, dann werden wir zusammen auf dem Bett liegen und reden, wir werden einander alles erzählen. Ich werde ihn bitten, die Gläser mitzubringen, und dann werden wir anfangen.

(A. L. Kennedy: Paradies)

Kategorien:Belletristik, Letzte Sätze, LiteraturSchlagwörter: , ,

1 Kommentar

  1. Lieber Achim,
    Paradies“ scheint eine ergreifende Lektüre zu sein. Ich habe eine kleine Leseprobe gewagt, das war atemloses lesen!
    herzlichen Dank für die gelungen Vorstellung.
    Liebe Grüße aus Bonn
    Dina

    „Inzwischen rolle ich rasch und unwiderstehlich auf die Vierzig zu und fliege ständig aus den Kurven meines Jetzt.“ (Seite 70)

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