T.S. Eliot – The Love Song of J. Alfred Prufrock


„I grow old … I grow old …
I shall wear the bottoms of my trousers rolled.“
(T.S. Eliot: The Lovesong of J.Alfred Prufrock)

T.S. EliotWas das männliche Ich im Innersten zusammenhielt, war die Gewissheit seiner gewichtigen Rolle im gesellschaftlichen Betriebe. War seine Stellung in den Zentren individueller Glücksverheißungen und die befriedete Zugehörigkeit zu seiner sozialen Klasse. Das männliche Ich in T.S. Eliot’s Gedicht ist fragmentiert. Die Fragmentation speist sich aus Selbstzweifel. Es versucht sein Ganzes wieder herzustellen und scheitert, da es sich aus den lichten Orten weiblichen Zuspruchs und gesellschaftlicher Ehrerbietung  in die wuchernden Vororte der Hölle seiner geschlechtlichen, intellektuellen und visionären Marginalisierung vertrieben fühlt. Die Zustandsbeschreibungen seiner inneren Hölle sind nicht zufällig den Bildern der Schilderung des Infernos aus Dantes „Göttlicher Komödie“ entliehen. Im vorausgehenden Epigraph des in freier Versform geschmiedeten Gedichts wird die Schande des Verweilens in der Hölle geschildert. Deren Verlautbarung und Beichte nur deshalb vollzogen werden, da sicher ist, dass beide nie die Hölle verlassen werden, da niemand jemals ihr entkam. So ist der Tenor des Gedichts schon vorgezeichnet.
Die Hölle, das sind die anderen. Oder, wenn man es inwendig kehrt: Die Hölle ist das  Selbst. Wenn der beredte Seelenzustand, das Leiden, das Irren, das Altern, die Hoffnungslosigkeiten der Liebe nur zu sich selbst sprechen können, in der Syntax eines dramatischen Monologs, dann ist das die Repräsentation einer doppelten Tragödie: Die gesellschaftliche Isolation des lyrischen Ichs und deren innere Spiegelung in mancherlei Kategorien der Gebrochenheit. Aus der Fragmentation wird die selbstironisch artikulierte Reduktion auf ein resignatives Lebensgefühl. „It is impossible to say just what I mean!“ So, was wäre es wert, mein Liebesgeständnis dem lyrischen Du dann anzutragen? „Wäre es die Sache wert („Would it have been worth while“?), daß eine, ein Kissen rückend oder zum Fenster gekehrt, den Schal zu Boden werfend, spräche: „Dies ist es wahrlich nicht, dies hab ich nicht gemeint, dies nicht.“ Aus Fragmentation wird also Reduktion, ein Ich, ganz aus der Zeit gefallen, da es das Verführerische eines aufschiebenden Zeitbegriffs zu nutzen sucht, um dem Mantra des Selbstzweifels und der Empfindungslast der Sinnlosigkeit zu entgehen. Nicht Hamlet sein zu müssen und auch nicht Narr.

„Nein! Ich bin kein Prinz Hamlet, nicht dazu bestimmt;
Spiel eine Nebencharge, treib die Hoffnung an,
beginne ein, zwei Szenen, rate dann
dem Prinzen; ein willfähriges Werkzeug, starr
vor Ehrfurcht, hocherfreut, wenn oft benutzt,
weltklug, vorsichtig und schächerlich;
voll großer Worte, doch auch dumm-verdutzt;
zuzeiten, in der Tat, fast lächerlich –
zuzeiten fast ein Narr.“

Es ist noch Zeit, Zeit
„Dich zu wappnen gegen jedes Antlitz, das dich streift;
Es ist noch Zeit für Zeugung, Mord und Zeit
für Werke und Tage der Hand, die sich erhebt,

und eine Frage auf den Teller schneit;
Zeit ist dir und mir bestimmt,
Zeit für hundert Unentschlosenheiten
und für Visionen und Verdrossenheiten,
bevor man Toast und Tee dann zu sich nimmt.“

Jedoch, die Spiegel sind blind. Man sieht sich nicht, und wenn, dann nur verzerrt, unter dem Diktum abfälliger Fremdurteile, unter abschätzigen Augen, aufgespießt wie ein Insekt nach seiner Vivisektion. Und was man von den Anderen sieht, sind Abziehbilder einer Liebe, bloße Gesten, ein bißchen Haut, ein bißchen Haar. Das was man sieht, sind Chimären ohne seelische oder körperliche Attribute: kein Du, nie, nicht. Kein Ich, nie, nicht.
„And when I am formulated, sprawling on a pin,
when I am pinned and wriggling on the wall,
then how should I begin to spit the butt-ends of my days and ways?
And how should I presume?“

Ein Liebeslied, dem das liebende Gegenüber abhanden gekommen ist und die eigene  Liebesfähigkeit auch. Das Liebeswerben um ein Du, das im Vorgriff seines erwartbaren Scheiterns scheitert. Circulus vitiosus. Stillstand. Was bleibt?
Die imaginierte Rückkehr zu den Wassern, dem Uterus des Lebens. Die Abkehr von menschlichen Unzuänglichkeiten und die Hinwendung zu bloßen animalischen Funktionalitäten. „Besser stünden mir ein Paar gezackter Klauen, hinhuschend auf dem Grunde stiller Meere.“  Aber dieser Eskapismus ins Animalische scheitert. Das lustvolle und sirenenhafte Verführerische der Meermädchen bleibt unerfüllte Lockung. „I have heard the mermaids singing, each to each. I Do not think that they will sing to me.“ Prufrock ist gefangen im Hamsterrad seines verunmöglichten sinnlichen Begehrens. Seine Versuche willkommener Teilnahme am modernen gesellschaftlichen Treiben sind auf Sand gebaut. Die Flucht in die Metaphorik und die Metonymien eines symbolisch aufgeladenen, idealisierten Lebens ist vergeblich. „In Meergewölben ward uns Aufenthalt. Bei Meermädchen, in rotbraunen Seetangs Winken, bis Menschenlaut uns weckt, und wir ertrinken.“

 

Was bleibt am Ende? Es bleibt, was schon in der Mitte des Poems als Quintessenz des existentiellen Scheiterns in einer unnachahmlichen Metapher aufgezeigt wird: „I measured out my life with coffee spoons“. Als Peripetie bezeichnet man ein Umschlagen des Glücks/Unglücks oder den entscheidenden Wendepunkt im Schicksal eines Menschen. „The Lovesong of J. Alfred Prufrock“ bietet keine Aussicht auf diesen Umschlag. Es gab sie von Beginn des Gedichts an nicht.  Prufrocks Dilemmata sind ausweglos. Er wird keinen Pfirsich mehr verzehren. Und seine Haare nicht mehr scheiteln, um seine Blöße zu bedecken. Er wird am blauen Meer wandern, in weißen Flanellhosen, mit dünnen Beinen und Armen, weil das dem Alter wohl geziemt, bevor es ganz verblasst und untergeht.

 

(Die Passagen der deutschen Übersetzungen meines Lieblingsgedichts stammen von Klaus Günther Just)

Hier nun ein Rezitat von „The Lovesong of J. Alfred Prufrock, von T.S. Eliot selbst vorgetragen.

Kategorien:Lyrik, T.S. EliotSchlagwörter: , , ,

9 comments

  1. Tja, die Fragmentierung und der Zerfall des Ichs, den sich Eliot selbst attestiert, ist das nicht ein früher Vorbote des Dekonstruktivismus, der dann in 80iger und 90iger Jahren seinen narzisstisch-masochistischen Höhepunkt findet? Marx hätte das als Entfremdung bezeichnet, jene „alienation“, die zu sehen Eliot doch wohl zu egozentrisch war.
    Für meinen Geschmack ist Eliot zu negativ, zu leidend, zu sehr in sein eigenes Ego verstrickt. Aber über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten …
    Ganz liebe Grüße von der sonnigen Küste Norfolks
    Klausbernd und seinen liebklugen Buchfeen Siri und Selma

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    • Die Dekonstruktion ist in erster Linie eine Methode, keine philosophische Haltung oder gar Philosophie. Seine Methodik arbeitet sich an Texten ab, natürlich auch an philosophischen, vornehmlich aber, in seiner amerikanischen Variante, an literarischen Texten. In Deutschland zumindest kann man nicht von masochistischen Höhepunkten dieser Methode sprechen. Der Dekonstruktivismus führt in deutschen philosophischen und philologischen Lehranstalten ein Dasein als Waise. Die Fragmentierung des Ichs wäre dann etwas, was die Dekonstruktion als historizierende Floskel begreifen würde, als literarischen Topos, durch dessen durch dekonstruierende Lektüre freigelegte Tiefenschichten hindurch ein anderes Motiv hindurch schimmert: Die verdeckte Sehnsucht nach der Vollständigkeit des Individuums, wie sie in Zeiten der Aufklärung als Ideal galt. Aber das ist nur eine Vermutung. Derrida können wir danach nicht mehr fragen. Aber er hätte den „Lovesong“ gegen den Strich gelesen, gegen meinen und auch gegen deinen🙂

      Liebe Grüße aus dem herbstlichen Freiburg

      Achim

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      • Lieber Achim,
        huch, jetzt hatte ich dir so fein an Derrida angelehnt geantwortet und weg ist es. Blödes WordPress😦
        Jetzt mach ich es völlig frustriert ganz kurz. Ich trieb mich in den 80iger und 90iger Jahren an amerikanischen und englischen Unis herum und da gehörte eine dekonstruierende Haltung zum guten Ton, sie war quasi Lebensstil (wie in meiner Studentenzeit das strukturale Denken).
        T.S. Eliot dekonstruktivistisch gelesen, zeigt die pathetischen Leiden des sich überbewertenden Individuums im Spätkapitalismus, wenn ich das mal so boshaft formulieren darf. Angesichts der atemberaubenden gesellschaftlichen Unwichtigkeit wird die Flucht ins Subjektive bzw. Private gewählt, da hochgejubelt wird. In etwa so.
        Ich lese aus deinem Text heraus, dass du Eliot liebst, ich nicht und so rationalisieren wir wahrscheinlich klügelnd beide, um unseren Geschmack zu rechtfertigen😉
        Ganz liebe Grüße dir – und übrigens toll, endlich mal ein Blog, wo man sich kritisch auseinandersetzen kann, was ja extrem rar ist. Ich finde das vorbildlich, wie du eine intellektuelle Atmosphäre schaffst, bei der Kritik nicht abgetrieben wird. Große Hochachtung!
        Klausbernd
        Hab eine feine Woche!

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        • Lieber Klausbernd,

          eine verspätete Antwort, ich weiß. Die Zeit, die Zeit. Ich habe mich tatsächlich sehr lange mit T.S. Eliot beschäftigt und mein rezeptives Verhältnis zu ihm ist und bleibt zwiegespalten. Allein wenn ich sein Verhältnis zu Ezra Pound zu bewerten habe, der als eine Art Geburtshelfer für Eliot’s „The Waste Land“ gilt, beschleicht mich mehr als nur ein heftiges Grummeln in der Magengegend. Pound’s Nähe zur Ideologie des Faschismus kann ich nicht einfach negieren, wenn es um den ästhetischen Genuss seiner und der Lyrik Eliots geht. „The Lovesong of J.Alfred Prufrock“ schrieb Eliot als ganz junger Mann, noch in USA. Vielleicht ist dieser Umstand der wirkliche Grund für meine Begeisterung und alles was danach kam, alles was Eliot danach schrieb, hat sich einer Form der Kritik zu unterwerfen, die das Leben des Schriftstellers gerade nicht von seiner Kunst
          trennen mag.

          Liebe Grüße aus Freiburg an dich und die lieblichen Buchfeen.

          Achim

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          • Ja, lieber Achim, es ist vielleicht bei mir diese Verbindung von Pound und Eliot und den Faschismus, die mich Eliot und Pound eher negativ betrachten lässt.
            Ganz liebe Grüße von Norfolks Küste nach Freiburg
            Klausbernd und seine liebliche Buchfeen Siri und Selma, die sich übrigens über dein Adjektiv „lieblich“ für sie sehr gefreut haben🙂🙂

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  2. Hallo,

    ich bin über ein Buch, welches ich gerade lese, auf den das Gedicht „Das Liebeslied des J. Alfred Prufrock“ von T. S. Eliot aufmerksam geworden. Auf der Suche nach einer vollständigen Übersetzung bin ich auf deiner Seite gelandet.

    Wäre es vielleicht möglich, dass vollständige Gedicht hier reinzustellen?

    Ansonsten habe ich lediglich eine Übersetzung im Internet von Andrea Heil gefunden. Es erscheint mir jedoch ein wenig holperig.

    Vielen Dank und lieben Gruß
    Nina

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  3. Hallo Achim,

    vielen Dank für die Info. Da werde ich mal in der Bibliothek vorbeischauen. Ja, im Internet hatte ich leider auch nichts weiter gefunden.

    Sonnige Grüße
    Nina

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  4. Hat dies auf DUNKELROT Blog rebloggt und kommentierte:
    the classic, classic, classic one.

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