Lux in Tenebris


Heute hörte ich, dass sich der Schnee zu Weihnachten wieder verabschiedet haben wird. Eine schlimme Nachricht, schleppe ich doch die kindliche Verinnerlichung weißer Weihnachten mit mir herum wie die Erinnerung an ein anrührendes Geschenk. Weihnachten ohne Schnee ist wie Fisch ohne Gräte, ist wie ein Gedicht, das mich emotionslos zurücklässt. Ist wie das Lesen von Todesanzeigen, die man kaltblütig studiert, um sich des eigenen Fortlebens zu vergewissern.

Schnee ist Licht in der Dunkelheit und als Dezemberkind weiß ich ein Liedchen davon zu singen, wie es ist, wenn davon zu wenig auf meine Synapasen fällt. Schnee kredenzt als gern genutzter Topos von allerlei Weihnachtsgeschichten wundersame Vorstellungen von Ewigkeit, Friede und wachem Schlaf. Er dämpft die Hitze apokalyptischer Gedanken und weckt die Illusion, dass das Weltentreiben und seine Katastrophen vernachlässigbare Unkenrufe unverbesserlicher Pessimisten sei, um Himmels willen nicht der Rede wert und schon garnicht ernstzunehmen. In Abwandlung eines Zitats von Oscar Wilde: Schnee ist ganz nutzlos, das macht ihn so wertvoll. In Wilde’s Zitat war allerdings von Musik die Rede.

Charles DickensAndere Witzbolde behaupten, den Engländern gehe jeder spirituelle Instinkt ab. Deswegen hätten sie das Cricketspiel erfunden, um ein Gefühl von Ewigkeit zu bekommen. Ich würde alles in meiner Macht Notwendige tun, um ganz England vom Cricketspiel zu befreien. Denn Schnee tut es auch, dieses Erheischen eines Gefühls von Ewigkeit. Ich wünsche England inbrünstig, dass es ungeachtet seiner Regionen flächendeckend und ganz und gar unter dem Firnis des  Dickens’schen Schnees seiner Weihnachtsgeschichte zu liegen kommt und träumt.Für mich besitzt der Schnee beides: Schönheit und die Potenz, Schönes zu bewirken. Er ist das Edelste, was die wundersame,  sich selbst schaffende Natur aus ihren Schönheitsminen ans Tageslicht förderte. Wie rührselig, wenn ich darüber nachdenke. Aber Nachdenken hebe ich mir für andere Jahreszeiten auf, den Jahreszeiten der Kopfgeburten.

Early right anterior negativityAn dieser Stelle ist eine kurze Abweichung notwendig. Mit ERAN (Early Right Anterior Negativity) wird eine Art Überraschungsreaktion bezeichnet, die man bei Probanden auf der rechten Schläfenseite des Hirns ablesen kann, wenn eine bestimmte Erwartung nicht erfüllt wird. So wurden  Probanden Musikstücke vorgespielt. Es ging dabei um die Frage, wie das Gehirn reagiert, wenn es einmal das originale Musikstück zu hören bekommt, anschließend eine weniger harmonische Version des gleichen Stückes, um einen Ganzton nach oben als auch um einen Tritonus nach unten versetzt. Ohne überhaupt musikalische Kenntnisse zu besitzen (Harmonielehre etc.) reagierten die Probanden auf beide Stücke in unterschiedlichen Regionen ihres Gehirns. Das Ergebnis war eindeutig: Wird die Erwartungshaltung, durch das erste harmonische Stück erzeugt, durch das zweite disharmonische Stück verletzt, baut sich vor allem über der rechten Schläfe ein typisches Potenzial auf. Mit ERAN lässt sich dokumentieren, inwieweit die Testpersonen Unregelmäßigkeiten in der Musik überhaupt bewusst wahrnehmen. Den meisten Versuchspersonen waren die tonalen Verschiebungen im disharmonischen zweiten Stück nicht aufgefallen. Sie reagierten gleichwohl auf die Störung, ohne es zu merken. Sie waren musikalischer,  als sie selbst gedacht hatten.

Für mich gilt ERAN, so befürchte ich, auch in Zusammenhang mit Schnee. Wenig Schnee, viel Schnee, alle Facetten von Schnee. Jede Abweichung von harmonischem Schneefall, jedes Ausbleiben von Schnee, all dies beantworte ich gewiss mit unterschiedlichen Arten von Hirnreaktionen, in den verschiedensten Arealen. Sollte der Schnee an Weihnachten tatsächlich ausbleiben, lege ich mich in die Röhre und lasse mich messen. Im neuen Jahr verrate ich euch, in welcher meiner Hirnregionen der Alptraum einer schneelosen Weihnacht spukt.

Und jetzt Kate Bush, für alle die, die den Schnee vermisssen werden zum großen Fest.

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4 comments

  1. das kann ich mir gerade eben überhaupt nicht vorstellen, dass diese Schneeberge in zwei Wochen verschwunden sein sollen.
    Aber ich bin auch nicht programmiert, habe ich doch mehr Weihnachten ohne Schnee erlebt, denn mit, also ehemalige Rheinländerin kam der Schnee, wenn überhaupt, erst später im Jahr.

    Sehr interessant was du über ERAN schreibst. Wieder einmal ein Beweis, dass wir mehr wissen, mehr merken, als uns dann tatsächlich bewusst ist.

    deine Seite ist wunderbar geworden
    genieße das Wochenende
    herzliche Grüße aus dem winterlichen Hochschwarzwald
    Ulli

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  2. Vielen lieben Dank für deinen Kommentar. Schön, dass das jetzt so wunderbar funktioniert. Als mittelrheinländliches Kind erlebte ich weiße Weihnachten zuhauf. An Heilig Abend, aus der Kirche kommend, mit der schier unerträglichen Lust auf Schnee (und auf die Bescherung, natürlich), stapfte ich meine Wege zurück nach Hause. Es wurden bisweilen längere Wege, da mein Blick oft vom Weg abkam und ich staunend zum Himmel aufschaute, der nicht mehr aufhören wollte weiß zu regnen.
    In Freiburg sind wir die letzten Jahre ja nicht mehr gebenedeit unter den Schneemenschen, was gäbe ich dafür, in den Höhen des Schwarzwaldes durch dunkle Wälder zu stapfen.

    Sei lieb gegrüßt

    Achim

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  3. Herzlichen Dank für die Leihgabe dieses Textes, ich habe mich gefreut.
    Sei gespannt!🙂

    Ich habe mit Genugtuung festgestellt, hier erscheinen Schnee, England und Kate Bush ohne Stephen Fry.:-) ich habe nichts gegen den Mann, abgesehen davon, in England ist er allseits präsent.

    Liebe Grüße
    Hanne

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  4. Hallo Hanne,

    zu Stephen Fry habe ich, und ich hoffe, ich düpiere dich jetzt nicht, ein fast zärtlich zu nennendes Verhältnis🙂 Auf ihn nehme ich in diesem Blog auch öfter Bezug. Ich liebe weniger seine allgegenwärtige Präsenz in den englischen Medien und seine Heerschar von Sitcoms und Filmen. Wiewohl mir die Serie „Kingdom“, die ja in Norfolk spielt, sehr gefallen hat, hat sie mir doch diesen Landstrich sehr ans Gemüt geheftet und den Wunsch erweckt, dort einmal einige Zeit zu verbringen.
    Was mir gefält sind seine „Fry Chronicles“, deren beiden ersten Bände ich auf Deutsch gelesen habe. Darüberhinaus kann ich jedem Lyrikliebhaber sein Buch „The Ode less travelled“ wärmstens ans Herz legen. Dieses Buch hat mir drei Jahrzehnte nach meinem Studium noch einmal die Augen geöffnet, als es um das Auffrischen meiner Kenntnisse über Reim und Versform, Rhythmus und geschichtliche Stilformen der Lyrik ging.

    Liebe Grüße

    Achim

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