Irische Reminiszenzen 1 – Die Liffey hat die Farbe von Tee ohne Milch


Tara Hall - Howth - Irland

Tara Hall – Howth

„… und ich hab gedacht na schön er so gut wie jeder andere und hab ihn mit den Augen gebeten
er soll doch nochmal fragen ja und dann hat er mich gefragt ob ich will ja sag ja meine Bergblume
und ich hab ihm zuerst die Arme um den Hals gelegt und ihn zu mir niedergezogen daß er meine Brüste
fühlen konnte wie sie dufteten ja und das Herz ging ihm wie verrückt und ich hab ja gesagt ja ich will Ja.“
(Molly Bloom in „Ulysses“von James Joyce)

St Patricks Cathedral 01

St. Patrick’s Cathedral

Kormorane sitzen auf den Erhebungen des steinigen Strandes wie trauerbringende Paare.
Es wird Zeit für Memorabilien, dachte er. Die Zeiten halten sich nicht auf bei den Meereshängen von Howth.
Die Zeiten halten die Wasser nicht zurück bei Sandycove. Es wird Zeit. Blicke werden schwer und trüb,
wie hinter der Augenklappe von Séamus  Seoighe. Tritte klammern sich am wunden Rücken fest,
sie gehen gebeugt und ergeben und holen die Springfluten der Kindheit zurück.
Sollte er ruhen? Sollte er das? Das Innere der St. Patrick’s Kathedrale verströmte das Ambiente der Verwesung.
Und es war augenfällig, wie sehr doch einer ganzen Herde Menschenseelen der Tod
und die Erinnerung an das nicht mehr rückholbare Leben am abgeklemmten Herzen liegt.
Danach, als er am Strand niederkniete und ihre je verehrte Hand küsste, behauptete er
von der Erde, dass sie kein lieblicheres Land in ihren Armen hielt, oder ein schöneres Leben gelte,
als dieses, was es wert war gelebt zu werden. Der letzte Tag bot den Harnisch von Gedanken,
und die Jahre gehen hinaus mit dem Ausblick aufs flatternde Meer.

(© Achim Spengler)


Kategorien:Dublin, Gedanken, Reisen, ReisetagebuchSchlagwörter: , , , , , , ,

8 comments

  1. Der Titel erinnert mich an einen Satz bei Dashiell Hammett: „Sein Haar hatte die Farbe von nassem Sand.“ Aber das nur nebenbei. Der Tod und die Erinnerung an das nicht mehr rückholbare Leben, die einer ganzen Herde Menschenseelen am abgeklemmten Herzen liegen… ein Satz, der es besser nicht treffen könnte. Nur manchmal ist die Abklemmung des Herzens, als wie bitter es sich irgendwann auch immer erweisen mag, die einzige Möglichkeit, um dieses Leben überhaupt irgendwie zu überstehen…

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    • Der Titel ist einer Ausage James Joyce über die Liffey entlehnt. So wie Hammett hatte Raymond Chandler ähnlich lakonische Zuschreibungen im Portfolio, seinen Charakteren gegenüber. Ich erinnere zum Beispiel: „Mit einem nassen Handtuch um die Hüften fühlte er sich als stärkster Mann von Manhattan“. So oder so ähnlich.
      Oft denke ich, dass diese Kathedralen eher zur Lebensflucht aufrufen. Warum können sie nicht sagen: Kleiner Mensch, hier findest du nur Unterstand gegen deine Ängste. Hier solltest du dich nicht über Gebühr aufhalten. Geh wieder hinaus, begreife das Leben als das einzig denkbare Schicksal. Hier drinnen findest du keine plausible Erklärung des Todes. Du kannst ihm keinen Sinn verleihen, da er die Exekution der Sinnlosigkeit schlechthin ist. Geh wieder hinaus und lebe dein Leben.

      Gruß
      Achim

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      • Es kommt darauf an, was man sucht – nun ja, manchmal weiß man das nicht so genau – oder was man gerade braucht – auch das ist einem oft genug ein Buch mit Sieben Siegeln. Ich liebe Kathedralen, vor allem die gotischen. Um einem sich in immer höhere Höhen aufschwingenden Geist nahe zu sein, gibt es für mich kein sinnfälligeres Gebäude. Andererseits: Was könnte einen mehr erden, als nassen Sand auch unter den eigenen nackten Fußsohlen zu spüren.
        Ja, Chandler ist eine wahre Fundgrube für dergleichen mehr, und er ist mir auch viel näher als Hammett.
        In diesem Sinne noch einen schönen Sonntag Dir!

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        • In Dutschland meide ich den Besuch von Kirchen, Kathedralen, was auch immer. In England, merkwürdiger Weise, liebe ich die Stille in ihnen, die Andacht, das Grandiose von schierer Höhe und Größe. Gegensätze, ich glaube, das ist es. Baldachin der Hoffnung und das Zurückdrängen der Angst.

          Gruß

          Achim

          Gefällt 1 Person

  2. Lieber Achim, das hast Du ganz wunderbar geschrieben. Eben fühlte ich mich so, als wäre ich dort mit am Strand gewesen. Lieben Gruß, Peggy

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  3. Ich gehe in jede Kirche, wenn sie zugänlich ist und ich niemanden störe. Dabei ist es mir egal, in welcher Region das ist. Da spiegelt sich für mich ein Stück Kultur, Lebensrealität wieder. Das ist wie Lachen, Tanzen, Trauer. Es gibt unterschiedliche Gerüche, Formen der Stille und Geräusche, usf. Nicht nur in Kirchen, aber auch.

    Liebe Grüße
    mick

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