Wartezimmer


Alles entscheidet sich hier und es zeigt sich, wenn der Strudel die Metapher des klärenden Verstehens ist, daß nach dem Versinken seines Opfers keine Fragen mehr offen sind. Die Männer im Wartezimmer blättern gehetzt durch die Illustrierte. Sie sind die Raubtiere vor der Fütterung. Ihre Rastlosigkeit ist zirkulär. Ihr Sitzen ein Wiegeschritt der Unbequemlichkeit. Krankheit ist das ihnen nicht Gemäße. Sie rücken immer in die vorderen Linien der Schlacht, sind bindungslos zum Schönen, nur interessiert an Bildern, am Ein-Eindeutigen. Bilder, die nichts erzählen vom Darüberhinaus dessen, was sie abbilden. Das Leben dieser Männer will kein Mitglied sein irgendeiner Illusion oder Phantasie, oder einer Nachdenklichkeit, einer Besinnlichkeit. Innehalten ist ihre Metapher für den Stillstand ihrer Lebensbezüge, es ist der Tod, der sie schreckt und daran hindert, nach dem Strohhalm des Lebens zu greifen. Sie werfen sich in den Strudel, gehen unter und verstanden nichts.

Die Frauen im Wartezimmer klammern sich an Liebe. Sie lesen. Das Buch ist nicht diese Liebe, aber im Lesen erreichen sie die Betriebstemperatur der Liebe. Diese lockt und verspricht. Sie sitzen bequem, atmen sacht und ihre Konzentration ist legendär. Am umblätternden Geräusch der Seiten erhört man die Stufen der Ernsthaftigkeit, mit der sie lieben, schnell oder gemählich. Die Männer blättern ein Buch aus. Liebe ist für sie nie zu Ende kommend, das schreckt. Der Aufruf des Arztes lässt sie hochschnellen. Sie sind froh, wieder draußen zu sein, wohin man sie ruft, sie lenkt und heilt. Es ist immer etwas von der unzuversichtlichen Schneide des Messers dabei, Zahl oder Kopf, gesund oder ungesund, vorrübergehend oder dauerhaft. Keinen Blicken ausgesetzt, außer dem Blick des Stethoskop, mit diesem können sie umgehen, es ist der kalte Stahl, der nichts von ihnen will, der nicht spricht, sondern verspricht: Chance zur Heilung oder auch nicht. Und führen ihre Schlachten weiter.

Ich bleibe im Wartezimmer zurück. Nicht Mann, nicht Frau. Ich lese ein Buch, ich möchte lieben, aber das Lesen verhindert beides: Liebe und Leben. Ich blättere nicht um, ich liebe die Stagnation, die Kontemplation. Mann und Frau in mir häuten mich zu einem Neutrum. Ein Neutrum fürchtet keine Nacktheit. Liebe ist unerheblich, wie die Gesundheit oder Krankheit. Der Blick der Ärzte geht wie Röntgenstrahlen durch mich hindurch. Aber ich bin gewappnet. „Ich seh den Salamander durch jedes Feuer gehen, kein Schauer jagt ihn und es schmerzt ihn nichts“. Erklär mir, Liebe.

Kategorien:GedankenSchlagwörter: ,

6 comments

  1. ein gefällt mir genügt da nicht. poetisch, intelligent. fast als hätte jemand wirklich die liebe erklärt.

    Gefällt mir

  2. I. Bachmann wäre erfreut. Echt fein geschrieben.

    Gefällt mir

  3. ein Text, lieber Achim, den ich gerne wieder und wieder lese – vielen Dank

    herzliche Grüße Ulli

    Gefällt mir

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: