Schwarze Galle


Dürer_Melancholia

Albrecht Dürer – Melancholie

Der Herbst naht.  Und mit ihm die Jahreszeit, in der die Funktionstüchtigkeiten meines Muskelkorsetts und meiner Sehnen erschlaffen. Meine Blicke sind nicht mehr viril. Sie richten sich nicht mehr nach außen, auf Sonne etwa, oder Licht oder den ganzen Abglanz der körperlichen Reizkultur. Der Abschied vom Sommer doppelt meine Myopie. Sie wird ergänzt durch willentliche Kurzsichtigkeit, durch Reiz – und Triebabwehr und durch das bewußte Verschatten der Lust, sich die Welt durch reges Tun und mutwilliges Locken untertan zu machen. Es naht die Nachtblindheit am hellichten Tag. Es naht die Melancholie.

Man wird nun einwenden wollen, dass hier die bloßen Kräfte der Evolution am Werk seien, dass das Diktat der Gene und der Hormone sein seelenloses Spielchen treibe. Jedoch handelt es sich hier nicht um das Überfließen schwarzer Galle in mein Blut. Insofern verweise ich die Viersäftelehre in das Reich  antiker hippokratischer Fabeln. Ich behaupte, dass die Melancholie als historisch komplexe medizinisch-psychologische Begrifflichkeit nicht weiß, in welcher Art Dienst sie bei mir steht. Und damit einher geht, dass ich sie mir als Begriff lediglich ausleihe, um mein eigenes Süppchen ihrer Fassbarkeit, nach eigenem individuellen Rezept, zu kochen. Sie dient mir als Vehikel der Behauptung, dass sie fleischgewordenes Gefühl ist, ex motis, also aus einer Bewegung oder Erregung heraus erwachsen.  Und sie hilft mir dabei, mich von der Gretchenfrage zu lösen, ob ich männlichen Geschlechtes BIN oder nur Zeitzeuge kultureller Zuweisungen meiner Geschlechterrrolle als MANN. Ich mache es mir hübsch einfach und konstatiere: Ich bin MELANCHOLIKER nach Maßgabe dessen, für was meine männlichen oder weiblichen Anteile die Melancholie halten.

Sigmund Freud hat folgendermaßen versucht, die Melancholie in seinem Kaleidoskop der Psyche zu verorten:  „Die Melancholie ist seelisch ausgezeichnet durch eine tiefe schmerzliche Verstimmung, eine Aufhebung des Interesses für die Außenwelt, durch den Verlust der Liebesfähigkeit, durch die Hemmung jeder Leistung und die Herabsetzung des Selbstgefühls, die sich in Selbstvorwürfen und Selbstbeschimpfungen äußert und bis zur wahnhaften Erwartung der Strafe steigert.“  Und an diesem Punkt ist es an der Zeit, die Melancholie aus ihrem freudschen Spinnennetz zu befreien, in dem sie sich hoffnungslos verheddert hat. Sie sozusagen mit diametralen Symbolgehalten aufzuladen und für mich nutzbar zu machen.

Arnold_Böcklin_Die Toteninsel

Arnold Böcklin – Die Toteninsel

Denn einen Nutzen hat sie für mich allemal. Weder steht sie bei mir in inzestiöser Nähe zur Depression, noch unter dem Verdacht der Nähe zur Niedergeschlagenheit. Sie ist nicht der Bärenschlaf im Winter. Auch der Lebenslust erweist sie keinen Bärendienst.  Sie ist all das, wonach im Herbst meine Sinne und Gefühle lauthals rufen: Sie rufen sie herbei als Okular und Brennglas, unter deren zugeschärften Blicken sich die Innenwelt der Außenwelt, und vice versa, auftun als das zu befahrende Meer der vorletzten Geheimnisse meiner  bescheidenen Existenz. Mit jedem Schritt aus dem Allgemeinen dieser Existenz hinaus hilft sie mir dabei, kein Ding nur unter dem Aspekt der Ewigkeit zu begreifen. Stattdessen nimmt sie mich an die Hand, um in fortwährenden Gesprächen mit mir selbst und anderen mich auszutauschen über individuelle Vorstellungen und gesellschaftliche Ziele.  Sie hilft mir dabei,  „Wittgensteins Sprachspiele“ zu spielen, in denen „Alles“ einen Sinn hat, sofern er nur konsensuell ist.. Das alles ist weit entfernt von Freud’s schmerzlicher Verstimmtheit, dem Verlust der Liebesfähigkeit und weit entfernt von der Hemmung jeder Art von Leistungsfähigkeit.

Burton_melancholie

Robert Burton – Anatomy of Melancholy

Michel Foucault sagte einmal, dass jeder Mensch ein Leben führe,  in dem er seine Welt unausgesetzt interpretiert. Ich interpretiere die Melancholie als psychische Instanz, die aus meinen Emotionen Gefühle macht. Gefühle, die sich aus geistigen Bewertungsprozessen zusammensetzen. Gefühle, die mir die Freiheit geben, Vorstellungen auszulösen, die so komplex sind, dass sie weder von der Psychologie, noch von der Hirnforschung wissenschaftlich dingfest gemacht werden können. Die Melancholie ist nicht der Feind der Sozialkompetenz und auch nicht das Menetekel, das drohend über kreativen Schaffensprozessen hängt  und sie zum Versiegen bringt.  Sie wurde einfach nur falsch interpretiert. In dunklen Monaten richtet sich mein Blick nach innen. Von einer Aufhebung des Interesses an der Außenwelt kann dabei aber keine Rede sein. Vielmehr erfährt die Welt dort draußen in mir den notwendigen subjektiven Anstrich: Interpretation. Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt. Im Konsens, wenn irgendmöglich, da man Pippi Langstrumpf Welten auch mal entwachsen muss.

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9 comments

  1. Kann denn Welt je etwas anders als Interpretation sein? Die subjektive Deutung eines Zeichens, die, zum Glück, auch jederzeit wieder umgedeutet werden kann. Ist der Herbst denn deutungsschwangerer als der Sommer? Wenn ich darüber nachdenke, hast du recht. Es ist mir zuvor nie aufgefallen, dass auch ich die hehre Kunst der Kopfhängerei, die nicht der Depression verwandt ist, mit dem schwindenden Licht mehr pflege und genieße.
    Liebe Grüße nach Freiburg vom sonnig warmen Cley
    Klausbernd

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    • Das ist ja die Gretchenfrage der Philosophiegeschichte, lieber Klausbernd. Objektive Wahrheit oder subjektive Interpretation. Realismus gegen Nominalismus.Der Universalienstreit. Alles dreht sich doch immer noch darum. Meine Entscheidung steht ja fest, ich hoffe doch, dass sie in diesem Beitrag offenkundig geworden ist. Philosophie ist immer SOZIALE Praxis. Richard Rorty, ganz der Pragmatiker der er war, würde sagen: Lieber Achim, lieber Klausbernd: Hauptsache Konsens in der begrifflichen Fassung der Melancholie. Und weiter: Hauptsache ist, dass Melancholie uns weiterbringt im Bemühen um das Verständnis von Welt. (Ich hoffe, er hätte es gesagt, wenn er noch unter uns wäre). Und jetzt noch einen Anti-Goethe: Mehr Dunkelheit🙂
      Viel Freude beim Denken in „schwindendem Licht“
      und liebe Grüße aus Freiburg nach Cley

      Achim

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      • Guten Morgen und herzlichen Dank, lieber Achim, für Deine Antwort🙂
        Wenn du schreibst „Philosophie ist immer SOZIALE Praxis“, gebe ich dir und Rorty völlig recht, es kommt auf das gegenseitige Verstehen an und das verständliche Kommunizieren seines Verständnisses der Welt. Und dann kommt`s doch oft zur freudigen Erkenntnis, dass man nämlich in seiner Interpretation der Welt gar nicht alleine dasteht.
        Ganz liebe Grüße vom sonnigen Meer, aber trotz Sonnenscheins liegt nun der Herbst deutlich in der Luft
        Klausbernd🙂

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  2. Ich denke, spätestens seit Freud haben sich die Begrifflichkeiten, mit denen menschliches Innenleben belegt wird, doch deutlich verändert. Was Freud noch Melancholie nennt ist heute Depression. Der Unterschied liegt für mich in der ironischen Distanz, die Melancholie im Blick auf das Selbst immer noch erlaubt, während Depression vor diese, manchmal Leben rettende Hintertür einen schweren Riegel schiebt. Aber letzten Endes ist das natürlich auch nur Interpretation..;-)

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    • Über das menschliche Innenleben wissen wir wohl immer noch viel zu wenig. Andererseits warte ich nicht begierig darauf, dass die Neurowissenschaft uns über die „letzten“ Ursache-Wirkungsverhältnisse der Entstehung einer Emotion ins Bild gesetzt haben wird. Bis dahin halte ich es mit der Interpretation🙂

      Liebe Grüße

      Achim

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  3. Danke für das Teilhaben an deinen Gedanken im schwinden Licht, lieber Achim. Den Austausch finde ich hochklassig.
    Weltschmerz als tiefe Traurigkeit über die Unzulänglichkeit der Welt, ganz wunderbar interpretiert.

    „Nur sein Auge sah alle die tausend Qualen der Menschen bei ihren Untergängen. Diesen Weltschmerz kann er, so zu sagen, nur aushalten durch den Anblick der Seligkeit, die nachher vergütet.“
    – Jean Paul: Selina oder über die Unsterblichkeit

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  4. was für ein feiner Artikel, lieber Achim und was für ein feiner Kommentarstrang, eijei, da gibt es doch letztlich gar nichts mehr hinzuzufügen … ich mag den Weg nach Innen, ich mag die Stille nach diesen bewegten Wochen … Immer nur Sturm und Drang? Nein, danke … und ich mag es sehr mit den Zeiten zu fließen-

    herzliche Grüße ins Tal
    Ulli – ab übermorgen auf Wanderschaft- denn noch ist Spätsommer und dieser lockt mich in jedem Jahr sehr😉

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