Dublin – Baile Átha Cliath


Das folgende (Vorsicht !!) Gedicht schrieb ich 2005, anlässlich meines Besuches in Dublin. Meine drei (nicht Bronté !) Schwestern schenkten mir
zu meinem 50. Geburtstag diese Reise. Eine Reise, die zum Eindrücklichsten gehörte, was ich je genießen durfte.

Bronté Sisters

Bronté Sisters

Ich bin mir sicher, dass meine Schwestern mich nie als Branwell Bronté sahen. Diesen unglücklichen, im Schatten seiner berühmten Schwestern stehenden jungen Mann. Der sich, mindestens mit ähnlichem Talent gesegnet wie seine Schwestern, durch die Umstände einer unglücklichen Liebe und den daraus sich anschliessenden exzessiven Genüssen von Alkohol und Opium ans Ende seines jungen Lebens gelitten hat.  Was meine Schwestern gleichwohl schon immer sahen und als eine Art delirierende Sucht begriffen: Dass ich bis heute närrisch an der Geschichte Irlands hänge wie Remus und Romulus an den Zitzen der Wölfin. Und meine verrückte Anhänglichkeit gegenüber dem Irland der großen Dichter und Poeten als ungesund begriffen, jenseits der Maßstäbe eines geerdeten Lebenswandels. Die letzten Sätze werden sie als das verstehen, was sie zudem in mir vermuten: Den Hang zu ästhetischen Übertreibungen und zur Melodramatik. Sei es wie es will. Jeder schmückt sich mit feinen Federn des Begehrens von Aufmerksamkeit. Und die Beschäftigung mit Kunst, Literatur und Geschichte lässt viele Freiheitsgrade offen, sich ab und an in das ästhetische Gewissen derer, die mir zugetan sind, einzuschmeicheln. Ist das nicht schon Grund genug zu bloggen?

Ireland Dublin Howth Peninsula

Ireland Dublin Howth Peninsula

An einem wunderschönen sonnigen Donnerstag befand ich mich also auf der Halbinsel Howth, östlich von Dublin gelegen. Auf Howth lebte einige Zeit auch William Butler Yeats. An seinem Haus an den Klippen vorbei, stieg ich in den nur unzureichend befestigten Küstenpfad ein und erlebte eine Wanderung, die mir noch heute als betörend unwirklich erscheint, als ein Momentum absoluter Glückseligkeit und Herausgehobenheit aus allen zeitlichen Bezügen. Auf dieser Wanderung kristallisierte sich das zuvor in Dublin und Dun Laoghaire Erlebte wie in einem Stundenglas zu der Idee, ein Poem zu schreiben. Es sollte eine Widmung sein. Es sollte meine Zuneigung bezeugen: dem irischen Freiheitskampf, den literarischen Heroen Irlands und vor allem Dublin gegenüber. Den Blogs von Klausbernd Vollmar und Dina (Hanne) und ihren letzten Beiträgen ist es geschuldet, dass ich es über mich bringe, dieses Gedicht zu zeigen.

Dublin

Wieviele Brote schenkt dir die Nacht und welche Schlafstatt hast du aufgeschlagen? Und welchen Sohn schickst du durch den Abort von Hungerfetzen? Bekommst sie mit den Zitzen nicht mehr satt, die Kinder, die in schwarzer Frühe stehen, die Augen winseln noch nach Schlaf und dürre Köpfe, die noch schwer vom Dämmer sind und jener Hurennacht der blanken, baren Würde. Der Trommelmarsch deiner Rebellen, sie küssten schon die Schlachtbank und sind schon Elend im Verließ.

Du fliehst das Osternachtgeläut der Niederwerfung und rot-weiß-grüne Musen gehen dir durchs Mark. Sie stranden an den Tränken andrer Kapitale. Paris.Triest. Kein Telegramm zeugt von der Rückkehr deines Gossenkindes,  wenn es die schwarze Augenklappe und die Bordüre seines Ruhms in deinen Wanst aus Mergelfalten schlägt.

Hast deine Beine zum Empfang von tausend Dynastien nie ohne Metzenschalk gebreitet. Hast dich im nationalen Schlund tot gesoffen bis zum Grund. Die Stolzen, die du ausgespuckt, sind auch die Tumben im Urteil der Geschichte, ein Aufstand, wo nur Kinderzimmer war. Den Flausen der Romantik hast du die Piken in die Hand gedrückt. Die Mythen sind so wenig nahrhaft wie das Gras,  wenn es zum Fressen geht. Fianna Fail !

Wer nicht arm bleibt, säuft sich in deinen feisten Armen satt. Er schreibt sich ärmer, schreibt sich zur Höhe und geht doch nur als Lump, als Schande im Brokat. So schenkt man dir am Muttertag das Versprechen, treu zu sein dem heimatlichen Gift und gewöhnlich in der guten Stube, wo jetzt Asche hin zu ihrem Feuer geht. Ähnlich einem Laut der Dirne: Den Schwanz in ihrem Schoß verkettet, bevor die Segel Sandycove’s ihn in ein anderes Krähennest von lockenderem Fleisch verschiffen.

Deinen Unterleib schabst du in der Liffey aus, denn sie schleppt den gleichen Schlamm aus Brack und Epigonen, die  ihre Hörner zu den Mädchen tragen. Lieb Mutter, Kerkerschoß hinter georgianischen Fassaden. Du senkst den Siff ins Abendrot und sammelst ihn im Abtritt wie berankter Efeu, der deinen Atem überwuchert. Dein Glanz ist nur geborgter Widerschein.

Beleibte Mutter, Krake. Hältst mit der Sehnsucht freies Haus und kuppelst jedem Gockel seine Henne. Deine fruchtentleerten Kinder schönen dich nicht auf. So leihst du Myriaden aus, die um dich schwärmen, wenn du rufst. Neunmaldumm und alt an weheleiden Jahren. Ich bin dir, Trotz, in segenloser Neigung ganz verfallen. Und dieser Fluch der Sippenbande ist mit den Hufen einer Flucht durch kalte, graue See nicht zu besiegen. (© Achim Spengler)

Dublin Liffey

Dublin Liffey

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12 comments

  1. Da du die Brontës erwähnst: Es gibt eine sehr gute Biographie von Elsemarie Maletzke, aber vielleicht kennst du sie ja längst …

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    • Hallo Petra,

      ja, eine der schönsten (auch sprachlich schönsten) Biographien der Brontés. Sie hat mir die Schwestern und Branwell, das ärmliche Leben in West-Yorkshire und die Entbehrungen, unter denen sie allenthalben gelitten haben, plastisch vor Augen gestellt.
      Ich habe die Bronté Schwestern vor vielen Jahren gelesen und vor allem Emily’s „Wuthering Heights“ gehört zum Besten, was die Weltliteratur insgesamt zu bieten hat.

      Ich finde es schön, dass du den Weg hierher gefunden hast. Deinem Blog werde ich weitere Besuche abstatten, promised. Er hat sicher noch mehr philologische Kostbarkeiten zu bieten als das, was ich bereits las. You‘ re blogrolled🙂

      Liebe Grüße

      Achim

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      • Oh, das freut mich sehr : ) Wuthering Heights und Jane Eyre liebe ich auch sehr – und die Bücher und Artikel von Elsemarie Maletzke (sie schreibt ja auch gelegentlich für den Reiseteil der Zeit). Vor einiger Zeit las ich auch eine schöne Doppelbiographie von ihr über die Liebesgeschichte zwischen Elizabeth Barrett und Robert Browning (Eine Liebe in Florenz) – wieder mal empfehlenswert! Hab noch einen schönen Abend!

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        • Oh, Robert Browning und Elizabeth Barrett …….. die Tage werden nicht länger, die Liste der zu lesenden Bücher nicht kürzer. Man müsste ein Wechselbalg sein und neun Leben haben, um zu verhindern, dass sich der Neid der ungelesenen Bücher auf die gelesenen noch weiter ausbreitet🙂
          Einen schönen, besinnlichen Abend auch dir und liebe Grüße

          Achim

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  2. lieber Achim, ich sinke tief in deine Sprache und lass mir deine Bilder malen …

    und mittenrein steigt die Erinnerung hoch, an ein Buch von Frank McCourt Die Asche meiner Mutter. So bettelarm waren/sind die IrInnen und so viel wird gesoffen (oder wurde?). Armut will ertragen werden …
    ich war leider noch nie in Irland, gestehe aber, dass es mich seit vielen Jahren reizt. Klausbernd, Dina und du machen mich wirklich wieder neugierig.

    Dein gedicht werde ich bestimmt noch öfter lesen, wie alle deine Lrik bisher, ja, sie spricht mich sehr an.

    liebe Grüße, genieße das Wochenende
    Ulli

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    • Liebe Ulli,

      lieben Dank für deine lieben Worte. Armut will ertragen werden, ja. Aber Stolz und Würde sind den Iren eingebrannt, vielleicht auch wegen Armut . Die blutige Geschichte ihrer Freiheitsbestrebungen die Hungersnöte, die innerreligiösen Auseinandersetzungen und Barbareien machen sie für mich zu einem Volk, das aus der polaren Spannung von Liebe und Hass auf engem Raum eine der produktivsten literarischen Schmieden machte, weltweit.

      Liebe Grüße in den hohen Wald🙂

      Achim

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      • Hoi Achim,

        gerade sinnierte ich (wieder einmal) auf Sosos (www.sofasophia.wordpress.com) Blog darüber, ob erst das Leiden, der Schmerz, der Kampf die Menschen in die Tiefe führt. Ich gebe zu, der Zusammenhang war ein anderer, es ging um Liebesgeschichten und dass mir auffällt, dass die, die als gut in die Literaturgeschichte eingegangen sind immer wieder vom scheitern, von der unerfüllten Sehnsucht und… schreiben-
        Erst im Angesicht (dem spüren und be-greifen) von Leid, wird Glück spürbar?
        Erst im Angesicht von Unterdrückung, Barbarei und … bildet sich der Begriff Freiheit? Macht aus müden Menschen Kämpfende?
        Die Geschichte, die Literatur sprechen in unzähligen Episoden genau hiervon … was wäre mit den Menschen, wenn es keine Unzufriedenheit, keine Gier, keinen Hass. keinen Neid gäbe?
        Weit sind wir, als Menschheit, davon entfernt …

        kleine Gedankenwellen zum späten Feierabend … ich hoffe du kannst etwas damit anfangen
        herzlichst Ulli

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        • Liebe Ulli,

          die Geschichte der Liebesgeschichte in der erzählenden Literatur ist zugestandenermaßen reicher an Schilderungen von unglücklichen, denn von glücklich endenden Lieben. Wenn man die Anstrengungen der Kunst nun als etwas begreift, was durch existentielle Grenzerfahrungen motiviert ist, so kommen wir den archetypischen Mustern ziemlich nahe, die zu solchen Grenzerfahrungen gehören. Leid, Kummer, Angst, vergebliche Hoffnung, sinnliche Traumata, Gewalt, Trauer etc.
          Vielleicht dient als Folie für alle diese im Erzählten sich niederschlagenden Metaphern und Allegorien die Endlichkeit unseres Daseins, insofern auch die Vergeblichkeit unserer Mühen und Hoffnungen. Ich glaube in der Tat, dass die existentielle Angst uns oft außerstande setzt, das zu beschreiben, was wirklich glückhaft gelingt. Das Glück, und insbesondere die Erfahrung dauerhafter Liebe wäre ja ein Wink hin zu einer Art Unsterblichkeit der Seele. Und dies ist uns leider nicht gegönnt.
          „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“, hat mal jemand festgestelt. Damit will ich sagen, dass es einen ursprünglichen paradiesischen Zustand des Glücks, des Friedens und humaner Mitmenschlichkeit nicht gab. Ja, ich bin der Meinung, dass „erst im Angesicht von Leid“ Glück spürbar wird, wie du es schreibst. Und die Erfahrung von Barbarei vielleicht der wirkliche Grund ist, warum wir über Freiheit nachdenken und versuchen sie zu leben.

          EIn Thema, über das ich wohl noch intensiver nachdenken muss …..

          Gute Nacht dir
          und lieben Gruß

          Achim

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  3. Lieber Achim.
    du bist aber reich beschenkt worden, liebe Schwestern hast du!
    Meine erste Reise nach Irland bekam ich ebenfalls zum 50.Geburstag geschenkt. Ein paar Jahre nach dir. Von einer Irin, (eine Nachfahrin der Grace O’Malley) die dann 10 Tage lang das wunderschöne Land von Kerry nach Achill mit mir bereiste und all ihre geheimen Lieblingsplätze an der Westküste zeigte. Und ja, seit dem bin ich süchtig nach Irland und kann dich so gut verstehen.
    Herzlichen Dank für dieses wunderschöne Gedicht, ich habe es mir erlaubt zu kopieren, ich habe eine große Datei für Lesenswertes und Verwertbares, du liest wieder von mir…🙂
    Ja, und natürlich ganz liebherzlich, etwas gerührt, bedanke ich mich für die Erwähnung im Artikel. Tusen takk!
    Für mehr reicht die Zeit leider nicht…
    Hanne

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    • Liebe Hanne,

      das ist ja ein schöner Zufall, dass auch du ein „irisches“ Geschenk zu deinem 50ten erhieltst🙂 Ich war davor schon einmal in Irland, 1979 …… die Zeit, die Zeit. Als junger Dachs und mit zwei Kommilitonen an meiner Seite. Die Eindrücke von damals sind verblasst und die eigentliche Liebe zu Irland stammte aus den Zeiten lange danach. Offensichtlich erlebe ich DInge bewußter in vorgerücktem Alter, als hätte die auf Widerruf „Gestundete Zeit“ an der Intensität des Erlebten mitgewirkt.
      Schön, dass dir das Gedicht gefallen hat. Das freut mich umso mehr, da ich bisher nie den Mut hatte, es zu veröffentlichen. Vielen Dank dafür, auch dafür, dass du es in deine Datei aufnimmst.

      Liebe Grüße

      Achim

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  4. Kleiner Nachtrag zu Elsemarie Maletzke: Sie hat nicht nur die hier erwähnte sehr gute Bronté-Biografie geschrieben, sondern ist ja auch darüber hinaus der englischsprachigen Literatur sehr eng verbunden. Ihre Jane Austen-Biografie ist ebenfalls sehr lesenswert, ihre George Eliot-Biografie dagegen ist leider – wie ich finde – missglückt, vielleicht deshalb, weil man, wie mir scheint, dem Buch anmerkt, dass Frau Maletzke George Eliot eigentlich nicht mag. Über eine weitere englische Schriftstellerin hat sie einen sehr anrührenden, lebendigen, aufwühlenden Roman geschrieben (Fanny Burney = „Miss Burney trägt grün“), der – das dürfte dich, lieber Achim, dann besonders interessieren – auch zum Teil in Irland spielt (Fanny Burneys Stiefschwester verschlägt es dorthin und sie kämpft dort einen wilden, einsamen, traurigen Kampf mit dem Leben und der Natur, den sie am Ende verliert). Uuuuuund: Elsemarie Maletzke ist selbst Romanfigur – in Eckhard Henscheids „Vollidioten“ ist sie als „Fräulein Cernatzke“ vereweigt.

    Vielleicht ist das ja alles bereits bekannt, aber da ich Frau Maletzke schätze, wollte ich die Ergänzung gerne hier lassen.

    Zwischen-den-Jahren-Grüße von: K.

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    • Dann wird es Zeit, dass sich jemand unserer Studentenzeit in Form eines Schlüsselromans annimmt🙂. Bin gerade dabei mir Gedanken zu machen, mit welchen fiktiven Namen man die Hard-Core Beteiligten ausstaffieren sollte. Den Titel trage ich schon auf der Zunge: „Rockland in A flat minor“. Ein Roman über den Eskapismus der um zehn Jahre verspäteten Low-Lost-Generation.
      War mir nicht bekannt, das Frau Maletzke überhaupt im Dunstkreis der Leute um Henscheid stand, thanks for this information. Jetzt erhellt sich für mich wenigstens der Grund ihrer Flucht auf die Inseln🙂. Ich sollte öfter die Waschzettel lesen.
      Heute just eingetroffen ihr „Eine Liebe in Florenz“ *freu. Robert Browning und Elizabeth Barrett. Da hüpft das Herzelein in Lektüre Vorfreude.

      Guten Schwung im Rutsch ins neue Jahr wünscht

      Achim

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