Letzte Sätze 4 – Ian McEwan – Abbitte


mcewan_atonementIch stehe am Fenster, spüre Wellen der Müdigkeit die letzte Kraft aus meinem Körper spülen. Der Boden scheint unter meinen Füßen zu wogen. Ich habe zugesehen, wie das erste graue Licht den Park und die Brücken über den verschwundenen See zum Vorschein brachte. Und den langen, schmalen Weg, auf dem Robbie fortgefahren worden war, hinein ins Weiß. Ich stelle mir gern vor, daß es weder Willensschwäche noch ein unlauterer Winkelzug, sondern ein letzter Akt der Güte ist, Widerstand gegen Verzweiflung und Vergessen, daß ich meine Liebenden leben lasse und sie am Ende miteinander vereine. Ich gab ihnen Glück, doch war ich nicht so selbstsüchtig, mir von ihnen vergeben zu lassen. Nicht ganz, noch nicht. Hätte ich die Macht, sie auf meiner Geburtstagsfeier heraufzubeschwören ….. Robbie und Cecilia, noch am Leben, noch verliebt, Seite an Seite in der Bibliothek, lächelnd über Die Heimsuchungen Arabellas?  Unmöglich wäre es nicht.
Doch jetzt muß ich schlafen.

(Ian McEwan – Abbitte )

Kategorien:Belletristik, Letzte Sätze, LiteraturSchlagwörter: , ,

8 comments

  1. Eines der schönsten Bücher, die ich jemals gelesen habe..:-)

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  2. Ich finde, dass „Atonement“ formal zu sehr zweigeteilt ist. Der erste englische Teil im Landhaus und dann der Kriegsteil sind für mich geradezu wie ein harter Schnitt im modernen Film. Natürlich werden am Schluss fein die beide Teile verknüpft, aber insgesamt fallen mir die beiden Teile zu sehr auseinander. Ich empfinde das als eine formale Schwäche dieses Romans. Die meisten anderen Romane von McEwan gefallen mir dagegen ausnehmend gut, aber mit „Atonement“ wurde er richtig berühmt.
    Liebe Grüße
    Klausbernd

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  3. Dieser Schnitt ist notwendig und erklärt sich zwangsläufig aus dem Thema dieses wunderbaren Buches: Sind wir je in der Lage Abbitte leisten zu können für den Verrat an der Existenz unserer Nächsten? In diesem Buch ist die Abbitte nur in einem imaginierten Interlude möglich, das, wie wir später erfahren, von der reüssierten Schriftstellerin Briony stammt, und die Toten als Lebende belässt. Der harte Schnitt ist wesentlich, um die Tragweite von Brionys moralischer Verwerflichkeit zu akzentuieren. Der Tod auf dem Schlachtfeld ist ihrer Abbitte immer voraus und sie nicht leisten zu können ist die Strafe, die Briony vom Schicksal und ihrer kindlichen Naivität auferlegt wurde.

    Liebe Grüße aus Freiburg

    Achim

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    • Das hast du jetzt sehr schön erklärt. Eine feine Vorstellung, lieber Achim! Ich mag das Buch sehr, habe es in Englisch und Deutsch gelesen. Ich sollte den Film noch mal sehen, dein Kommentar lädt dazu ein.
      Gute Nacht oder Morgen aus Bonn
      Dina🙂

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      • Ich bin gespannt auf sein neuestes Buch „Honig“. Werde es mir am Wochenende kaufen und lesen.

        Liebe Grüße

        Achim

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        • „Honig“ hole ich mir auch, danke für den Tipp, lieber Achim. Wenn ich mit Antonio Skarmeta durch bin.

          „Atonement“ is zum Teil in Norfolk gedreht worden, in der Nähe von Kings Lynn.

          Bist du Urlaubsmäßig 2014 voll verplant? Hättest du eventuell Zeit und Lust zum Bloggertreffen in Norfolk Anfang September zu kommen?

          Schönes Wochenende!
          Dina

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  4. „Abbitte“ ist ein großes Buch. Auf „Honig“ bin ich schon gespannt, steht auf der Leseliste…

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