Letzte Sätze 6 – Denis Johnson – Ein gerader Rauch


Ein gerader Rauch - Denis JohnsonRechts von ihr funkelte der Ring eines Herrn, der den Kopf in die Hand stützte, im Dämmerlicht. Er hielt die Augen geschlossen. Manche der Männer hatten vielleicht auf den ersten Golfnachmittag der Saison verzichtet, um dies zu erdulden. An den Frauen nahm sie die lebhaften, interessierten Mienen derer wahr, die versuchen, sich wach zu halten. Ein kleiner Junge mit einem Finger tief in der Nase, er tat nichts weiter damit, hatte ihn einfach dort geparkt. Die Szene vor ihrem Augen wurde flach, büßte eine ihrer Dimensionen ein, und die Geräusche tropften an dieser Oberfläche ab, ohne jede Wirkung. Etwas lag in der Luft. Dieser Augenblick, das Erlebnis dieses Augenblicks selbst, kam ihr wie ein dünner Gazeschleier vor. Sie saß im Publikum und dachte – jemand hier hat Krebs, jemand hier hat ein gebrochenes Herz, jemandes Seele ist verloren, jemand fühlt sich nackt und fremd, glaubt, dass er den Weg, den er einst gekannt hat, nicht mehr finden kann, fühlt sich seines Panzers beraubt und allein, da sitzen Menschen mit gebrochenen Knochen in diesem Publikum, andere, deren Knochen früher oder später brechen werden, Menschen, die ihre Gesundheit ruiniert, ihre eigenen Lügen angebetet, ihre Träume bespuckt, ihrem wahren Glauben den Rücken gekehrt haben, ja, ja, und alle werden sie erlöst. Alle werden erlöst. Alle werden erlöst.

(Denis Johnson – Ein gerader Rauch)

Kategorien:Belletristik, Letzte Sätze, LiteraturSchlagwörter: ,

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