Letzte Sätze 5 – Philip Roth – Der menschliche Makel


Der_menschliche_MakelAm Ufer angekommen, drehte ich mich um und blickte zurück, um zu sehen, ob er mir doch noch in den Wald folgte, ob er vielleicht vorhatte, mich umzubringen, bevor ich Gelegenheit hatte, das Haus zu betreten, in dem Coleman Silk seine Jugend verbracht hatte, und mich, wie Steena Palsson vor mir, als weißer Gast seiner Familie in East Orange zum sonntäglichen Abendessen zu setzen. Ich brauchte ihn nur aus der Ferne zu sehen, um den Schrecken zu spüren, den der Bohrer mir einjagte, auch wenn Farley schon wieder auf seinem Eimer saß: Auf dem eisigen Weiß des Sees war ein winziger Punkt, und dieser Punkt war ein Mensch, der einzige Hinweis auf die Anwesenheit eines Menschen in dieser ganzen weiten Natur, wie das X eines Analphabeten auf einem Blatt Papier. Da war es – wenn auch nicht die ganze Geschichte, so doch das ganze Bild. Gegen Ende unseres Jahrhunderts bietet einem das Leben nur selten einen so unschuldigen, friedlichen Anblick wie diesen: Auf einem idyllischen Berg in Amerika sitzt ein Mann auf einem Eimer und fischt durch ein Loch im fünfundvierzig Zentimeter dicken Eis in einem See, dessen Wasser ständig erneuert und gereinigt wird.

(Philip Roth – Der menschliche Makel)

Kategorien:Belletristik, Letzte Sätze, LiteraturSchlagwörter: , ,

8 comments

  1. Eines meiner Lieblingsbücher, Achim und auch den Film dazu mag ich. Es ist großes Kino mit guten Schauspielern.

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  2. schön, dass du auf diesem Weg an dieses wunderbare Buch erinnerst, ich habe es sehr gerne gelesen!

    herzlichst Ulli

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  3. Ja, wie Susanne, finde ich den Film auch so ansprechend, dass ich ihn sicher schon fünfmal gesehen habe – gelungene Literaturverfilmung.
    Roth erscheint ja immer wieder auf der Nobelpreisliste, aber irgendwie scheint der Lit. Nobelpreis ihn zu meiden, obwohl er ihn verdient hätte.
    Liebe Grüße aus dem sonnigen Norfolk
    Klausbernd

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    • Ich hoffe, dass sich das Nobelpreiskomitee nicht irgendwann vor die Wahl gestellt sieht, einen Toten zu prämieren. Die Hoffnung auf diesen Preis für Philiup Roth stirbt auch bei mir zuletzt.

      Liebe Grüße aus dem herbstlichen Freiburg nach Cley

      Achim

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  4. Auch eines meiner Lieblingsbücher. Und nicht zu vergessen „Das sterbende Tier“.

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