Letzte Sätze 2 – Henry Roth – Ein Amerikaner


HENRY ROTH

Henry Roth

Er war völlig am Ende; fühlte sich längst ausgelaugt und seiner schöpferischen Kraft beraubt. Auch konnte er sich nach einem halben Jahrhundert oder mehr an weitere Einzelheiten aus seinem Leben erinnern; besonders, weil die Einzelheiten selber so verschattet, so wolkenverhangen waren; verborgen hinter der allgegenwärtigen Angst, die ihn früher schon heimgesucht hatte – Angst, Beklemmung, seine ewige Unschlüssigkeit, die sich buchstäblich wie ein wabernder Nebel zwischen ihn und die Ereignisse legte. Also mussten die dürftigen Einträge genügen, so unzufrieden er auch mit dem bloßen Abklatsch des seelischen Aufruhrs, in dem er sich zu dieser Zeit befand, sein mochte. Die wenigen Erinnerungsreste, die überlebt hatten, die noch übrig geblieben waren, mussten genügen. Ich bin Merlin und muss sterben, schrieb Tennyson als alter Mann. Was sonst gab es für ihn noch zu tun?
Spontan kam Ira das Symbol des Phoenix in den Sinn, es kehrte immer wieder, verlieh seinem Streben Gehalt: aus der eigenen Asche auferstehen. Und er dachte an Shelleys Zeilen „Wirf deine Ketten zu Boden wie Tau, der im Schlaf auf dich gefallen ist.“ Angeborene, unstillbare Hoffnung, Ausdruck von Lebenskraft – oder ein Vertrauen in die Zukunft.

(Henry Roth: „Ein Amerikaner“)

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7 comments

  1. Ja, was gibt es für uns am Ende des Lebens zu tun?
    Vielleicht doch versuchen, noch ein wenig daran festzuhalten?
    An das, was vielleicht mal ein Leben war?
    Denn es ändert sich täglich das Leben.

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    • Worüber wir nicht sprechen können, darüber sollten wir schweigen. So oder ähnlich hatte das Wittgenstein einmal formuliert (in einem anderen Zusammenhang selbstverständlich). Auf den eigenen Tod bezogen heißt das für mich: Die Angst vor dem Ende meines Daseins spricht zu mir in ihrer eigenen Vorstellung. Ich bin mir sicher, dass diese Angst aber auf etwas anderes treffen wird als eben diese Vorstellung. Ich glaube daran, dass der Tod tatsächlich „das ganz Andere“ ist. Damit nehme ich mir zwar nicht die Angst, halte mir aber frei, dass der Tod gleich dem Leben ein Abenteuer ist, von dem man sich gefasst und mutig an die Hand nehmen lassen sollte. Tröstend ist, dass wir in der Erinnerung der Menschen, die uns lieben, weiterleben. Du siehst, die Angst vor dem Tod hebt uns immer in gedankliche Konstrukte hinein, die Antworten suchen, wo es keine gibt. Wir sollten Geduld haben und einfach abwarten🙂

      Liebe Grüße

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      • Ich bin dem sprichwörtlichen Tod vor knapp 6 Jahren von der Schippe gesprungen. Ich habe ein Hirnaneurysa, was platze und eine schwere Gehirnblutung verursachte.
        Ich habe in der Erinnerung 2 Tage verloren. Da ist einfach nichts gewesen, kein Gang mit Licht, kein Vorbeiziehen des Lebens nur eine große Verwirrtheit …
        Ich sehe seither mein Leben als endlich, in den Erinnerungen vor allem meines Kindes und in meiner Arbeit (Zeichnungen wie Gedanken) bleibe ich nach dem Tod noch ein wenig spürbar. Doch wie lange, Achim, das weiss ich nicht abzusschätzen.
        Ich versuche jeden Tag zu geniessen. Aber es fällt mir nicht immer leicht, denn von Natur aus bin ich eine Denkerin, mein Gehirn ist selten ruhig…..
        Und Geduld, das ist gar nicht meine Stärke….
        Liebe Grüße von Susanne

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        • Genieße, jeden Tag. Und mache auch das Denken zum Genuß. Alles Andere liegt nicht in unserer Hand. Das alles sind natürlich Binsen. Aber mehr haben wir wohl nicht.

          Liebe Grüße
          Achim

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          • Ja, Achim, so handhabe ich das Leben auch.
            Freude an jedem einzelnen Tag!
            Es hat lange gebraucht, bis ich neben meiner Arbeit des Zeichnens mich wieder getraut habe auch weiter in die Zukunft zu planen so wie jetzt mit meinem Atelierwechsel.
            Einen schönen Sonntag wünscht dir Susanne

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  2. Ganz, ganz wunderbar diese letzten Sätze. Auch ein Autor und ein Buch, die ich beide nicht kenne.

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    • Henry Roth hat in diesem Roman unter anderem seine fast 60 Jahre anhaltende Schreibblockade verarbeitet. Sein erster Roman „Call it Sleep“ hatte er 1934 veröffentlicht. Der erste Teil seiner Tetralogie Trilogie „Gnade eines wilden Stroms“ erschien 1994. Langer Atem, und irgendwie tatsächlich unnachgiebige Hoffnung.

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