Identität


Identity, Identität

Die letzten Tage waren durch die Auseinandersetzung mit einem Thema geprägt, das ich in der Vergangenheit wenn, dann nur sporadisch im Fokus eines irgendgearteten Interesses hatte. Wenn mich jemand nach dem tiefsten Grund meiner Identität als Mensch und Mann gefragt hätte, ich hätte ihm antworten müssen: Bezüglich der Weise meiner Aneignung und wertenden Verarbeitung der mich umgebenden ökonomischen und soziokulturellen Matrix, bin ich der theoretisierende Sachwalter dieser Matrix, mit Berührungsängsten, wenn es darum geht, die Konvolute gewonnenen Wissens in praktischen, gelebten Vollzug zu überführen. Diese Denkart und Haltung empfinde ich als vollkommen unabhängig vom zufälligen Geschlecht, welches ich repräsentiere. Als „Frau“, so meine Vermutung, würde ich genau so denken und die gleichen Haltungen an den Tag legen.

Die Faszination, die von philosophischen und politischen Denksystemen ausgeht, füllt mich mit tief empfundener innerer Befriedigung, ausreichend, um die Tage damit brütend zu verbringen. Sättigend, auch wenn mir klar ist, dass ich von der Schönheit der Gedanken in einer Art halluzinierender Distanz zur Tagesaktualität gehalten werde. Und ich mir sehr wohl darüber bewusst bin, dass  Engagement, als Lockruf der Praxis, auch in der Werteskala meiner Theorienbildung eigentlich ganz oben stehen müsste. Dort stand es aber nie. Was ganz oben stand war der Gedanke, dass politisches oder soziales Engagement, oder beides,  mich in letzter Konsequenz zur Einsicht in die Tatsache eines Nullsummenspiels geführt hätte: Aktive Teilhabe an Willensbildungsprozessen, die folgenlos bleiben, weil sie im Kräftefeld unterschiedlichster Meinungen und Haltungen aufgesogen, aufgehoben  und neutralisiert werden. Ob als Mann oder Frau, ich behaupte, dass diese meine Selbstbeschreibungen auf beide biologischen Geschlechter zuträfen, sofern ich beide repräsentieren könnte.
Judith Butler vertritt in ihrem Buch „Das Unbehagen der Geschlechter“ die These, dass nicht nur das „soziale Geschlecht“ (gender) und die damit in Zusammenhang stehenden Geschlechteridentitäten sozial konstruiert und die Geschlechterrollen durch patriarchalische Macht- und Zuweisungsstrukturen definiert sind, sondern auch das „biologische Geschlecht“ (Sex) als konstruiert zu begreifen ist: Die Einteilung der Menschen in die Zweigeschlechtlichkeit, in die Kategorien „männlich“ und „weiblich“, sei demnach ein diskursives Konstrukt, das eine angebliche, natürlich-biologische Tatsache zum Vorwand nimmt, Herrschaft und Macht auszuüben (Wikipedia). Diese Kategorisierung schließe alle diejenigen aus, die ihre Körperidentiäten gerade nicht aus der Tatsache ihres biologischen Geschlechts beziehen und sich auch nicht durch die Zuschreibung ihres „sozialen Geschlechtes“ dingfest machen lassen wollen.
Wenn man mich also fragt, welche die Eckdaten meines für mich stimmigen selbstidentischen Mannseins sind, also die Frage der Geschlechtsidentität oder der sexuellen Identität, müsste ich antworten, dass ich dieses „So-Sein“ nie hinterfragt habe. Soll heißen, dass ich mit dem „biologischen Schicksal“, das mich zum Mann hat gebären lassen, keine Rechnung offen habe. Mein biologisches Geschlecht ist in Hinsicht auf das Begehren deckungsgleich mit meinem sozialen Geschlecht. Mit dem auf das weibliche „Geschlecht“ bezogenen sexuellen Begehren artikuliert sich ein für mich vollkommen stimmiges Begehren. Mich jedoch in den Kopf und das Herz von mir als „Frau“ hineinzudenken, fällt mir schwer. Und diese Schwernis interpretiere ich so, als dass das sexuelle Hingezogensein zu einem Mann, als „Frau“, zwar als wahrscheinlich gelten mag, aber nichtdestotrotz  mit dem Schleier des Befremdlichen, gar Fremden überzogen ist. Vielleicht liegt in diesem Umstand die „negativ“ bestimmte Identität meines Mannseins, insofern, dass ich mir nicht wünsche, eine Frau zu sein, ich mir nicht wünsche als Mann einen Mann sexuell zu begehren.. Dieser Wunsch tatsächlich nicht zu meinem Gefühlshaushalt gehört.
Die Tatsache, mich als Mann zu fühlen, hat für mich lediglich eine praktische Bedeutung. Daran ist nichts Offenes, Unausgesprochenes, Verdrängtes. Theoretisch darüber zu spekulieren, ob es für mich andere, lebbare Geschlechteridentitäten gäbe, kann ich als fachsimpelnde, diskursive Spielerei begreifen und als mehr nicht. Ich habe kein Problem damit, dass mir das männliche Geschlecht durch die Biologie mitgegeben wurde. Ein Problem habe ich aber damit, dass es mir auch durch kulturelle Einschreibungen oktroyiert wurde und noch oktroyiert wird, von einem gesellschaftlichen Diskurs, der männlich geprägt, von Machtbestrebungen durchzogen und dafür sorgt, dass das Besitzstanddenken des sich überlegen dünkenden männlichen Geschlechts auch in mir einen dankbaren Abnehmer findet.  Es jetzt höchstlich an der Zeit, mich dazu zu befragen.
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1 Kommentar

  1. Danke erst Mal für Deinen Artikel! Dein Schluss klingt für mich ein wenig nach der Unterscheidung: biologischer Körper ist OK / soziokulturelle Rolle ist oktroyiert und freiheitsberaubend. Für mich – und habe ebenfalls eine Identität als vorwiegend heterosexueller Mann – hat sich diese Unterscheidung in letzter Zeit ein bisschen verwaschen. Einerseits muss ich sagen, dass mir die männliche Kultur, deren Teil ich bin (kurz und ungenau gesagt) durchaus viele Handlungsmöglichkeiten gibt, dich auch stets und praktisch unbemerkt wahrnehme. Mein Gender ist nicht einfach meine Unfreiheit, zumal ich ja auch die Bedeutung und konkrete Gestaltung meiner Identität als Mann verschieben und erneuern kann. Auf der anderen Seite beschränkt mein Körper mich auch, abgesehen davon, dass ich ihn akzeptieren muss, wo ich ihn nicht verändern kann. Mein Körper verwehrt mir sowohl die Erfahrung der Schwangerschaft und der Geburt, als auch die des Sex einer Frau (mit einem Mann). Dass beides auch Schmerzen und Leiden bedeuten kann, führt wohl dazu, dass ich diese Beschränkung nicht nur bedauere, und keineswegs könnte ich behaupten, dass ich unter dem Mangel dieser Erfahrungen leide.

    Aber, so behaupte ich, diese Beschränkung macht einen Teil meines Gender aus. Hier unterscheide ich mich vielleicht von Butler und auf jeden Fall von vielen ihrer Anhänger_innen, die den Körper als leere Tafel sehen, auf die ich alles Mögliche schreiben kann. (Vgl. auch Robert Connell) Ich kann meinen Körper sicherlich verändern, gestalten (oft unter Leid und Schmerz), aber ausgesucht habe ich ihn mir nicht. Jeder Körper hat Grenzen der Verfügbarkeit über ihn. Ich denke, gerade die Grenzen des Körpers beeinflussen die Geschlechtsidentität, zumindest genau so sehr wie meine Imagination von meinem Körper, und gelegentlich, jetzt hänge ich mich mal weit aus dem Fenster, tut auch ein bisschen Trauer um die vergebenen Möglichkeiten meines Körpers not.

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