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Generationenkonflikt


Das zweifelhafte Vorrecht älterer Menschen liegt ganz in der mehr oder weniger misslungenen Überwindung biomechanischer, mentaler und kommunikativer Hindernisse. Da ertappt man sich bei der überheblich daherkommenden, lehrerhaften Attitüde der Vermittlung des gesammelten Lebenswissens an junge Menschen. Man würde diese zu gerne, wie in altvorderen Schulzeiten, übers Knie legen wollen, sobald sie signalisieren, dass es ihnen vollkommen schnuppe ist, was der arrogante alte Sack im Laufe seines Lebens auf der Lesepritsche so alles an überflüssiger Bildung in sich aufgesogen hat.
Oder man denke nur an die grauslichen Begebenheiten fehlgeschlagener Kommunikation, als würden sich ganze ureigene Entwicklungsgeschichten unterschiedlichster Universen zwischen die Verständigung von Alter und Jugend schieben. Die Kommunikation zwischen Erde und Mars gelingt da wesentlich besser.
Heute kam für mich die Erfahrung eines körperlich schier unüberwindlichen Hindernisses zum Ausleben des Generationenkonflikts hinzu. In der Hofeinfahrt zum barocken Mehrfamilienhaus, in dem ich wohne, steht ein Jacobi Umzug Pritschenwagen. Sich links und rechts daran vorbei zu mogeln hätte die wundersame Verwandlung meines Leibes in die Planebene eines Schattenrisses erforderlich gemacht. Mir blieb nichts anderes, als mich über den Drahtzaun der nachbarlichen Hofeinfahrt zu schwingen, mit der Aussicht, dort hängen zu bleiben und mich samt den Utensilien meines Wochenendeinkaufs ganz veritabel auf die Fresse zu legen.
Angesäuert wie ich war, stieg ich die Treppen hoch zum vierten Stock, um bei den Neuankömmlingen in der Nachbarwohnung auf meinem Stockwerk mal ordentlich Dampf abzulassen. Ich gestehe, dass ich geradezu begierig solche Situationen nutze, um kundzutun, dass ich erstens noch existiere, dass zweitens meine Vorstellungen von Moral absolut integer sind und dass ich drittens alles Recht dieser Welt habe, mich als älterer Herr in das Gedächtnis der Lebensgeschichte meiner neuen Mitbewohner einzubrennen. Welche übrigens kaffeeschlürfend und jugendlich tiefenentspannt auf den Kisten ihres Umzuges saßen und sich die Welt gut gehen ließen. Aus der biomechanischen Limitiertheit meines alten Körpers habe ich einen schönen netten Sturm im Wasserglas gezaubert.  Denn viertens gelang es mir, ihnen eine Vorstellung zu geben davon, wie ich reagiere, wenn ich die Dinge persönlich nehme und alle Unbill dieser Welt auf mich gemünzt empfinde.
Und wie es so ist, so wie es immer ist und sein wird, gelang es dieser Jugendbande, mir den Wind der Empörung aus den Segeln zu nehmen. Indem sie mir, immer noch tiefenentspannt und ganz so, als hätten sie sich einen Joint reingepfiffen, zu verstehen gaben, ich solle mich mal nicht so haben und überhaupt, sie hätten sich im Stress des Umzugs nichts böses dabei gedacht.
Kurz, sie entfachten in mir sofort die Schwester (oder den Bruder) meiner Empörung: das schlechte Gewissen.
Ein letztes Ziel wird mir also bleiben. Dass ich das Geschwisterchen des schlechten Gewissens ganz aus der Gleichung der Empörung zu elimieren habe. Aber das wird wohl erst dann der Fall sein, wenn ich im Zustand der Demenz vergesse, wo meine dritten Zähne abgelegt sind und mich und mein Selbst nicht mehr aufzufinden vermag.
Heute Abend stelle ich meinen neuen Nachbarn eine Flasche Rotwein vor die Wohnungstür, mit der Bitte,  den schlechten Anfang unseres Kennenlernens einfach hinunter zu spülen. Nichts für ungut.
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