Das Meer, das Meer; The Sea, The Sea


Iris Murdoch Das Meer, das Meer

Iris Murdoch Das Meer, das Meer

„Wenn sich etwas aus den Tiefen der Vergangenheit lebendig und unversehrt den Weg nach oben bricht, hat man immer etwas den Eindruck, als rieche es ganz schwach nach Feuer und Schwefel.“ (Iris Murdoch, aus: The Sea, the Sea)

Das Meer ist die stoffliche Repräsentation des  Gefühls, welches sich zur Freiheit bekennt und erhebt. Eine sedierte, ausgedehnte und schwärmerische Freiheit, wenn sie sich an briselosen Tagen in der schieren Schönheit der glatten, glänzenden Oberfläche des Meeres spiegelt. Oder auftretend als monströser, barbarischer Freiheitsakt, nachempfunden dem revoltierenden Kampf der See gegen die Sturmbesessenheit und das Berserkertum der Winde.

Wir sitzen am Ufer einer halluzinierten Wartehalle,  zwischen den Stühlen der Tatsachenberichte des Lebens an Land und den Verheißungen einer prinzipiellen Offenheit des eigenen Schicksals.  Und doch ist das Meer und die Nähe zu ihm als  seelenheilende Trutz- und Fluchtburg nur spärlich tauglich. Denn die See verhindert in keiner Weise die stete Wiederkehr traumatischer Vergangenheiten. An dieses Leben davor knüpft sofort die Erinnerungswut an. Alle  Desaster des Liebeslebens, alle Traumfiguren rachegetriebener Geliebter und Geliebten, der ganze Verrat an der Idee der Liebe selbst und all die Intrigen, die man spinnt, um den Liebespartnerwechsel zu befeuern und sakrosankt zu machen vor sich selbst. Geben wir es zu, dies sind die Füllhörner unserer Erinnerungen, mit diesen speisen wir am reichgedeckten Picknicktisch, wenn wir am Strand, geduckt in den Dünen, Lebensbilanz ziehen, mit dem sehnsüchtigen Blick hin zum Meer. Als könnte dieses unser Beichtbedürfnis entgegennehmen wie eine Opfergabe und uns die Illusion schenken, dass es sich an seinem Gestade von nun an sündenfrei leben lässt. Ein bißchen Todesehnsucht spielt da mit und die gleichzeitige Erleichterung darüber, dass die See dem Tod vielleicht den Stachel rauben könnte. Das Verhältnis zur See ist unbedingt vergleichbar mit der Paarbeziehung Proband und Psychoanalyse: Ich frage und bin gehalten, mir die Antworten selbst zu geben, bis sich die traummagische Maschinerie der Verdrängungen von selbst erhellt. „Die Meditierer, die den psychologisierenden Städten den Rücken kehren, wissen um so besser, warum sie hinaus wollen aufs Meer oder in die Wüste.“ (aus Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage).

Das Meer und die Einsamkeit. Ein weiterer Topos meiner inneren Disposition. Mathematiker haben ermittelt, dass zwei beliebig voneinander entfernt Lebende auf der Erde über maximal sechs Zwischenschritte einen gemeinsamen Bekannten entdecken könnten. Mit diesem Umstand, den ich als statistischen Anschlag auf mein Ruhebedürfnis empfinde, lässt sich in der Sichtweite des Meeres entspannt leben.

Jules Michelet Das Meer

Jules Michelet Das Meer

Das Meer ist die Horizontgrenze. Weiter hinaus ist eine Flucht aus den moralischen Dilemmeta und Untiefen unmöglich. Doch fehlt mir die Chuzpe, mich als Anna Karenina des Wassergangs zu gebärden. Was als Empfindung wässriger Freiheit zum Tode sich dünkt, schlägt schnell um und ist bei Licht betrachtet nur die Herausforderung, sich einmal mit der Vorstellung des Übergangs alles Fleischlichen in den Status einer gerichtsmedizinisch nicht mehr feststellbaren Wasserleichenidentität zu beschäftigen. Sofern ich es nämlich wagen sollte, die friedlich schimmernde Verheißungsoberfläche des Meeres nach unten zu durchbrechen. Dorthin, wo man glaubt, noch mehr Entgrenzung, noch mehr Verzauberung und noch mehr Mystik des Ineinsfallen mit der Biosphäre aufzufinden. Fest an der Seite der Freiheit gebiert die See auch Ungeheuer, die sich als Grenzerfahrung manifestieren, sei es durch eingebildete Hoffnungen ewigen Lebens, sei es als medusaähnliche Wiederkehr mythischer Relikte des kollektiven Unbewußten. Das Meer und das Unterbewußte gebären solche Monster. Und hierbei ist die Rationalität als denkerische Entzauberung der mystischen Schreckensparanoia keine große Hilfe. Ganz bei sich selbst zu sein, von diesem Furor der Sehnsucht aus betrachtet, sind das Meer und das Unterbewußtsein verführerisch schenkende Geschwister der ganzen Wahrheit über mich selbst.

Dem Meer entstammte die Idee des materiellen Menschseins. Die Idee vom Menschen lag auf dem Meeresboden und diesem Ursprung huldigen wir noch heute mit den 70 Prozent unseres Erbguts, das wir mit Meeresschwämmen gemeinsam haben. Seherisch begabte Zungen behaupten überdies, dass Platon väterlicherseits von Poseidon abstammte. Ein passgenaues Bild, zeigt es doch im weiteren Verlauf der Philosophiegeschichte den Übergang der reinen Ideenlehre in die Niederungen der Beschäftigung mit dem materialistischen Daseinskampf. In diesem halten wir uns, talentiert wie triebgesteuert, bis heute über „Wasser“. Und doch wollen wir zurück zu diesen Wassern, zurück zur Ursuppe unserer Existenz. Wir sind subbewußt besessen von der Umkehrung der Ontogenese. Im Meer liegt der Ursprung der Phylogenese. Wir werden mit den Meeresschwämmen schwimmen gehen, irgendwann.

Ernest Hemingway The old Man and the Sea

Ernest Hemingway The old Man and the Sea

Aber noch bleibe ich gerne in den Mysterien der Ufer gefangen, als mich dem auszusetzen, was man das existentielle Oder nennen kann: Schwimmen und Untergehen. Da sitze ich lieber und sinne und doppele das Rauschen des Meeres im Ohrgang einer Muschel. Das Meer als Urbild der Anfang-Ende Szenerien. Paläontologisch sowieso und als schönes Triptychon des Ontologischen erst recht: Werden-Sein-Vergehen. Es spendet aber auch den Trost imaginierter Ewigkeit, da sich mit ihm alles zeitlos verbindet, sofern man es schafft, zeitig wieder am Ufer zurück zu sein. Und dies in anderer Form als auf gestrandeten und zur Seite gekippter Kreuzfahrtschiffe. Denn die Reise auf diesen geht allenfalls als postmoderne Satire der Liebe zum Meer durch.

Wir haben immer eine Wahl: Der Circe in die verwandelnden Hände zu fallen oder der Sirene, vornehmlich in ihren lautmalerischen Auftritten als Nebelhorn. Das Meer ist der Sack, in den wir im Zuge eines Ablasshandels unsere Sünden stopfen und eins erhoffen: Über allen Wellenkämmen ist Ruh‘.

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13 comments

  1. bei all dem, was du bennenst, lieber Achim, fehlt noch der stetige Wandel von dem das Meer uns spricht. Keine Sekunde ist es der selbe Strand, keine Sekunde die selbe Welle, das selbe Tal …

    liebe Grüße und ein freudiges neues Jahr
    Ulli

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  2. Sehr tiefsinnige Gedanken zum Jahresbeginn. Aus der Ferne und ganz nah am unruhigen Meer bin ich froh, dich zu lesen zu können – und dass die kleine Circe jetzt unterm Apfelbaum seelig Winterschlaf hält.
    Sei lieb gegrüßt!
    Hanne

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    • Hallo Hanne,

      Circe unterm Apfelbaum. Dieser gehört sicher zu einem schönen Garten. Der Garten ist ja so etwas wie der Inbegriff der domestizierten Natur🙂 Ob sich Circe aber je domestizieren lässt? Fragen über Fragen.Oder liegt sie gerade unter Schnee begraben? Dann ist sie im Frühling bestimmt wieder auf Odysseus-Fang🙂

      Liebe Grüße

      Achim

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      • Circe liegt und träumt von Schweine direkt unter, nein, nicht Schnee bei 12° C, sondern meinem Fenster zur Linken. Das ist vorm Tor zum eigentlichen Garten und der ist wirklich schön, nur leicht domestiziert, typical english, ein Wohlfühlgarten halt.
        Lovely Lavender ist ein Begriff in Norfolk, hier wächst überall Lavendel und in Rhu Sila’s Garten viele Sorten davon. Wer den betörenden Duft der englischen Teerose kennengelernt hat, weißt warum der englische Gärtner eine Vorliebe für Duftrosen hat, komm mal im Sommer auf einer Schnuppertour vorbei…🙂

        Liebe Grüße
        Hanne

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  3. Lieber Achim,
    da haben wir doch einen ähnlichen Geschmack. Auch ich finde das Wasser und besonders das Meer in seiner Widersprüchlichkeit anziehend. Als ich nach Europa zurückzog nach langen Jahren in Amerika und Asien war eines klar, ich wollte am Meer leben.
    Hier noch einige Anmerkungen zur Symbolik des Wassers: Als elementares Symbol besitzt Wasser eine ambivalente Bedeutung: Es ist Leben wie auch Tod, heilend und reinigend wie auch verschlingend. Wasser gilt als Element der Auflösung und der Vernichtung. Wasser wird in allen Kulturkreisen als ursprüngliche, erhaltende und lebensspendende Kraft betrachtet. Die reinigende und heilende Kraft des Wassers hat viele rituelle Praktiken und Anwendungen hervorgebracht, von denen in unseren Kulturbereich die des Pfarrers Kneipp am bekanntesten ist. Ein Großteil der Menschen lebt am Wasser (in Küstennähe, an Flüssen oder Seen) und so verwundert es nicht, dass an den großen Strömen der Welt die Wiege unserer Kulturen liegt. Der Rhythmus des Wassers – Überschwemmung und Trockenheit – symbolisierte seit eh Lebens- wie jahreszeitliche Zyklen. Die Abgrenzung zum Jenseits oder der Anderswelt (am anderen Ufer) stellt auch das Wasser häufig dar. Aber Wasser verbindet auch die Dinge in der Welt miteinander und ist somit auch ein Symbol der Kommunikation. Es hat mit Reinigung und Verwandlung zu tun und verkörpert die Kraft des Weichen und Nachgiebigen. Wasser ist ja das beweglichste und am häufigsten vorkommende Molekül auf der Oberfläche unseres Planeten. Es existiert in jedem erdenklichen Aggregatszustand.
    Wasser wurde von dem deutschen Naturwissenschaftler und Philosophen Viktor Schauberger (1885-1958) „das Blut der Erde“ genannt.
    Wasser kann Träger der erneuernden Lebensenergie sein (Jungbrunnen). Daran knüpft die Tradition der Taufe an. Ferner trennt das Wasser die Liebenden voneinander wie z.B. im Volkslied der beiden Königskinder, die das tiefe Wasser trennt.
    Historisch wurde das Wasser so lange als abstoßend und gefährlich gesehen, bis im 18. Jh. Dichter und Maler sich dieses Elements annahmen. Sie schufen – speziell in der Romantik – das positive Bild vom Wasser, wodurch Wasser zu einem Ort der Freude, Selbstentfaltung und Entspannung werden konnte. Einer der einflussreichsten Produzenten des positiven Bilds vom Wasser war Capar David Friedrich.
    Unter den vielen Göttinnen des Wassers sind besonders Amphitrite, eine griechische Göttin, die bei Seenot angerufen wird, um die Wellen zu beruhigen und Aphrodite / Venus zu nennen, die aus dem Schaum des Wassers geboren wurde. Ihre nördliche Kollegin Branwen, die „Venus der Nordsee“ genannt wurde und die ebenfalls keltische Göttin Brigantia (eine Flussgöttin) sind ebenfalls Verkörperungen des Wasserelements. Auffällig ist die große Anzahl der Wassergöttinnen bei den Kelten, zu ihnen gehören Boann (Flussgöttin, Coalainn (die eine heilkräftige Quelle beschützt), Keridwen (die auch als Mondgöttin verehrt wurde), Su oder Sulla (eine Göttin der warmen Quellen) und Tamesis, von der sich der Name der Themse ableitet. Der keltische Gott des Wassers ist Dylan, der Meeresgott. Die Griechen verehrten und fürchteten Aegir und Poseidon als Gebieter über Wassers und Wellen.
    Nach dem mesopotamischen Schöpfungsbericht Enuma Elisch entsteht die Welt aus der Verbindung von Süß- mit Salzwasser. In der Babylonischen Sprache klingen die Wörter für „Wasser“ und „Samen“ ähnlich.
    Die Mystikerin Teresa von Avila schreibt in ihrem Werk „Die innere Burg“: „Ich finde nichts, was zur Erklärung mancher geistiger Dinge geeigneter wäre als eben das Wasser …“. Immer wenn es um geistige bzw. göttliche Erfahrung geht, benutzt sie die Metaphorik des Wassers.
    Islam: Das Wasser ist das Sinnbild des Lebens und der Verheißung des Paradieses, deswegen finden sich in den Höfen der Moscheen Wasserbecken.
    Im Märchen symbolisiert das Wasser oftmals die Grenze vom Diesseits zum Jenseits.
    Der zeitgenössische deutsche Autor John von Düffel veröffentlichte im Jahr 2001 seinen Roman „Vom Wasser“, in dem das Wasser das Thema ist, das die Geschichte einer deutschen Papierfabrikantenfamilie zusammen hält. Hier wird über die Erbarmungslosigkeit des Wassers geredet, das zum Herrn über Leben, Reichtum und Tod wird, und besonders wird die sinnliche Erfahrung des Wassers – sein Geruch, seine Farben und seine Geräusche – anschaulich dargestellt. Das Wasser ist in diesem Roman das ewig Bleibende, die Menschen dagegen kommen und gehen.
    Eine tiefsinnige Novelle über das Wasser wurde zum Hauptwerk des kirgisischen Autors Tschingis Aitmatow mit dem Titel „Scheckiger Hund, der am Meer entlangläuft“ (erste deutsche Veröffentlichung 1980).
    1980 veröffentlichte der russische Regisseur Baba Annanow seinen viel beachteten Film „Wasser des Lebens“. In diesem Film steht der Brunnenbau in einem turkmenischen Dorf im Vordergrund. Das durch den Brunnen gewonnene Wasser ist die Lebensgrundlage der Menschen dort. 1987 kam ein Film des gleichen Titels von dem Regisseur Ivan Balada heraus, der das gleichnamige Märchen der Gebrüder Grimm verfilmte. In ihm findet der jüngste Sohn das Wasser, womit er seine Welt erlöst. 2004 war „Ganges – Fluss zum Himmel“ von Gayle Ferraro ein Kinoerfolg. Dort wird Indiens heiliger Fluss als Göttin geschildert, die ewigen Frieden schenkt. Es ist der Fluss, an dem man stirbt, um seine letzte Ruhe zu finden.
    Das sind nur ein paar Anmerkungen zum Wasser, die ich – als „Wassermensch“ – über die Jahre sammelte.
    Ganz liebe Grüße dir vom Meer
    Klausbernd
    Und vielen Dank an die emsige Buchfee Siri, die diesen Text aus meinen Aufzeichnungen und meinem Symbollexikon zusammengestellt hat. Und besonders dir herzlichen Dank für deine tiefsinnigen Reflexionen zum Meer.

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    • Hallo Klausbernd,

      an diesem Kommentar werde ich mich eine ganze Zeit lang abmühen müssen, um mir die Symboliken des Wassers und seiner Repräsentatoren tief ins Gedächtnis sinken zu lassen. Das Meer als Topos in Mythen, Kunstwerken, Literatur und Filmen. Es ist wohl als Stichwortgeber von Gedanken in jedem dieser „Genres“ ein willkommenes Darstellungsobjekt. Interessant wäre es zu wissen, sozusagen statistisch ermittelt, ob das Element Wasser in der Figuration aller Elemente im Laufe der Kulturgeschichte die Oberhand behält. Ein Großprojekt.

      Liebe Grüße an dich und die fleissigen Buchfeen.

      Achim

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  4. “ … statistischen Anschlag auf mein Ruhebedürfnis …“😀

    Ach du liebe Zeit, Achim, das ist ja furchtbar. Ich ahnte nicht, wie groß die Gefahr tatsächlich ist.

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  5. Es ist schon erstaunlich, was man alles wissen und was man nicht wissen kann. Mein lieber Schwan! (Dabei kann man den Schwan jetzt wieder als Symbol für das Wasser nehmen oder als Allegorie zu „wundern“.) Entweder man ertrinkt darin oder man schwimmt.
    Eins steht mal fest: Es gibt Zeiten, da braucht man sowas.

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